Die Neue im Seminar

Frau Gröner ist neu an der Uni und schreibt darüber in ihrer ganz eigenen Schreibe. Schwärmerisch, lakonisch, praktisch, packend.

Manchmal denke ich, in einem meiner Seminare sitzend: “Die Gröner! Anke Gröner!” Ja, da gibt es tatsächlich eine Studentin der Semitistik, die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht, zumindest wenn man “das Original” nur von Fotos kennt.

Dann freue ich mich immer und denke an ihre Posts, ihre Begeisterung, und daran, wie sehr ich die meisten ihrer Gedanken aber sowas von nachvollziehen kann.

Nach beinahe 5 Jahren Pause, bedingt durch Schwangerschaften und die Geburten der Kinder sowie zwei verlorene Winter durch Krankheiten (meistens ebenfalls der Kinder) hat mich das Uni-Leben seit August so richtig wieder. Auflagen mußten erfüllt werden, Exma drohte. Also nochmal so richtig reinhauen, mit Schwung und Schmackes.

Da sitze ich dann neben 20-Jährigen, maximal 24-Jährigen, Bachelorstudenten allesamt, denn den Magisterstudiengang gibt es in meinem Fach gar nicht mehr, auch keinen Master, und fühle mich wohl genauso seltsam wie die Gröner. Und lausche und staune und freue mich über alles, was ich lernen darf. Immerhin darf ich noch lernen in der Semitistik. Phönizische Inschriften lesen zum Beispiel ist ganz leicht, da ist soviel verschüttetes Hebräisch, vor 9 Jahren mal gelernt, das reicht allemal weiter als das der BAs. Die tun mir übrigens insgeheim ziemlich leid, denn sie dürfen gar nicht soviel mitnehmen wie ich bisher mitnehmen konnte an Wissen. Wieviel das ist, wird mir selbst erst nach und nach klar. Und daß ich das wohl nirgendwo sonst so leicht hätte lernen können und selbst noch viel mehr hätte machen müssen, ebenso.

Sehe ich dann die BAs, die maulen und keine Lust haben, meckern und unvorbereitet sind, überhaupt manchmal ganz uninteressiert (”Brauche ich nicht, will ich nicht, gibt es eh keinen Schein für.” — Jaja, es gibt auch großartige Ausnahmen.), erinnere ich mich an damals (hach!), als man auch in der Germanistik noch einfach so in spannende Kurse gehen konnte ohne sich über ein elektronisches Studierendenerfassungssystem namens Campus Management erfassen lassen zu müssen.

Zu Beginn des Semesters mußte ich mich aus Kursen herausschmeißen lassen und erfahren, daß es ganz eigene Masterstudiengänge in der Germanistik (”Neuere deutsche Literatur” hieß das bei uns mal) gibt, die auch extra Studiengebühren kosten, da darf man dann nicht einfach so aufschlagen und lernen, nein. Und wer sich nicht Wochen vorher angemeldet hat — in einem System, das auch nur für registrierte Bachelorstudenten funktioniert — der muß draußen bleiben. So dämlich habe ich mich lange nicht gefühlt.

Ein wenig wurde so der Alptraum vieler wahr, die in fortgeschrittenen Jahren träumen, mit 30 nochmal das Abitur ablegen zu müssen, weil irgendwas schief gegangen ist damals oder, wie DasNuf schreibt

Geträumt es wäre alle 10 Jahre nach dem Uniabschluss nötig im Dirndl mit 3 Professoren Gangnam Style zu tanzen um das Diplom zu behalten.

Nicht daß ich denke, ich wäre soviel schlauer als die anderen Studenten (dann hätte ich ja schon längst fertig sein müssen mit meinem Studium), eines bin ich sicherlich: Dankbarer. Das mag jetzt pathetisch klingen, aber den meisten ist wohl wirklich nicht bewußt, was für eine Riesenchance ihr Studium für sie bedeutet, wieviel Zeit einem praktisch geschenkt wird, zum Lernen und Finden und ja, auch Suchen. Und gerade nachdem ich durch die Baby- und Kleinkindzeit der Kinder gelernt habe, wie wichtig mir Zeit ist, weil ich für mich selbst davon so wenig hatte, und wie gern ich lerne und lese, weiß ich das jetzt sehr zu schätzen.

Im Gegensatz zu früher freue ich mich regelrecht auf Recherchetage in der Bibliothek, besonders in der Staatsbibliothek Berlin, wo ich mich derzeit höchst komfortabel auf meine Magisterklausur im Januar vorbereite. Früher war, auch hier kann ich Frau Gröner nur zustimmen, Bibliotheksrecherche mindestens dröge, oft auch erfolglos, und so habe ich dann auch immer recht schnell wieder aufgegeben. Die Atmosphäre dort war auch … oll, hat mich deprimiert und vergrault, während ich heute die Ruhe zu schätzen weiß, viele Bibliotheken renoviert sind, das meiste bereits online von zuhause recherchiert und bestellt werden kann, ich durch Newsletter und Erinnerungsmails keine Schließtage und Leihfristen mehr verpasse, viele Onlineressourcen durch VPN jederzeit auch von daheim aus erreichen kann und überhaupt ständig das Gefühl habe, letztlich sei alles aufzufinden, notfalls per E-Mail-Nachfrage an die Servicestelle. Alle sind nett und freundlich, fast alles klappt so, wie es sollte, mit freundlichen Telefonanrufen lassen sich Leihzeiten verlängern und an 4 von 5 Tagen die Woche schlendere ich nachmittags nach Hause und freue mich, daß “dit allet looft wie jeschmiert”. Was will man mehr?!

Fachlicher Austausch findet bei mir mittlerweile regelmäßig über private Arbeitsaufträge mit einigen Dozenten und wissenschaftlichen Mitarbeitern statt, die Selbständigkeit mit einem Freund als Fachlektorat/Schreibbüro ist in Planung, woanders bin ich Redaktionsleiterin einer Anwaltszeitung, zuhause bin ich Mutti, daneben Produkttesterin für meinen Lieblingskünstlerbedarfsversandhandel, freie Mitarbeiterin des Botanischen Gartens Berlin und noch mehr. So nach und nach haben sich verschiedene Standbeine, privat, beruflich, finanziell, herausentwickelt, es gibt überraschend viele Berühungspunkte auch zwischen sehr verschieden scheinenden Bereichen und all dies zusammen ermöglicht mir, auch weil “das Ende (des Studiums) naht” einen ganz anderen Blick auf mein Sein in der Uni.

Ich bin neu an der Uni und irgendwie doch nicht, ich kenne kaum einen der neuen Studenten aber fast alle Professoren, erkenne Vorteile, die sich aus meinen Erfarungen ergeben, kann Zusammenhänge sehen, die sich manchmal unmerklich über Jahre verknüpft haben, merke und weiß inzwischen, daß ich meine Zeit nicht vertan habe, daß alles ein Ganzes ergibt, daß ich mich “gebildet” habe, im Wortsinn, daß alles gut ist.

———————————————————————————–
Ein Tipp noch, Frau Gröner: Der Verlag De Gruyter hat eine neue Reihe, Erfolgreich recherchieren, mit einem extra Band für die Kunstgeschichte, und zumindest im Band für die Germanistik wird auch sehr ausführlich auf Onlinedatenbanken und Zeitschriftenrecherche eingegangen.

Dezember 20, 2012 | In Soso | | TrackBack-URL

Rock my Boat!