wieviel es einem bedeuten kann, wenn jemand, den man (quasi zur Hälfte) nicht einmal persönlich kennt, etwas schreibt. Etwas aus seinem Leben, das man auf diese irgendwie sehr unvoyeuristische Art beobachten kann, beobachten darf (Danke!), denn zwar schaut man zu, liest, späht vielleicht durch das Schlüsselloch, doch dahinter die Szenerie ist eben eine Auswahl, eine allermeist sehr sorgsam getroffene Auswahl.
Und wie schaffen sie das, das man sich so hingezogen fühlt, mitfühlt ohne ekliges Mitleid, und dankbar ist für jeden Text, der nicht nur vermarktetes Event-Erlebnis KAUFEN!KAUFEN!!! MeinAutoMeinHausMeinsMeins! wie bei so vielen ist.
Diese Blogger. Vieles ist bedeutungslos geworden letztes Jahr, besonders, was so nah war, der Umkreis zerbröckelt.
Was stand in der Abizeitung über euch? — Das fragt kein Geringerer als Malte Welding, und wenn der Herr so nett fragt, kann man schon mal antworten. Zumal es jetzt schnapsige 11 Jahre sind, die mich von der Abi-Zeit trennen.
Da steht also von mir über mich (jeder sollte sich selbst beschreiben):
Hach, das waren noch Zeiten, Kinners, damals, als ich noch Dreadlocks hatte, fett und unbedarft war und dennoch das Glück des Lebens fand. Schließlich habe ich den Karpaten, den Mann in meinem Leben, auf der “School’s out forever”-Nach-Abi-Party kennengelernt.
Tja.
(Ist das jetzt so eine Art Stöckchen? Das erste seit einer gefühlten Ewigkeit? Und: Macht wer mit? Nilz vielleicht, oder Katrin, oder Bosch? Bosch?!?)
Da ist er wieder, der Kamm. Der, über den man jetzt implizit diejenigen zu scheren versucht, die auf das Bildungspaket zugreifen könnten und es noch nicht getan haben.
Wir übrigens auch!
Als Bezieher von Wohngeld stünde es uns wohl zu, die Kosten für das Kindergartenessen (in Berlin sind das 23 Euro pro Monat und Kind) ganz oder teilweise erstattet zu bekommen. Wie wir davon erfahren haben? Der Kindergarten legte zur aktuellen Beitragsabrechnung sowohl einen Antrag für das “Bildungspaket” (Antrag auf rückwirkende Leistungen für Bildung und Teilhabe) sowie eine Bestätigung über die in diesem Jahr bereits geleisteten Zahlungen bei.
Genau an dieser Stelle machte mich das teilweise arrogante und selbstgerechte Geschwafel über das ungenutzte Bildungspaket und die dummen Armen, die ihren Kindern ja gar nichts gönnen, das in den letzten Tagen zu vernehmen war, so wütend.
Es ist ja nicht so, daß unsere Kinder vor lauter Armut kein Mittagessen in der KiTa bekommen, weil wir zu blöd und zu faul wären, diesen Antrag auszufüllen (“Ankreuzen reicht”). Auch andere Geringverdiener oder Arbeitslose in meinem Umfeld (es sind einige alleinerziehende Mütter dabei, die entweder nicht oder nur wenig arbeiten gehen können, auch weil die Kinder häufig oder gar chronisch krank sind), wußten nichts von ihren Ansprüchen, pardon, von ihrer Holschuld. Und sie haben dennoch gern den Mindestsatz von 20 Euro für die Betreuung und 23 Euro für das Essen und noch einmal 35 Euro für Frühstück, Nachmittagssnack und Ausflüge für ihre Kinder bezahlt, denn jeder weiß, daß knapp 80 Euro monatlich für eine erstklassige, sogar zweisprachige Kinderbetreung, mehr als billig ist.
Das Geseier davon, daß ja jetzt durch das Bildungspaket endlich auch diese Kinder ein warmes Essen im Kindergarten ermöglicht bekommen, macht mich wütend. Und noch viel mehr regt mich auf, daß impliziert wird, daß wir (als potenziell Bezugsberechtigte fühle ich mich eben auch angesprochen) dieses Bildungspaket eben nicht so leicht verrauchen und versaufen könnten und daher noch keinen Gebrauch davon gemacht haben.
Als ob nicht die Mehrheit derjenigen, die über weniger fianziellen Spielraum verfügen, genau wie alle anderen, lieber bei sich selbst spart um ganz selbstverständlich die Interessen der Kinder vornean zu stellen. Und nicht immer nur zu schauen, wo es noch etwas zu holen gibt vom Staat. Zumal ja auch kaum noch jemand durchschaut, was wann wo beantragt und bezogen werden kann.
Es scheint beinahe, als würden sich nun manche ins Fäustchen lachen bei der Vorstellung, jetzt aus zwei Richtungen auf die immer gleichen Klischeearbeitslosen einzuprügeln, einerseits als Schmarotzer, die zuviel abgreifen, andererseits als faule und dumme Egoisten, die ihren Kindern nicht einmal ein warmes Mittagessen gönnen, weil sie etwas bisher nicht beansprucht haben, von dem bislang kaum jemand Notiz genommen hat.
Jetzt, wo die Kinder mindestens einmal wöchentlich im Kindergarten sind, habe ich endlich wieder Zeit, in die Bibliothek zu fahren. Meist sind es Pflichtaufgaben, Lektürezwänge, die ich dennoch gern erfülle, obwohl ich zu den betreffenden Unterrichtsstunden seltenst in der Uni weilen kann, weil, an diesen Tagen sind ja dann die Kinder krank. Aber immerhin, für den wöchentlichen StaBi-Besuch reicht die Zeit, und habe ich alle meine Hausaufgaben gemacht und alles gelesen, was anfällt, dann lustwandle ich durch das riesenhafte Gebäude Unter den Linden.
Ich liebe dieses Haus! Ich liebe es trotz Baulärm, trotz all der kleinen Dinge, die nicht funktionieren, denn sein Herz schlägt, es riecht nach Büchern, es ist so heimelig-seltsam. Allein das Treppenhaus zwischen Informationsdienst und Bücherausgabe mit seinem Zwischengeschoß! Eigentlich ist dieses Stiegenhaus eine Zumutung, aber es gehört nun einmal genauso zu diesem Haus wie all die anderen Seltsamkeiten. Zurück zum Zwischengeschoß: Wer den Film Being John Malkovich gesehen hat, hat eine gute Vorstellung von der Deckenhöhe dieser “Etage”. Und bis vor zwei Wochen stand im “Lesesaal” HA 6 in der Ecke “Kunst / Archäologie” ein Arbeitstisch am Ende eines schmalen Ganges, mitten zwischen zwei Reihen von Werken über Jugendstilgrafik und Gartenkunst. Von dort blickte man auf die Charlottenstraße und weiter auf die Friedrichstraße. Im Stockwerk darüber läßt es sich in der Handbibliothek ebenfalls bestens arbeiten, auch dort gibt es halb geheime Ecken, die fast verborgen sind unter den überall herabhängenden Schutznetzen, die sich spinnwebhaft durch das Haus ziehen. Nicht mit Spinnen aber sind die Mitarbeiter zu vergleichen, im Gegenteil behandeln sie den Leser (”Nutzer”) nie mit der Herablassung, die der sonst so sprichwörtliche Bibliothekar / Archivar seinem natürlichen Feind “Nutzer” = Eindringling entgegenbringt, nein, sie sind zwar irgendwie alle etwas … eigen, aber sehr hilfsbereit und auskunftsfreudig, beinahe stolz auf das, was sie zu beherbergen und bewahren helfen. (Helft beim Bewahren, übernehmt Buchpatenschaften!)
Da wäre zum Beispiel die wunderschöne Daphnis und Chloe-Ausgabe von 1958, illustriert vom Grafiker Hanns Gaab, die ich vor Jahren mal in Händen hatte. In der neuesten Ausgabe des Bibliotheksmagazins fand ich nun ausgerechnet das Blatt, welches mir am eindrücklichsten im Gedächtnis geblieben war, nämlich eine Darstellung der Chloe, welche auf der Schrift am unteren Rand der Seite wie auf einem Sockel thront. Das ungelenke (von mir nachgemalte) Bild oben vermittelt vielleicht eine ungefähre Vorstellung.
Von den wirklich kostbaren Beständen ganz zu schweigen. Kleine Einblicke in die Bestände und Erwerbungen geben die oben verlinkten Bibliotheksmagazine, welche im Haus kostenlos ausliegen und mich über die Jahre oft zu entlegeneren Themen geführt haben, als ich sonst bearbeite. Auch Hinweise auf sonst kaum bekannte Digitalisierungsprojekte und auf Datenbanken und Onlinekataloge in diesen Heften sind mir oft unverhofft eine große Hilfe gewesen. Die StaBi ist mehr als eine schnöde Bibliothek, es ist eine Welt voller Bücher, Papier, abwegigem und praktischem Wissen, zwei Häusern, die verschiedener nicht sein könnten (der Gefühlt-Fast-Noch-Neubau am Potsdamer Platz, der sich architektonisch mit der Berliner Philharmonie vereint), und einer Anziehungskraft, der schon meine Mutti nicht widerstehen konnte. Zu den Zeiten, als sie nämlich noch in der Buchhandlung Das gute Buch (und hier) ihre Ausbildung machte und arbeitete, zog es sie auch zwei- bis dreimal wöchentlich in den Bibliotheksbau.
“Wenn Malte Welding über die Liebe schreibt, dann wirkt sie auf einmal ganz leicht.” — Maxim Biller
Wenn die Post klingelt, eine grantig-verschwitzte Frau ein Päckchen bringt, man es öffnet und sieht, was sie gebracht, dann bräuchte es ein Favoritensternchen wie von Twitter oder dem Feedreader, eine dauerhafte Immer-wieder-lesen-Markierung und Empfehlung für andere, die wegen Zeitmangel so oft nur noch eine Später-mal-in-Ruhe-anschauen-Erinnerung geworden ist.
Aber hier hat ja nicht irgendeiner ein Buch geschrieben, nein nein, der Herr Welding war’s. Also lese ich dies Buch, fahre es durch Berlin, halte es so, daß die Leute es sehen und vielleicht kaufen, einer fragt denn auch, ob das nicht der Blogger …?
Ernsthaft, verzweifeln machend, vergnüglich, witzig, faktenreich, wenn man so will, traurig und schön schreibt er von der Liebe. Wie bei jedem Buch, das mich schließlich gepackt hat, schlendere ich nicht, ich rase, neugierig, wie es weitergeht.
Wenn Malte über die Liebe schreibt, dann wirkt sie auf einmal völlig unmöglich,
könnte man ebensogut auf Biller erwidern, aber so ist es dann eben auch nicht. Zwischen sachlicher und ernüchternder Betrachtung (Rechenbeispiele. Prozentzahlen. Seine Pickelspritzer am Badezimmerspiegel. Fazit: Niemand ist der glorreiche, perfekte Prinz aus der Elite-Partner-Anzeige. Man selbst am allerwenigsten.) und ganz versteckt hoffnungslos kitschiger Romantik habe ich dann geschluchzt. Und so ein Gesicht gemacht, — gerührt. Denn zwischen den Zeilen streicht die zarte Hand der Lieblingslektorin hier und da die zuweilen aufkeimende Verbitterung weg darüber, wie schwer das doch alles ist.
Denn am Ende ist es ja gar nicht unmöglich, das mit der Liebe.
Malte Welding: Frauen und Männer passen nicht zusammen — auch nicht in der Mitte im Piper-Verlag / bei Amazon
Der reine Wortklang ist wirklich äußerst verwirrend, selbst nach der Einführungsgeschichte der Frau Tadellos konnte ich, lebenslang trainiert durch Sendung-mit-der-Maus-Intro-Sprachen-Gerate, kaum glauben, daß das unsere oastrachischoan Noachboarn sein sollen. Groaßoartig!
Nächste Woche das zweite Referat in diesem ersten Semester nach der Kinder-Auszeit.
Ich hatte mich so halb unter Vorbehalt gemeldet, nachdem der Kleine wegen Fieber, Husten und Quengelei aus dem Kindergarten abgeholt werden sollte. Der Karpate ist ein Guter, er hat Urlaub gehabt diese Woche und sich eigentlich nur um mich und die Kinder gekümmert und dennoch waren diese zwei Wochen des Wiederzurechtfindens an der Uni die anstrengendsten seit die Kinder da sind. (Wer mir jetzt damit kommt, daß es für Muttis daheim mit den Kindern wohl doch sooo gemütlich ist, den schlage ich windelweich.)
Nun also das zweite Referat in der dritten Woche und keine Ahnung, wann ich dazu kommen soll. Die Kinder schlafen momentan nicht wirklich, erst schläft Lea nicht ein und dann wacht Benni immer vom Husten auf, jetzt ist er auch noch krank und kann nicht in den Kindergarten und die Lektüre der am dringendsten empfohlenen Bücher, die natürlich allesamt Präsenzbestand sind, wird beinahe unmöglich. Eigentlich stehen sie großenteils auch in der Staatsbibliothek, dort aber ist ausgerechnet eines der größten Magazine asbestverseucht (?) und kann bis auf weiteres nicht benutzt werden.
Mit einem kranken Kind kann ich nicht durch die halbe Stadt fahren (Benni hustet im Moment so quälend, daß es ihn dabei würgt.), mit Kind kann ich nicht in der Bibliothek sitzen, und selbst wenn ich es schaffe, Literatur zu entleihen oder zu kopieren, komme ich kaum zum Lesen, weil immer mindestens ein Kind da ist und schreit und hustet und Blödsinn macht. Davon, daß ich so gut wie gar nicht schlafe, ganz zu schweigen. (Und davon, daß mir regelrecht schwindelig ist vor Müdigkeit, auch.)
Ich denke dann immer, die anderen schaffen es ja auch, arbeiten, studieren, obwohl die Kinder noch so klein sind, die Probleme werden die gleichen sein, nur sieht man das von außen nicht. Ich sehe offenbar auch bilderbuchfit aus, einigermaßen schlank und gar nicht so wahnsinnig müde.
Die Kinder sind jetzt groß. Die Uni hat mich wieder.
Der erste Tag, es war letzte Woche, hallt noch nach. Erwachsene! Sie sprechen Fachsprache und ich verstehe sie. Nach all den Jahren! (Zweieinhalb.)
Seitdem rast die Zeit: Aus dem Bett in den Kindergarten in den Bus in die Uni in die Bibliothek in den Bus in den Kindergarten, langsam langsam viel zu langsam VERDAMMTNOCHMALLAUFTDOCHENDLICH — ach ja, Geduld! — langsam nach Hause spazieren, Treppenhochbuckeln Gekreisch Geheul Abendbrotshunger kleine Kinder die Küche sieht saumäßig aus ab ins Bett, durchatmen. Abwaschen Wäschemachen Lesen Mutti ab ins Bett. Den nächsten Tag genauso.
Morgens spielt Benni immer mit den Büchern im Regal, denn draußen ist es noch so dunkel, daß dort das Licht angeschaltet ist und so sieht er seine Lieblinge: Fedins Flamme, Schallücks Paradies, welches neuerdings, ohne den türkisfarbenen Schutzumschlag langweilig geworden scheint, den großen Webster und eben den Luther.
Lea wagt sich nicht mehr ans Regal, seit sie das Grauen sah: Wera Panowas Mit 17 ist man jung. Ein Roman für alle (Verlag der Nation, Berlin 1962). (Klick! Unbedingt!) “Die Frau weint immer!” So ein Cover kann eine kleine Kinderseele schon erschüttern, aber ich verstehe sie. Mein Leben lang werde ich Schiß vor den Illustrationen unserer alten Hauff-Ausgabe haben, und den Alptraum vom Gestiefelten Kater — er kam hinter dem Ofen hervor und stand mannsgroß in der Tür — vergesse ich auch nie.
Ein Bild aus guten Zeiten: Die beiden stehen vor meiner sorgfältig chronologisch geordneten Nabokov-Sammlung, ziehen hier einen Band aus dem Regal und stellen dort einen ein, wo er gar nicht hingehört … nicht einmal damit kann ich die Kleine noch locken, olle Panowa, ey!
Benni hingegen war nachhaltig enttäuscht, als er trotz aller Bemühungen einsehen mußte, daß sein bunt bedrucktes Stullenbrettchen nicht ein weiteres aufklappbares Pappbuch ist, sondern eben — ein Stullenbrettchen.
Und damit bald noch mehr Stulle aufs Brettchen kommt und wieder mehr Luther ins Regal, hat mich die Uni wieder, das Studium will schließlich beendet werden. Wie ich den Spagat zwischen Kindern, Haushalt, Studium, nachts viel arbeiten und wenig malen und noch weniger schlafen schaffen soll, ist mir zwar noch nicht ganz klar, aber manchmal bin ich ganz Fernet Branca: