Selbst schuld

Es gibt erste Male, die ich lieber nicht erlebt hätte.

Gern würde ich immer noch behaupten können, daß Leia tagsüber noch nie in ihrem Bettchen lag, aber wie so oft waren es die Schwiegereltern, die das versaut haben.

Man mag davon halten, was man möchte, ich habe jedenfalls für mich zur Regel gemacht, daß ich mein Kind tagsüber nicht einfach ins Bettchen stecke, damit es schläft. Im Idealfall schläft die Kleine, wenn wir kuscheln, meist neben oder auf mir, und ich bekomme so ebenfalls das eine oder andere Stündchen Schlaf ab. Ansonsten schläft sie öfter mal beim Spazierengehen ein, im Kinderwagen, im Auto oder neuerdings bei Mutti im Garten, entweder beim Schaukeln,

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auf der Hollywoodschaukel neben jemandem oder auf ihrer Spieldecke. Um tagsüber ganz allein auf einer Decke einzuschlafen, muß sie schon sehr müde sein, und wenn sie sich dann in den Phasen des Halbschlafes oder kurzen Aufwachens allein findet, ist sie verwirrt und erschreckt. Am besten schläft sie tagsüber, wenn sie Körperkontakt mit jemandem spürt, sei es auch nur Knie an Knie, wenn ich neben ihr sitze und zeichne oder ein Buch lese.

Warum diese ausführliche Beschreibung? Seit Jahr und Tag erfahren auch die Schwiegereltern, daß es für ihr Enkelchen einen himmelweiten Unterschied zwischen dem Tag- und dem Nachtschlaf gibt. Tagsüber überall, am besten mit jemandem zusammen, nachts allein im Bettchen. Das ist doch eigentlich nicht so schwer zu verstehen.

Viel falsch gemacht scheinen wir damit nicht zu haben, denn welches 14 Monate alte Kind schläft meist ohne Protest allein in seinem Zimmer ein (ich glaube, wir haben noch kein Dutzend durchgewachte Nächte in ihrem Leben mitgemacht), nach einer tagtäglich funktionierenden Zubettgehprozedur von maximal einer halben Stunde, schläft dann seit Monaten schon durch und momentan sogar wieder zwölf Stunden am Stück? Und welches Kleinkind zeigt sein abendliches Schlafbedürfnis dadurch, daß es einen mit dem Schnuffeltuch verfolgt, sich ankuschelt, auf den Boden legt oder gar von allein neben sein Bettchen kriecht?

Seit vor einer Woche Schwiegermutti über Mittag auf sie aufpassen sollte, weil sie doch immer so bettelt, daß die Kleine endlich mal über Nacht dort bleiben soll, ist dies anders. Offensichtlich dachte sie, egal, was ich ihr sage, ein kleines Kind muß doch auch tagsüber ins Bett zu sperren sein, ganz gegen seine Gewohnheit, “das macht man doch so” und “überhaupt”, und so scheint der Kleinen ihr Bett gründlich verleidet. “Jaja, sie stand dann da ganz verzweifelt und hat sehr lange an den Stäben gedreht und geschrien, auch, nachdem ich dann wieder ins Zimmer gekommen bin“.

ICH BIN IMMER NOCH WÜTEND!

Sicher habe ich auch nicht alles richtig gemacht mit dem Baby, wer schafft das schon, aber ich habe doch immer versucht, mich in sie hineinzuversetzen und ihr Sicherheit zu geben, besonders, was das Alleinsein betrifft. Wann immer ich merke, daß ihr eine Situation nicht behagt, die so nicht zwingend notwendig ist, versuche ich etwas zu ändern. Und zwar schnell. Und was gar nicht und nie geht, ist die Kleine irgendwo eingesperrt allein zu lassen. Muß ich sie wirklich einmal in ihr Laufgitter stecken, dann verlasse ich eben die Küche nicht, sitzt sie in ihrem Hochstuhl, dann auch nicht. Normalerweise kann sie sich frei in der Wohnung bewegen, verlasse ich also das Zimmer, ist es ihre Entscheidung, mir zu folgen oder nicht.

Der Karpate hat öfter mal erzählt, daß er bis zur Pubertät nur eine Klinke an seiner Kinderzimmertür hatte, außen. Seine Eltern haben also darüber bestimmt, wann er sein Zimmer verlassen konnte oder wann ihm Privatsphäre zugestanden wurde. Von innen seine Tür nach Belieben öffnen oder schließen konnte er nicht. Zum Mittagschlaf wurde er eingesperrt. Zunächst habe ich das für einen Scherz gehalten, eine Übertreibung, offenbar aber ist bei seinen Eltern das Bewußtsein dafür, daß ein kleiner Mensch, und zwar schon im Alter von etwa einem Jahr, seinen eigenen Willen haben darf (mit gewissen Grenzen, sicherlich), äußerst gering. “Die hat noch nichts zu wollen.”

Ich plädiere hier nicht dafür, daß einem die eigenen Kinder auf der Nase herumtanzen und alles dürfen sollen, aber selbst ein kleines Baby weiß, ob es jetzt lieber liegen oder auf einem Schoß sitzen will, ob es Ruhe braucht oder eine Spielphase, und wenn mein Kind so anhänglich ist, daß es tagsüber gern mit mir kuschelt und dabei einschläft und ich ja meist auch die Zeit dafür habe, mich mit ihr zusammen hinzulegen, dann ist das doch wunderbar. Kinderschlaf ist eine sehr heikle Sache, dieses eine Erlebnis beschert uns seit einer Woche Frust beim Zubettgehen, auch wenn sie jetzt nur noch kurz quengelt. Dafür sitzt sie aber seitdem nicht mehr, wie nun schon seit Wochen, nach dem Aufwachen zufrieden spielend in ihrem Bettchen, sondern verläßt dieses morgens so schnell wie möglich. Wie lange es dauert, bis ihre Erinnerung daran, dort tagsüber eingesperrt gewesen zu sein, verblaßt, wissen wir nicht.

Was wir wissen ist, daß wir nicht wollen, daß so sorgfältig und mit Bedacht eingeführte Regeln und Rituale in unserer kleinen Familie ignoriert werden, nur weil jemand nicht zuhören kann oder will oder meint, es besser zu wissen. Mit der Kleinen läuft nämlich beinah alles, was woanders sehr viel Ärger zu machen scheint, ausgesprochen entspannt und fast wie von selbst, sei es das Schlafen, das Essen(lernen), das Zähneputzen, neuerdings sogar das An- und Auskleiden. Wir wagen gar nicht uns auszumalen, was alles schieflaufen kann, wenn sie in der Phase des Trockenwerdens ist und jemand aus falsch verstandener Erziehungswut im falschen Augenblick schimpft, weil sie vielleicht das Töpfchen verpaßt hat oder ähnliches. (Des Karpaten Cousine haben die veralteten Methoden der Großmutter, die schon trockene Enkelin zigmal täglich mit Zwang auf den Topf zu schicken, schließlich zusätzliche eineinhalb Jahre Windeln beschert.)

Wenn wir uns nicht darauf verlassen können, daß die Kleine sich auch woanders auf einen respektvollen und für sie gewohnten Ablauf verlassen kann, dann bekommt, wer immer das auch sein möge, sie eben nicht überantwortet. Noch habe ich über ein Jahr Zeit, in dem ich es mir leisten kann, dies für sie zu gewährleisten, danach ist sie hoffentlich stark genug, nicht mehr so anfällig bei Veränderungen zu sein.

Das hat nichts mit Glucken zu tun, nur mit Beschützen.

Julie 21, 2009 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. Oh mann, ich kann Sie sehr gut verstehen!
    Auch ohne Kinder ruft es die kleine Ader an meiner Stirn hervor.
    Auf Kosten des Kindes Unfähigkeit zu beweisen geht garnicht!
    Ich hoffe Sie habens bald wieder so wie Sie das wollen!

    Kommentar von Mo* am 22. Julie 2009 um 08:54 | Link

  2. Leider ist das nicht nur bei dir so und manchmal sogar nicht mal “bös gemeint”. Aber wenn man seine Kids länger als paar Stunden woanders hat, braucht man Tage bis Wochen, bis man die neuen Marotten wieder raus hat. - Und gerade weil die Rituale so wichtig sind, für die Kids wie die Eltern, ist deine Wut mehr als verständlich. Es ist die Ignoranz vor dem Willen der Eltern, dieses Abtun und Runterspielen - und am Ende oft nur aus einem banalen und traurigen Grund: Bequemlichkeit.

    Kommentar von Alexander am 22. Julie 2009 um 10:29 | Link

  3. Ich kenne dieses unerträgliche Gefühl. Am allerschlimmsten finde ich dann noch Aussagen wie “das hat uns auch nicht geschadet, oder das sind doch nur Kinder “. Ich hoffe das wir mit solchen Briefen und Ansprachen Gehör finden, bei den Betreuenden Personen. Einen respektvollen Umgang erwarten wir schließlich alle von unserem Gegenüber. Warum aber gestehen nicht alle ihn auch endlich unseren Kindern zu.

    Kommentar von Maelicitas am 22. Julie 2009 um 23:30 | Link

  4. Und wieder sagt “das Internet” (wenn ich euch Lieben mal so grob zusammenfassen darf): “Du bist nicht allein.” Ich finde es ja immer wieder beruhigend, mit solchen Meinungen nicht allein dazustehen angesichts dessen, was manche Menschen um mich herum vermitteln, nämlich daß ich übertreibe, die Kleine zu sehr verwöhne (???), zu sehr glucke, sie verziehe, kompliziert bin oder einfach nur unfähig.

    Daß es böse gemeint ist, glaube ich auch gar nicht, es ist eher gedankenlos, dann auch respektlos mir gegenüber und ihren Gewohnheiten. Aber schon das mangelnde Einfühlungsvermögen vorher bzw. die seltsame Reaktion hinterher (”Egal.”) können reichen um Schaden anzurichten.

    Von Anfang an habe ich versucht mir vorzustellen, wie Situationen auf die Kleine wirken, mit ihrem Horizont und Erfahrungsschatz. Und wenn man sich zum Beispiel vor Augen führt, daß so ein Würmchen am Anfang nur wenige Zentimeter weit sehen kann und sich, wenn es sich allein findet, nicht vorstellen oder erinnern kann, daß ich ja gleich wiederkomme, dann kann ich es auch nicht alleinlassen nach dem Motto: “Ach, laß es schreien, es muß lernen, daß nicht immer gleich jemand kommt.” Muß es eben nicht. Es muß wissen, daß ich (oder jemand anderes) verdammt nochmal da ist, dann erst entwickelt es schließlich ein Vertrauen, und die Mühe, die ich bisher in die Kleine gesteckt habe, die zahlt sich an so vielen Stellen bereits jetzt aus.

    Dieses Hineinversetzen(können) fehlt aber den Schwiegereltern oft und bringt die Kleine in Lagen, die sie ängstigen oder verwirren, und solange ich eben den Luxus Zeit habe, dies wo immer möglich zu verhindern, indem ich mich um sie kümmere, werde ich dies auch tun. Sollen sie doch bockig sein, weil wir ihnen das Kind nicht einfach mal für zweidrei Tage überlassen.

    Kommentar von Julie Paradise am 23. Julie 2009 um 02:01 | Link

  5. Ich hab mich gerade hierhergefunden und lese direkt so einen Post. Einen Post, der mir viel sagt und mitgibt (in vier Monaten bekomme ich mein erstes Kind). Er bestätigt mich in dem, was ich bzgl. meiner Mutter erahne und evt. befürchte und was ich von anderen Müttern meiner Generation höre.

    Danke dafür - ich komme sicher wieder! (und das nicht nur wegen dieser unglaublichen Zeichnungen, so niedlich und dabei so liebevoll und wenig kitschig….)

    Herzlichst, Frau Blümel

    Kommentar von Frau Blümel am 23. Julie 2009 um 19:35 | Link

  6. Verfolge den Blog schon länger und lese ihn als junder Vater mit nahezu exakt gleich alten Kindern sehr gern. Manchmal treibt es mir allerdings die Fremdschamesröte ins Gesicht, wenn ich Dich über Deine Schwiegereltern reden höre bzw. schreiben sehe. Du lässt kein gutes Haar an denen, immer machen sie alles falsch und sind dabei noch so unsensibel, dass sie es nichtmal mitbekommen.
    (Groß)Schwiegereltern gehören aber nunmal dazu und sind gerade wegen ihrer anderen Art und Sicht der Dinge sehr wichtig für kleine Kinder - die so den Unterschied von Regel und Ausnahme entdecken lernen. Kurzer anonymer Rat: mach Dich den Karpateneltern gegenüber mal locker und rede nicht immer nur negativ über sie.

    Lieben Gruß

    Herr Henne

    Kommentar von Herr Henne am 24. Julie 2009 um 09:19 | Link

  7. Herr Henne,

    ich habe kurz überlegt, diesen Kommentar in der Mod zu lassen, hihi.

    Im Ernst: Mir ist schon klar, daß ein Baby / Keinkind irgendwann stark genug sein muß, auch mit der Art anderer Menschen als der der Eltern zurechtzukommen. Wäre die Kleine schon im Kindergarten (mit 14 Monaten üblich), müßte sie das jetzt schon. Das Problem bei der Sache ist auch nicht das “anders” allein, sondern die Art und Weise, wie unsere Bitten ignoriert werden. Wir haben diese Regeln nicht aus Daffke eingeführt, sondern uns bei beinah allem im Umgang mit ihr viele Gedanken gemacht. Bis jetzt meist mit Erfolg.

    Und manche Dinge, die die Schwiegereltern bringen, sind einfach inakzeptabel. Kleinkinder nicht schlafen zu lassen, weil sie (die Schwiegereltern!) der Meinung sind, ihre geschätzte Anwesenheit wäre wichtiger als alles andere bzw. zum Schlafen zu zwingen, ein so kleines Kind allein auf einem hohen Bett liegen zu lassen (”Wir hören dann schon, wenn sie wach ist.” — “Ja, wenn sie vom Bett fällt.”) oder zu ignorieren, daß sie sehr empfindlich auf Würze in Speisen reagiert und dann schnell mal einen wunden Po bis hin zu offenen Blasen hat (Orangen-Punica(!) unverdünnt (!!) im 6. Monat, prima Idee!). Solche Dinge sind schon zu oft geschehen, als daß ich mich da nicht schützend vor das Kind stellen müßte, denn es geht eben nicht nur um mal länger aufbleiben oder zweimal Nachtisch oder augenzinkerndes “bei Omi darfst du das mal”. Vaschtehste?

    Kommentar von Julie Paradise am 24. Julie 2009 um 19:32 | Link

  8. Manche Großeltern sind in ihren Erziehungsmethoden so ein- und festgefahren, dass man als Kinder und Eltern der Enkel, die neue bzw. “zeitgemäße” Erziehungsmethoden anwenden wollen, nicht anders kann, als die “Reißleine” zu ziehen. Und die Kinder mit diesen nicht alleine zu lassen. Und als Vater von zweien mit Eltern, die noch “preußisch” erzogen haben, weiß ich wovon ich rede.

    Und oftmals ist ein Blog oder Gespräche mit Freunden die einzige Möglichkeit, den Frust, die Wut und die Enttäuschung über die (Schwieger-)Eltern zu verarbeiten und und loszuwerden. Auch hier spreche ich aus Erfahrung.

    Aber eines darf nicht vergessen werden: Der Karpate (wenn ich ihn hier so nennen darf) ist immer der Sohn seiner Eltern und hat als solcher auch entsprechende Gefühle. Und bei allem eigen Frust etc. können auch diese durch Blogeinträge oder Gespräche / Erzählungen mit / gegenüber dritten verletzt werden. Hier fängt leider eine sehr schwierige Gratwanderung an, die viel Vertrauen und Verständnis der Partner untereinander bedarf.

    Alles Gute und viel Kraft! (Mit zwei Kindern werden diese Probleme auch nicht einfacher - und 14 Monate ist wirklich zu früh um außerhäusig zu schlafen…)

    Kommentar von cvs am 28. Julie 2009 um 14:14 | Link

Rock my Boat!