Das unmögliche Möbel

Man kann bei der Wahl seiner Einrichtungsgegenstände auf den Preis achten. Oder darauf, daß der Stil zum restlichen Interieur paßt. Man kann seine Persönlichkeit ausleben (Holz versus Chrom, d.i. Chaotinnencharme versus Korinthenkackerstrenge) oder — man kann seine Möbel einfach erben. Und lieben.

Ich liebe mein Sofa. Es ist häßlich, es ist kaputt, es hat eine unmögliche Farbe und ist für die neue Wohnung ebenso zu groß wie es das, uneingestanden, für die alte war. Das bordeauxrotviolett ist an vielen Stellen abgescheuert oder gar eingerissen, die Federn sind teilweise gesprungen und nur dank des Improvisationstalentes des Karpaten nicht zu spüren, die Schlaffunktion haben wir nie ausprobieren können und einige Nähte spreizen sich bedenklich. Aber ich liebe mein Sofa, ich wollte es vom ersten Augenblick an haben.

Das Sofa stand zur Verschrottung bei Nachbarn meiner allerersten Wohnung. Wir alle waren damals aus dem Haus genötigt worden, da sich bekanntermaßen nach einer Komplettsanierung mit neuen Mietern mehr Geld machen läßt als mit den Bestandsbewohnern. Freunde der Nachbarn hatten die Chance genutzt, das Unding von irgendwiemalweinrotgewesenem Ecksofa mit Recamière (und eben der verschollenen Schlaffunktion) dort abzustellen und vom Vermieter entsorgen zu lassen, so wie alles, was wir in den Wohnungen beließen, recht großzügig entsorgt wurde. Ich war nur kurz zu Besuch dort oben, wir warteten auf die Möbelpacker, und dem besten Freund fiel angesichts des Monsters von Möbel ein, daß unser anderes Sofa das neue Wohnzimmer nur ungenügend würde füllen können. Ein Wort gab das nächste und schon hatten der Karpate und ich nach dem Kleiderschrank, den wir nun ebenfalls das zweite Mal mitumgezogen haben, dieses Sofa geerbt.

Überhaupt, irgendwie zu Möbeln zu kommen, hat sich bisher immer als Glücksfall erwiesen. Mein Schreibtischstuhl ist ebenso wie der Küchentisch ein Überbleibsel der Möbel der Großmutter vom Mädchen, das in meiner ersten Wohnung die Vormieterin war. Den Küchentisch habe ich abgeschliffen und lackiert, nach nun neun Jahren ist es für mich immer noch der Inbegriff von Küchentisch und die Pläne des Karpaten, ihn neuerlich aufzuarbeiten und dabei die einst ausklappbare Arbeitsplatte, die eingenagelt im Inneren ihre Bestimmung nicht erfüllen kann, zu befreien, erfreuen und ängstigen mich gleichermaßen; der Tisch soll so bleiben, wie er geworden ist und weiter werden, älter werden, meiner bleiben.

Der eben angesprochene Kleiderschrank faßt, bis auf Schuhe und Jacken, alle Kleidung, die der Karpate und ich besitzen, und noch viel mehr, und anders als die Schränke, die man überall kaufen kann, kann man ihn immer noch und immer wieder auseinander bauen, und seine Schrunden und Wunden machen ihn nicht kaputt, sondern schöner, würdiger.

Und dann wären da noch ein anderes Sofa mit passendem Sessel, eigentlich zwei Sesseln, aber nur einer davon paßte mit in die 36 Quadratmeter der ersten Wohnung. Diese beiden Stücke sind von der Familie, bei der ich Babysitterin war, sie hatten sich, als die Kinder aus dem Gröbsten raus waren, endlich neue Möbel gegönnt und mir ihre alten vermacht. Sie sind mit grasgrünem Stoff bezogen, abgesteppt mit einst roten, nun eher rosafarbenen Knöpfen, und sowohl Sofa als auch Sessel kann man ausziehen und darauf schlafen, sehr bequem darauf schlafen im übrigen. Ich vergesse immer, daß sie grün sind, denn seit eh und jeh wird die Erinnerung an die eigentliche Farbe überlagert durch die weißen Decken, die darüber gespannt sind. Wie anders Möbel und damit die Zimmer wirken, wenn nur die Farbe (bzw. der Hauptteil der wahrnehmbaren Farbe) sich ändert!

Noch lange sehen wir keinen Anlaß und auch nicht die finanzielle Perspektive, von bald zwei kleinen herumschmaddernden Kindern mal abgesehen, unsere unmöglichen, kaputt, geliebten Sofas gegen etwas Neues einzutauschen. Das Alte ist nämlich nicht einfach nur alt, es ist unseres geworden und bleibt es auch.

August 2, 2009 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. Du sprichst mir aus dem Herzen, auch ich liebe unsere alten Möbel, sie haben Charakter und eine Geschichte. Nur manchmal, wenn Besuch da ist und irgendwie verächtlich unsere Möbel betrachet, tun sie mir richitg leid.

    Kommentar von Baumfee am 03. August 2009 um 23:15 | Link

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