Nächste Woche das zweite Referat in diesem ersten Semester nach der Kinder-Auszeit.

Ich hatte mich so halb unter Vorbehalt gemeldet, nachdem der Kleine wegen Fieber, Husten und Quengelei aus dem Kindergarten abgeholt werden sollte. Der Karpate ist ein Guter, er hat Urlaub gehabt diese Woche und sich eigentlich nur um mich und die Kinder gekümmert und dennoch waren diese zwei Wochen des Wiederzurechtfindens an der Uni die anstrengendsten seit die Kinder da sind. (Wer mir jetzt damit kommt, daß es für Muttis daheim mit den Kindern wohl doch sooo gemütlich ist, den schlage ich windelweich.)
Nun also das zweite Referat in der dritten Woche und keine Ahnung, wann ich dazu kommen soll. Die Kinder schlafen momentan nicht wirklich, erst schläft Lea nicht ein und dann wacht Benni immer vom Husten auf, jetzt ist er auch noch krank und kann nicht in den Kindergarten und die Lektüre der am dringendsten empfohlenen Bücher, die natürlich allesamt Präsenzbestand sind, wird beinahe unmöglich. Eigentlich stehen sie großenteils auch in der Staatsbibliothek, dort aber ist ausgerechnet eines der größten Magazine asbestverseucht (?) und kann bis auf weiteres nicht benutzt werden.
Mit einem kranken Kind kann ich nicht durch die halbe Stadt fahren (Benni hustet im Moment so quälend, daß es ihn dabei würgt.), mit Kind kann ich nicht in der Bibliothek sitzen, und selbst wenn ich es schaffe, Literatur zu entleihen oder zu kopieren, komme ich kaum zum Lesen, weil immer mindestens ein Kind da ist und schreit und hustet und Blödsinn macht. Davon, daß ich so gut wie gar nicht schlafe, ganz zu schweigen. (Und davon, daß mir regelrecht schwindelig ist vor Müdigkeit, auch.)
Ich denke dann immer, die anderen schaffen es ja auch, arbeiten, studieren, obwohl die Kinder noch so klein sind, die Probleme werden die gleichen sein, nur sieht man das von außen nicht. Ich sehe offenbar auch bilderbuchfit aus, einigermaßen schlank und gar nicht so wahnsinnig müde.
So kann man sich täuschen.

Die Kinder sind jetzt groß. Die Uni hat mich wieder.
Der erste Tag, es war letzte Woche, hallt noch nach. Erwachsene! Sie sprechen Fachsprache und ich verstehe sie. Nach all den Jahren! (Zweieinhalb.)
Seitdem rast die Zeit: Aus dem Bett in den Kindergarten in den Bus in die Uni in die Bibliothek in den Bus in den Kindergarten, langsam langsam viel zu langsam VERDAMMTNOCHMALLAUFTDOCHENDLICH — ach ja, Geduld! — langsam nach Hause spazieren, Treppenhochbuckeln Gekreisch Geheul Abendbrotshunger kleine Kinder die Küche sieht saumäßig aus ab ins Bett, durchatmen. Abwaschen Wäschemachen Lesen Mutti ab ins Bett. Den nächsten Tag genauso.
Morgens spielt Benni immer mit den Büchern im Regal, denn draußen ist es noch so dunkel, daß dort das Licht angeschaltet ist und so sieht er seine Lieblinge: Fedins Flamme, Schallücks Paradies, welches neuerdings, ohne den türkisfarbenen Schutzumschlag langweilig geworden scheint, den großen Webster und eben den Luther.
Lea wagt sich nicht mehr ans Regal, seit sie das Grauen sah: Wera Panowas Mit 17 ist man jung. Ein Roman für alle (Verlag der Nation, Berlin 1962). (Klick! Unbedingt!) “Die Frau weint immer!” So ein Cover kann eine kleine Kinderseele schon erschüttern, aber ich verstehe sie. Mein Leben lang werde ich Schiß vor den Illustrationen unserer alten Hauff-Ausgabe haben, und den Alptraum vom Gestiefelten Kater — er kam hinter dem Ofen hervor und stand mannsgroß in der Tür — vergesse ich auch nie.

Ein Bild aus guten Zeiten: Die beiden stehen vor meiner sorgfältig chronologisch geordneten Nabokov-Sammlung, ziehen hier einen Band aus dem Regal und stellen dort einen ein, wo er gar nicht hingehört … nicht einmal damit kann ich die Kleine noch locken, olle Panowa, ey!
Benni hingegen war nachhaltig enttäuscht, als er trotz aller Bemühungen einsehen mußte, daß sein bunt bedrucktes Stullenbrettchen nicht ein weiteres aufklappbares Pappbuch ist, sondern eben — ein Stullenbrettchen.
Und damit bald noch mehr Stulle aufs Brettchen kommt und wieder mehr Luther ins Regal, hat mich die Uni wieder, das Studium will schließlich beendet werden. Wie ich den Spagat zwischen Kindern, Haushalt, Studium, nachts viel arbeiten und wenig malen und noch weniger schlafen schaffen soll, ist mir zwar noch nicht ganz klar, aber manchmal bin ich ganz Fernet Branca:
Man sagt, er habe magische Kräfte.
Heute bin ich mutig: Nach langer Zeit sollen es mal wieder die weißen Schuhe sein, Sneakers, vor drei oder vier Jahren gekauft. Kaum getragen, nur beschützt, als hätten sie das nötig.
Jetzt beschütze ich anderes, also kann ich sie nun tragen. Sogar bei so Wetter.
Es ist ein Abenteuer, wie Balancieren auf dem Gehweg: Du weißt, irgendwann wirst du die Linie treffen, egal wie sehr du versuchst, immer und immer wieder daran zu denken, daß die Fugen die Füße zerschlitzen werden, daß dort der Abgrund lauert, wo das Unkraut wächst.
Und dann ist es wirklich geschehen. Ich bin abgerutscht. Vorn auf dem Veloursleder ist ein Fleck vom Dreck der Straße. Nun juckt und kitzelt es mich, ihn wegzuwischen.
Ich war noch nie lässig.
Ich widerstehe. Werde ich vielleicht …?
Ich widerstehe immer noch. Gehe weiter. Muß mich sehr zusammennehmen, nicht niederzuknien und den Fleck wegzuwischen. Schuhe müssen sauber sein. Lieber ungetragen als verdreckt. Lieber geschont, bis sie mir nicht mehr gefallen, als versaut.
Versaut, was für ein Wort! Man muß das Leben zulassen, den Dreck, die Spuren. In mancher Hinsicht kann ich das. Ich trage jetzt ausgeschnittene Shirts, und wenn jemand gucken möchte, soll er doch. Meine Herznarbe sehe ich nicht mehr, der Karpate sieht sie nicht mehr, die Kinder kuscheln und fahren ihre Linie nach. Angesprochen werde ich selten. Ich bin überrascht, was ich jetzt kann. Durch Pfützen laufen, im Regen über einen ungepflasterten Weg gehen.
Die guten Schuhe!
Ich kann das jetzt, Sachen benutzen, beschmutzen, sein lassen, nicht sofort einschreiten und alles wieder ordnen. Es ist anstrengend, immer hinterher zu sein, es ist auch anstrengend, es nicht zu tun, und doch fühlt es sich irgendwie an wie Urlaub. Urlaub vom Labyrinth und der Rattenfalle des Das-muß-so-sein. Muß es nämlich nicht.
Es gibt so Tage, da frage ich mich beim Highspeeddurchklickern und Superschnellnurmalebenmarkieren im Feedreader, warum ich eigentlich so selten Linklisten poste, wo es doch solch wunderbare Beiträge gibt. Heute war so ein Tag und vorgestern auch, also bitteschön:
Den Anfang macht Keyka Lou, deren Schnittmuster und Berichte — und Fotos — von ihren Projekten so wunderwunderschön sind, daß ich jetzt auch wieder öfter nähe. Hier geht es um die Batik Messenger Bag. So eine will ich auch!
Und dann hätte ich auch gern noch den Weihnachtsmannstoff, jetzt, wo der Winter beinahe schon wieder vor der Tür steht, weil schon die alte Weisheit besagt: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel .
Nach K kommt L und Anne Montel (Le blog d’Anne Montel heißt es im Feedreader). Wie beinahe jeden Tag ein tolles Bild, heute mit Tee und Regenbogen, und dann noch Schaum, Schaum, überall Schaum
Leigh Reyes stellt einen Pinsel vor. Das klingt erst einmal unspektakulär, ist es aber nicht.
Andrea Joseph beschreibt ihre Arbeitsweise beim Zeichen von, äh, Sneakers, unter anderem. (Teil I: Two way street, Teil II: Through your window)
Bei Moleskinerie hat das Bild in diesem verlinkten Artikel meinen Blick gefangen, die Schirmchen haben es mir angetan. [Ich habe von ihnen geträumt, aber shhh!]
Außerdem hat dort die Bastelfraktion wieder zugeschlagen. Hübsch.
Danny Gregory hängt seinen Tagträumen nach, die für mich nur zu nachvollziehbar sind, Art Supply Porn, indeed.
Gelernt habe ich schon viel vom Lexikaliker, und auch über die Reißzwecke gibt es durchaus noch so einiges zu erfahren!
Sweet William sind immer für Augenzucker gut, nicht nur Our little Camille ist herzallerliebst. Wenn mal wieder alles drunter und drüber geht, gehe ich kurz rüber und seufze OOOOH.
Danach gibt es dann tadelloshimmelblaues Frühstück mit Merz Spezialdragees (?) in meinem Traumhaus in Uruguay (Himmel, ist das schön!), bevor es wieder ernst wird.
Im Druckerey-Blog findet sich leider ein Text der traurigeren Sorte, ein Nachruf, der allerdings so herzlich und auch interessant zu lesen ist, daß ich ihn nur empfehlen kann. Wie das ganze Blog überhaupt.
Dit wa’n se, meine Links. Tschüss.
meinetwegen könnt ihr ruhig ein paar Duftstoffe in eure Cremes mischen, wenn diese dadurch endlich nicht mehr so nach Kartoffelwasser riechen.
Hochachtungsvoll
Julie Paradise
nicht da ist, benutze ich sein Duschgel und fühle mich ganz grün dabei.
(Ich bin sehr viel allein gerade.)
Ich habe genug Stifte für den Rest meines Lebens. Wirklich, inzwischen bin ich mir sicher: Selbst wenn ich weiterhin regelmäßig zeichne, reichen die angesammelten Farb-, Graphit- und sonstigen Stifte für die nächsten Jahrzehnte (vorausgesetzt, es sind keine Minen gebrochen o.ä.)
Das beruhigt mich. Sehr.
Wie ich soeben bei indigiodian gesehen habe, sind die tolle Franzi und ich neben vielen anderen Mädels und Damen in der Joy. Fanfarella hat ein paar Fotos gemacht und ich bin ein bissi aufgeregt.
Kinderfotos! Mehr Kinderfotos! Die besten und schönsten und tollsten (najut, ziemlich viele wunderbare sind es aber auf jeden Fall) hat der flickr-Stream von young@art
Im Vergleich zwei paradiesische Kinderbilder:

[Maus]

[Murkel]
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Laut Notizbuchblog-Durchsage werden bei Manufaktum als Julie-Aktion gerade kiloweise Notizbücher aus den 60er und 70er Jahren verkauft, je nach Art zu 12 bzw. 19 Euro. Das aber leider nur in einigen Niederlassungen. [Auf manufaktum.de konnte ich leider keine weiteren Informationen dazu finden.]
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Wäre zum Schluß noch ein Regenbogen gefällig?
Kristin schreibt
I don’t need to have the answers to benefit from the asking. I’ve learned to trust the process, mysterious as it is.
Many times the answers are revealed later on. Sometimes they are not.
Schreiben hilft.