Eltern haben auch eine Holschuld

Da ist er wieder, der Kamm. Der, über den man jetzt implizit diejenigen zu scheren versucht, die auf das Bildungspaket zugreifen könnten und es noch nicht getan haben.

Wir übrigens auch!

Als Bezieher von Wohngeld stünde es uns wohl zu, die Kosten für das Kindergartenessen (in Berlin sind das 23 Euro pro Monat und Kind) ganz oder teilweise erstattet zu bekommen. Wie wir davon erfahren haben? Der Kindergarten legte zur aktuellen Beitragsabrechnung sowohl einen Antrag für das “Bildungspaket” (Antrag auf rückwirkende Leistungen für Bildung und Teilhabe) sowie eine Bestätigung über die in diesem Jahr bereits geleisteten Zahlungen bei.

Genau an dieser Stelle machte mich das teilweise arrogante und selbstgerechte Geschwafel über das ungenutzte Bildungspaket und die dummen Armen, die ihren Kindern ja gar nichts gönnen, das in den letzten Tagen zu vernehmen war, so wütend.

Es ist ja nicht so, daß unsere Kinder vor lauter Armut kein Mittagessen in der KiTa bekommen, weil wir zu blöd und zu faul wären, diesen Antrag auszufüllen (“Ankreuzen reicht”). Auch andere Geringverdiener oder Arbeitslose in meinem Umfeld (es sind einige alleinerziehende Mütter dabei, die entweder nicht oder nur wenig arbeiten gehen können, auch weil die Kinder häufig oder gar chronisch krank sind), wußten nichts von ihren Ansprüchen, pardon, von ihrer Holschuld. Und sie haben dennoch gern den Mindestsatz von 20 Euro für die Betreuung und 23 Euro für das Essen und noch einmal 35 Euro für Frühstück, Nachmittagssnack und Ausflüge für ihre Kinder bezahlt, denn jeder weiß, daß knapp 80 Euro monatlich für eine erstklassige, sogar zweisprachige Kinderbetreung, mehr als billig ist.

Das Geseier davon, daß ja jetzt durch das Bildungspaket endlich auch diese Kinder ein warmes Essen im Kindergarten ermöglicht bekommen, macht mich wütend. Und noch viel mehr regt mich auf, daß impliziert wird, daß wir (als potenziell Bezugsberechtigte fühle ich mich eben auch angesprochen) dieses Bildungspaket eben nicht so leicht verrauchen und versaufen könnten und daher noch keinen Gebrauch davon gemacht haben.

Als ob nicht die Mehrheit derjenigen, die über weniger fianziellen Spielraum verfügen, genau wie alle anderen, lieber bei sich selbst spart um ganz selbstverständlich die Interessen der Kinder vornean zu stellen. Und nicht immer nur zu schauen, wo es noch etwas zu holen gibt vom Staat. Zumal ja auch kaum noch jemand durchschaut, was wann wo beantragt und bezogen werden kann.

Es scheint beinahe, als würden sich nun manche ins Fäustchen lachen bei der Vorstellung, jetzt aus zwei Richtungen auf die immer gleichen Klischeearbeitslosen einzuprügeln, einerseits als Schmarotzer, die zuviel abgreifen, andererseits als faule und dumme Egoisten, die ihren Kindern nicht einmal ein warmes Mittagessen gönnen, weil sie etwas bisher nicht beansprucht haben, von dem bislang kaum jemand Notiz genommen hat.

Das Leben kann so einfach sein …

April 21, 2011 | In Soso | 3 Comments | TrackBack-URL