sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.
Erinnert sich noch jemand an die Schwüle vor dem Gewitter, tagelang, dann die silbrige Luft, die immer leerer wurde für einzwei Stunden nur, der aufkommende Wind, heiß zuerst, dann warnender, durchdringender, kühler, die ersten Blitze und dieses Scheppern und Krachen dann plötzlich überall, während der Regen prasselte und prasselte und das Donnern und Lärmen gar kein Ende mehr nehmen wollte?
Wir rannten dann immer schreiend und lachend heim, halb abenteuernd, halb schaudernd, klatschnass und glücklich. Und angekommen, war das Gewitter noch langelange nicht vorbei, den ganzen Abend lang saßen wir auf dem Balkon und zählten mit zusammengekniffenen Augen die Blitze, maßen ihre Entfernung und waren wie elektrisch aufgeladen, aufgeregt und so — lebendig.
Heutzutage ist der Himmel schwarz, hmnja, es blitzt mal eben hier und da, wenn man Glück hat, hört man das Donnern in der Ferne und der Regen plätschert halt so vor sich hin, immer wieder mal. Mit Ausnahme vielleicht eines Gewitters dieses Jahr war das alles recht enttäuschend, auch heute wieder, und kaum waren wir daheim, die Kleine und ich, hörte es auch schon wieder auf mit wenigstens dem letzten bißchen Tosen.
Sommergewitter sind auch nicht mehr das, was sie mal waren, oder liegt das an mir?
Ich war wieder schwimmen, viermal schon. Allein, immer nur für eine viertel oder halbe Stunde, so lange ich eben konnte, aber ich war schwimmen.
Nachdem die letzten Tage und Wochen sehr zermürbend waren, anstrengend, schmerzhaft, und ich so etwas wie einen Schlaflosigkeitsmarathon hin zum Quasinervenzusammenbruch hatte, ständig Heul- und sonstige Krämpfe und gar keine Kraft mehr, erinnerte ich mich an die wunderbare Stille, die ich beim Schwimmen immer gespürt hatte.
Eigentlich dürfte das ja so gar nichts für mich sein, diese kurzen Tauchphasen beim Brustschwimmen, weil ich doch so leicht in Panik gerate, beim Duschen schon, sobald mein Kopf von Wasser überspült wird. Aber irgendwie — ist es einfach herrlich, sobald ich beim Schwimmen erst einmal meinen Atemrhythmus gefunden habe. Ich bin natürlich mangels Training und auch durch meinen Walfischumfang (28. Woche) nicht eben schnell, geschweige denn ausdauernd, aber die Überwindung, abends, wenn die Kleine im Bettchen liegt noch einmal loszufahren, lohnt sich. Sehr.
Dieses “Jetzt erst recht!”, die Einsicht, daß ich gerade in stressigen Zeiten an mich selber denken muß und Dinge, die mir lieb und teuer sind, Hobbies, besonders dann nicht vernachlässigen darf, hoffe ich, nicht so schnell wieder aus den Augen zu verlieren. Zu oft höre ich in letzter Zeit besonders aus der Familie, daß man zum Beispiel nicht malen, schreiben, weggehen, in Ruhe miteinander und vieles mehr kann, weil man zu kaputt dazu wäre und abends nur noch in Bett falle. Und ich selbst habe es auch länger so gehalten, aber das brachte mich nicht weiter, im Gegenteil, ich war nicht nur müde, sondern auch zunehmend zermürbt, unzufrieden und frustriert. Und selbst, wenn ich nur eine halbe Stunde Schlaf abknapse neben der Arbeit, um etwas für mich zu tun, lohnt sich das. Erschöpft bin ich so oder so, aber nach dem Schwimmen etwa bin ich immerhin zufrieden, mein Bauch, der wenigstens kurz schweben durfte, tut mal nicht mehr weh und vielleicht hilft das Schwimmatemtraining ja wieder bei der Geburt, wer weiß?
(Ansonsten bin ich trotzdem noch auf dem besten Wege, zum Sozialtrottel zu werden, es gibt nur eine Handvoll Menschen, die mich momentan zu sehen bekommen, mehr geht gerade nicht.)


auf der Spur ist, dann geht man weiter, klar.
Im Leben, im echten Leben, wo man bei dieser Hitze Arschwasser hat und doch nur verschämt sagt, daß man gerade schwitzt, ist der Punk meistens ganz weit weg, so weit, wie Mitte es von Schöneweide sein kann oder du von mir. Da kann die S-Bahn tausendmal nur zwanzig Minuten brauchen und wir eigentlich nebeneinander sitzen, es ist eben so.
Punk und Wahrheit und meine Blutschweißtränen, unterwegs ist etwas verlorengegangen.
Ein klebriger Film zieht sich über den Tag und den nächsten und übermorgen auch und enden wird das nicht mehr, dazu lebe ich schon zu lange so, daß ich am Ende nichts mehr wirklich vertrauen kann. Es ist ein wenig unfair, das weiß ich selbst, hinter jedem Wort ein anderes zu sehen, ach was, sehen, von einem anderen angebrüllt zu werden, innerlich bin ich ganz Sibirien.
Tchechow schreibt aus Sachalin, daß die Fuhrleute, die Bauern, selbst die Tiere dort so abgestumpft sind von der Kälte und Stille und Einsamkeit, von der Verzweiflung am Ende der Welt, daß sie sich nur noch mit Brüllen äußern, stundenlang müsse man brüllen, bis die Fähre übersetzt, gerade noch vor dem Aufgeben, immer nur gehe es gerade noch so vor dem Aufgeben weiter, man ist immer nur kurz vor der Grenze zum Tod, der Erlösung wäre und kommt doch nicht davon.
Die Rettung als fieseste Folter.
Ich hätte dieses Buch heute nicht anfangen dürfen, ich hätte ganz andere Sachen nicht beginnen dürfen, jetzt ist mir so Sibirien. Laß es morgen wieder Schöneweide sein, ich bin ja jetzt bescheiden.
Die Kleine kann jetzt plötzlich Sachen …
Schon länger interessierte sie sich für ihre Füßchen, das ist normal, Babys sind so, die bekommen sogar noch ihre großen Zehen in den Mund und man denkt sich nicht viel dabei. Etwas später ging sie dazu über, sich ihre Söckchen nicht mehr nur angelegentlich, dabei nicht weniger hartnäckig, abzustreifen, als sie es sowieso schon immer tat, sondern mit allerhöchster Konzentration. Seit vier-fünf Wochen etwa versucht sie schließlich, sich beim Wickeln nach dem Ausziehkampf ihre Socken wieder anzuziehen, und auch dies haben wir bemerkt und für süß befunden, uns aber eben nicht weiter darum gekümmert.
Was die Kleine jetzt aber tut, seit vielleicht acht Tagen, ist so rührend, daß mir immer ganz schummerig wird vor Stolz: Wann immer sie morgens, nach dem Spazierengehen in Sandalen oder nach dem Duschen meine Söckchen (zuhause trage ich statt Hausschuhen immer Sneakerssocken) sieht, bringt sie diese zu mir und versucht sie mir anzuziehen, meistens schafft sie das sogar so gut, daß ich nicht einmal mehr nachfassen muß, damit alles sitzt.
Es sind immer wieder diese Kleinigkeiten, die uns zeigen, was für ein Schatz dieses kleine Wesen ist, und wie viel sie schon mitbekommt, wie lieb sie zum Beispiel sein kann, wenn ich müde und erschöpft aussehe. Dann streicht sie mir öfter mal über den Kopf und bleibt länger als sonst einfach neben mir sitzen, daß ich nur noch denken kann “Hach!” Und gleichzeitig hat sie auch diese großartige “Pathosbremse”, etwa wenn wir abends vor dem Schlafengehen noch einmal in ihr Zimmer gehen, zwei Stäbe aus ihrem Gitterbettchen entfernen, falls sie morgens hinaus möchte. Dann fühlen wir, ob ihre Händchen nicht doch kühl sind, sehen nach, ob sie ihre Lieblingskuscheltiere noch griffbereit hat und lauschen ihrem Atem, und gerade in dem Moment, in dem wir vor Elternstolz und Babyschlaffrieden beinah zu gefühlsduselig werden –
pupst sie. Immer.
Es knattert richtig los und stinkt bestialisch und ist, so doof und eklig die Angelegenheit eigentlich sein könnte, so großartig und jedes Mal wieder so unerwartet lustig, daß wir uns gerade noch so beherrschen können, nicht laut loszuprusten, denn nach diesem Ausbruch folgt dann zuverlässig so ein zartes Seufzen, wie es wohl nur urzufriedene Kinder in ihrem Kuschelbettchen zustande bringen, und da ist er dann doch wieder, unser Pathosmoment.
Gute Nacht.