Julie Paradise a.D.

Am Ende bin ich mit dem Unwahrscheinlicheren befreundet.

betterfishe1csm

Treffe ich zwei Menschen, von denen der eine auf den ersten Blick mehr glänzt, aus sich herausgeht, spannender und, man muß es so sagen, lauter ist, dann fällt dieser natürlich mehr auf als derjenige daneben, der weniger offensichtliche Vorzüge hat. Überhaupt weniger Vorzüge zu haben scheint. Aber Freundschaft entsteht nicht durch den Schein, sondern durch gemeinsames Erleben, gelassenes Beieinandersein ohne versuchte Konkurrenz oder den Versuch sich wie auch immer zu profilieren.

Es gibt in meinem Umfeld Menschen, die einmal meine Freunde schienen, weil ich wünschte, sie wären meine Freunde und wir somit viel Zeit miteinander verbrachten, in welcher sich aber nur Mißtrauen über Enttäuschung und kränkende Sticheleien häuften. Und in drei Fällen hat sich mit der Zeit herausgestellt, daß deren Freunde, dir anfangs nicht so interessant erschienen, eben weil sie nicht so glänzten wie ihre hochpolierten Blenderfreunde, letztlich meine Freunde wurden. Ich bin so dumm. Oder eben auch nicht, denn zuletzt haben wir uns doch gefunden, die Stilleren und ich. Die Unwahrscheinlicheren.

Nicht loslassen, wenn die blasse Ahnung entsteht, daß ich mich wohler fühlen dürfte bei ihnen, besser aufgehoben als bei denen, die vom Erfolg verwöhnt nur noch Bekanntschaften sammeln statt wirklich mich zu meinen, das habe ich gelernt. Von meinem besten Freund, der seinen vorwitzigen Kumpel wegdrängen mußte um Gehör zu finden damals, von der Studienfreundin, von der ich anfangs meinte, sie mag mich nicht so sehr wie die andere, weil sie selbst dachte, ich würde sie nicht mögen wie jene, von dem Jungen, der bisher immer nur ein Freund von … war und nun eben mein Freund wird, mal sehen.

Nachdem es kurz knapp war damit, lebe ich wieder, ich schreibe und zeichne und malemale und lerne Radierungen anzufertigen und Linolschnitte. Ich lese sogar wieder, ich kann jetzt Neues aufnehmen und will es auch, nachdem ich in den letzten Monaten so außer mir war, daß ich mich nur langsam zurückfinden konnte, als würde ich in eine Blase steigen müssen, die nicht unendlich Platz bietet aber doch mich aufnehmen soll, nicht so gefüllt werden darf, daß ich am Ende draußen bleiben muß mit einem Teil von mir, der wichtig wäre. Ich hätte mir einen Arm abgeschnitten oder die Erinnerung an den Sommer 2000, was immer größer gewesen wäre davon.

Ich habe noch viel Druck in mir.

betterfishe2csm

(Die Vorlagen für die Fische stammen phom Phil. Und waren auch ausdrücklich nur für ihn gedacht.)

Januar 8, 2010 | In Mennofaktur | | TrackBack-URL

  1. Ich wünsch dir ein gesundes neues Jahr.

    Kommentar von jens am 09. Januar 2010 um 02:25 | Link

  2. !!

    Kommentar von robert am 09. Januar 2010 um 06:31 | Link

  3. “Am Ende bin ich mit dem Unwahrscheinlicheren befreundet.”

    dieser satz ist gold.

    alles alles liebe für 2010!

    Kommentar von ami am 09. Januar 2010 um 15:59 | Link

  4. Gut gebrüllt, Löwin!

    Dein Linolschnitt — sehr gelungen, übrigens — erinnert mich an ein Buch, das wir mal hatten von einem kleinen Fisch, der vor einem Hai flüchtet, und am Ende ist er es, der dem Hai aus der Patsche hilft. So mit viel Vertrauen und so.

    So long,
    Corinna

    Kommentar von Frau_Mahlzahn am 09. Januar 2010 um 17:59 | Link

  5. tränenglitzern.

    (ich drück dich, sehr doll und bald wieder richtig.)

    Kommentar von anne am 11. Januar 2010 um 15:07 | Link

  6. schön, wieder von dir zu lesen, und dann noch so schönes…

    Kommentar von anna am 11. Januar 2010 um 22:13 | Link

  7. Latifundien

    Komm! Wir geh’n Charakter schießen, oder ein Profil erlegen,
    Konturen setzen, fleißig gießen, und in Beeten Stile hegen.

    Wir wollen fremde Federn züchten, und nackt im Flusse Nimbus baden,
    mit falschen Sympathien flüchten, in kleinkarierte Maskeraden.
    Was wir hier sind, ist nicht authentisch, stets nur der Spiegel einer Norm
    kaum jemals mit uns selbst identisch, und höchst beruhigend uniform.
    Der Fadenschein ist unsre Sonne, ein Schattendasein unser Haus,
    doch statt in einer Regentonne, logieren wir in Saus und Braus.
    So lass uns weiter Liebe heucheln, und Freundschaft eine Phrase sein,
    wenn wir nur fremde Herzen meucheln, wird diese Welt uns nicht zu klein.

    Thomas Spiekermann

    Kommentar von ralf am 12. Januar 2010 um 09:11 | Link

  8. ich hab mich in meiner blase wegtragen lassen und siehe da, im norden ist mehr ruhe. und auch wieder zeit für überdentellerrandblicken und wieder lesenlesenlesen. da trifft es sich gut, dass du wieder auftauchst in dem moment. ein lieblingsblog.

    Kommentar von ani*ka am 12. Januar 2010 um 16:07 | Link

  9. sehr schöner text über freundschaft, bin froh den blog letztens gefunden zu haben

    Kommentar von Thomas Christopher am 12. Januar 2010 um 23:21 | Link

  10. Liebe Julie, ich muss das jetzt einfach auch noch mal hier und offiziell sagen: Danke! (!!!!)

    Kommentar von Philipp am 13. Januar 2010 um 22:46 | Link

Rock my Boat!