Die Kinder und ich, wir haben einen Deal. Der kleine Luke hat den Vertrag wohl noch nicht so ganz durch, aber langsam zieht er auch mit, so wie Leia, die sich nun schon seit einem Jahr daran hält.
Der Deal ist, daß ich den ganzen Tag über mit allem und jedem Fitzel meiner Aufmerksamkeit, meiner körperlichen Kraft und natürlich jedem letzten Funken Liebe, den ich habe, für die Kinder da bin. Dafür lassen sie mich nachts in Ruhe.
Das hat nie und wird nie bedeuten, daß ich nicht auch nachts an sie denke, aufstehe, wenn sie weinen oder gewickelt werden müssen, noch einmal gerührt an ihr Bettchen trete oder sie stille, wie es nun bei dem Kleinen noch der Fall ist, aber im Grunde gehört der Tag ihnen und die Nacht mir.
Sonst drehe ich irgendwann durch.
Und da hat ja keiner etwas von.
Frau Ami schrieb gerade, wie unpathetisch sie ihr Familienleben manchmal wahrnimmt, ohne Hoh! und Hach! und Shuhu, große Gefühle (die ja aber doch da sind, klar), daß es einfach so ist wie es ist ohne daß man noch einmal extra ein Gefühlsduselsahnehäubchen draufsetzen müßte, wie es viele tun, die ihre Schwangerschaften und Geburten und später das Leben mit Kindern bis ins Unerträgliche verklären, und wie so oft spricht sie mir geradewegs aus der Seele.
Denn erstens: Einmal Kinder zu haben hat für mich schon immer zur Vorstellung meines Lebens dazugehört, jetzt war sowohl aus inneren, emotionalen als auch aus äußeren, finanziellen und karrieretechnischen Gründen der Zeitpunkt dazu halbwegs passend — ganz passen wird so etwas wohl nie. Also haben wir zwei Kinder gemacht. Fertig.
Zweitens: Wenn ich sage Kinder, meine ich Kinder. Nicht Babies. Diese ständig schreienden, trinkenden, sabbernden, aufstoßenundkotzenden und wieder vor Hunger schreienden, dabei nur selten schlafenden süßen Winzlinge sind für mich der Horror. Ein Horror, den ich notgedrungen ein halbes Jahr lang ertrage, dem ich aber nie nachweinen werde wie so viele es tun, die sich nach der Zeit zurücksehnen, in der “die Kinder noch so klein und niedlich” waren. Im besten Falle sind die eigenen Kinder ihr Leben lang niedlich, wobei in der Phase ihrer Pubertät und später eine gehörige Portion (schwarzer) Humor dazugehört, dies so zu empfinden. Süß und niedlich auf die ersten Lebensmonate zu beschränken, ist für mich nicht nachvollziehbar.
Vieles meiner momentanen Gereiztheit hat direkt mit dem Stillen zu tun. Für die Kleine habe ich dies noch vier Monate lang ertragen, bei Luke erledigt sich das Ganze dieser Tage von selbst, er ist jetzt acht Wochen alt. Die Hauptvorteile des Stillens haben wir jetzt beide genossen, mir hat es bei der Rückbildung geholfen, für ihn dürften viele Abwehrstoffe drin gewesen sein und jede Menge Kuschelzeit und das Gefühl der Geborgenheit, Hautkontakt, Bindung, jaja, die Bindung, nach meinem Geschmack reicht es nun aber auch mit der Bindung. Wenn mich dieser Tage ein Satz wahnsinnig macht, dann ist es “Ich kann dir nichts zu trinken geben, Kleiner, das kann nur deine Mutti.” Ich bin gerne für ihn da, jederzeit, aber nicht wenn ich dabei die Ketten rasseln höre und mich gezwungen fühle.
Vielleicht hängt es mit meiner inneren Haltung zusammen, irgendwie, aber wir haben auch das Gefühl, die Kinder vertragen mich nicht so gut. Leia hatte vier Monate lang üble Koliken, die genau dann aufhörten, als wir mit der Beikost anfingen und ich abstillte. Ich bin mir bei meiner Ernährung eigentlich keiner Schuld bewußt, im Gegenteil, ich hatte mich ausreichend, ausgewogen und gesund ernährt, dabei aber auf immer mehr Dinge verzichtet, die wir als Auslöser für ihre Koliken und Hautirritationen ausmachen konnten, allerdings zum Ende hin kaum noch etwas essen können. Sie hat sogar auf nur leicht säuerliche Bonbons mit wundem Po reagiert, von Eistee (Zitronensäure als Säuerungsmittel, von reinem Fruchtsaft ganz zu schweigen) über Tomaten, blähende Lebensmittel und grundsätzlich Ungesundem habe ich sowieso die Finger gelassen. Jede Befindlichkeitsstörung bei ihr wurde nicht nur von mir auf etwas geschoben, was ich gegessen haben mußte, bis ich schließlich nur noch Zwieback und Wasser zu mir nahm, davon konnte sie natürlich nicht satt werden. Also abstillen, Beikost, und plötzlich war alles wieder gut.
Bei dem Kleinen kann ich jetzt schon nicht mehr. Mein Körper ist für mich nicht der Tempel, in dem meine Seele thront, eher nehme ich ihn als Behausung wahr, in der es sich gerade so aushalten läßt, wenn ich nicht zu genau hinsehe und einige Zimmer gar nicht erst betrete, weil ich es in ihnen nicht aushalte. Schlechte Erinnerungen und so. Ständig wegen des Stillens damit konfrontiert zu werden, ihn zu thematisieren, auch woanders als daheim das eigentlich so intime Stillen durchführen zu müssen, ist für mich schwer erträglich. Nachdem er nun schon einige Male aus der Flasche getrunken hat, weil ich doch für Stunden weg mußte oder wollte, zum Arzt etwa und zu Freunden, und es dabei auf einmal ohne das sonst übliche Aufstoßen, Kämpfen, Versteifen, Spucken, wieder ewig trinken ging, bekommt er nun die Flasche und fertig.
Heute Nacht habe ich das erste Mal seit über sieben Wochen länger als drei Stunden am Stück geschlafen und fühle mich wohl wie lange nicht mehr. Möglich war das nur, weil der Karpate den Kleinen zwischendurch gefüttert hat und zwar ohne daß ich vorher Milch abpumpen mußte (ich erwähnte ja bereits, wie abstoßend und erniedrigend ich diesen Vorgang finde). Und der Kleine? Schlief fünf Stunden durch. Selbst wenn jetzt jemand argumentiert, daß in der Fertigmilch Stoffe sind, die stopfen und es nur so möglich ist, daß er so lange schläft: Egal. Ab einem bestimmten Punkt muß ich auch sehen, wo ich bleibe. Niemandem ist damit gedient, wenn ich vor lauter Entnervtsein und Übermüdung und Anstrengung jeden Tag mehrmals ohnmächtig werde und Heulkrämpfe bekomme. Denn das vergessen ja viele, die es nie getan haben und selbst Mütter, die es praktizierten: Stillen ist eine körperliche Höchstleistung! Und ich fühle mich seit Wochen schlapp und fiebrig, habe einen dicken Kopf und Rauschen in den Ohren, ganz so, als würde ich etwas ausbrüten. Das muß jetzt mal aufhören.
Und genau so muß auch jeder noch so schöne, kindervolle Tag einmal aufhören, damit ich über das Muttisein hinaus ich sein kann. Glücklicherweise ziehen die Kinder grundsätzlich mit, die Kleine schläft von 8 bis 8, mindestens, der Murkel ist immerhin ruhig nachts, wobei er natürlich dennoch gefüttert und gewickelt werden muß, aber wir sind auf einem guten Weg. Dafür bin ich sehr dankbar, denn bei aller Rührung und Glückseligkeit, die es im Leben mit kleinen Kindern zuhauf gibt, darf man doch nicht vergessen, daß es zumindest im Moment wahnsinnig anstrengend ist, so einen Tag für alle glücklich, zufriedenstellend, ausfüllend, gesund und lehrreich auszufüllen. Den Abend brauche ich zum Kraft tanken.
Das ist der Deal.
Wie hast Du’s denn geschafft, dass Deine Kinder aus der Flasche trinken? Mein Kleiner weigert sich standhaft. Seit zwei Wochen probier ich’s jeden Tag, aber er will einfach nicht.
Kommentar von AnJu am 24. November 2009 um 11:21 | Link
“Geschafft” wäre geprahlt. Es geht einfach so.
Wir (also der Karpate) hatten es bei der Kleinen nach etwa 8 mit abgefüllter Muttermilch versucht, dabei mußte ich aber mindestens aus dem Zimmer gehen, sonst hat sie sich geweigert. Klar, wenn sie mich riecht. Babies sollen ja einen ausgeprägt guten Geruchssinn haben. Als sie 10 Wochen alt war. waren wir uns so sicher, daß ich das erste Mal abends weggehen konnte, gleich ganz weit weg, ins Kino. Herrlich!
Und bei dem Kleinen haben wir etwas früher begonnen, weil ich sowieso abpumpen mußte. Dabei haben wir bemerkt, daß er wesentlich zügiger und ohne soviel Luft zu schlucken trinkt, wenn er die Flasche bekommt. Ich selbst kann ihm auch die Flasche geben und danach auch gleich wieder stillen, ohne daß er irritiert ist. Inzwischen wissen wir, daß er auch Anfangsmilch verträgt, zumindest die Sorte, die wir gekauft haben, das funktioniert seit einer Woche ganz prima und ich kann endlich wieder länger schlafen. er schläft, gestillt, ungefähr von 20h bis 0h, danach gibt ihm der Karpate ein Fertigmilchfläschchen und, voilà, der kleine Mann schlummert nochmal von 1h bis 6h.
Aber, wie gesagt, einen besonderen Trick haben wir nicht zu verraten, außer, daß eben jemand anderes damit beginnen sollte, dem Baby das Fläschchen zu geben, weil es sonst natürlich lieber gestillt werden möchte.
Dir wünsche ich viel Erfolg!
Kommentar von Julie Paradise am 24. November 2009 um 14:05 | Link