Heute habe ich erlebt, was es heißt, eine hilf- und ahnungslose Frau zu sein. Nicht, daß ich soetwas gar nicht kennen würde, aber meist gelingt es doch recht gut, entsprechenden Situationen so geschickt auszweichen, daß man nicht in die Verlegenheit kommt, sich selbst oder, schlimmer noch, anderen gegenüber, zugeben zu müssen, daß man wie die Kuh vorm neuen Tor steht, wenn es donnert. Oder so ähnlich.
Jedenfalls: Der Karpate ist schuld daran, daß Leia in ihrem famosen Kinderwagen auf Luftbereifung fährt. Etwaige Probleme mit solchen Reifen hatte ich beim Kauf bereits gefürchtet, gerade auch wegen der feierwütigen und bekloppten Jugend, die wochenendlich unsere Gegend mit Glasscherben überzieht, aber der Mann bezahlt, der Mann bestimmt, zumindest solange ich nicht doch unbedingt etwas anderes will. Wollte ich nicht, denn meine Erfahrung mit Kinderwagen hielt sich in recht engen Grenzen und für den Rest der Befürchtungen fand sich schnell die Floskel “Ach, wat soll schon sein?”
Einen Platten am Fahrrad hatte ich noch nie, und wäre ein solcher nicht schon ärgerlich genug, ein Platten am Kinderwagen, an einem schwülen Tag, an dem schon der Abstieg mit Leia und den gesammelten Pfandflaschen aus dem 5. Stock für Schweißausbrüche sorgte, ist noch ärgerlicher. In der Hoffnung, daß eine Luftpumpe das Übel beseitigen könnte, gab ich die Kleine in die sanften Hände des häuslichen Physiotherapeuten, der sich mit ihr in der Wellnessoase tummelte, während ich oben in der Wohnung nach der Luftpumpe suchte — welche ich nicht fand und finden konnte, denn solcherlei verwahrt der Karpate eigentlich im Keller, die für den Kinderwagen passende hatte er allerdings im Auto, welches ihn zur Arbeit am anderen Ende der Stadt gebracht hatte, wie ich nun weiß.
Also suchten die Kleine, ich und der wegen des schlaffen Reifens Platscheflatschegeräusche machende Kinderwagen die nächstgelegene Tankstelle, um dort Hilfe zu suchen. Ich erfuhr, daß mir nicht geholfen werden dürfe, “aus versicherungstechnischen Gründen”. Aha, hä-hmm.
An der freien “Luftstation” war ich dann die Kuh, die vor dem Tor–, wenn es donnert–, und so, ich hatte auch gar keine Gelegenheit, mich zu orientieren, denn sofort nach mir standen auch schon zwei Autos Schlange, um den Reifendruckservice zu nutzen, eines davon hupte. Es war ein riesiger SUV, bullig, häßlich, prollig, wie sein Fahrer, der sogar noch geistloser als sein Auto aussah. Aus dem anderen Wagen stieg sofort ein junger hübscher Kerl, dessen Gegenwart mir aber beinah noch unangenehmer als das Ekel aus Wagen No. 1 war, man erinnere sich an die Schwüle, meinen zweimaligen Auf- und Abstieg in den 5. Stock auf der Suche nach der Luftpumpe und die bis jetzt unerwähnt gebliebenen Tatsachen, daß meine Haare sich bei hoher Luftfeuchte gern mit dieser verbinden und an den unpassendsten Stellen kringeln und ich außerdem “ach, irgendein T-Shirt halt” übergeworfen hatte, in dem ich mich plötzlich ziemlich nackig fühlte. Egal, der Vorstadtgentleman (MOL) übernahm die Befüllung des Kinderwagenreifens (unzureichend, wie sich später herausstellte), während der SUV-Ochse herumpöbelte, daß jetzt so eine fette Mudda sein Weiterkommen behindern würde. Arschloch!
Mein Weiterkommen hingegen war erst einmal gesichert, denn der Spaziergang sollte mich und Leia zum Supermarkt bringen, wir brauchten Weißbrot. Ich hätte gern auch mehr gekauft, aber angesichts des platten Reifens und der Unsicherheit, ob die Tankstelle weiterhelfen würde, hatte ich die Pfandflaschen daheim stehen lassen; die mitgenommene Barschaft von 94 Cent bot also nicht viel Spielraum.
So sorglos ich mit neuen Schuhen aus dem Haus gegangen war, so schmerzhaft wurden diese aber auf halbem Wege, ich quälte mich zum Supermarkt und zurück, verluchte meinen Entschluß, nur das Kleingeld und nicht das ganze Portemonnaie mitgenommen zu haben, in dem sich immer fersenpassend zugeschnittene Pflaster befinden und hatte meinen Wortohrwurm des Tages Leias Märchen-Platte zu verdanken:
Rucke-di-gu, Blut ist im Schuh.
Fazit dieses Tages: Pech gehabt, dumm angestellt, doof gefühlt, angepöbelt worden, Blasen geholt, Locken bekommen (Klimax des Ungemachs! jetzt kommt der versöhnliche Part) und gleichzeitig trotzdem wieder gemerkt, daß von unerwarteter Seite doch Hilfe kommt, wenn sonst schon alles schiefgeht.
Geht das überhaupt, dass jemand noch primitiver aussieht als sein SUV?
Dieses alles ist aus dem 5. Stock heraus wahrlich keine leichte Übung. zumal wenn die passend zugeschnittenen Pflaster nicht dabei sind.
Ich kann es immer nicht so wirklich glauben, wenn ich bei einer aus B. kommenden Bloggerin lese, wie am Abend und Wochenden pöbelnde und besoffene Jugendliche durch die Stadt marodieren, Flaschen zerschmeissen und auch sonst allerlei zerstören und zumüllen.
Wenn ich mich recht erinnere lebst du ja auch in dieser B. Stadt und dein Bericht bestätigt ihre Wahrnehmungen sowie Beschreibungen aufs schlimmste.
Wenn das zweite Kind dann da ist, wird der Ab- und Aufstieg in die 5. ja auch nicht gerade leichter.
Ansonsten wünsche ich dir natürlich ein Aufstieg in allen Lebenslagen.;-)
Liebe Grüsse
sternenschein
Kommentar von sternenschein am 30. Juni 2009 um 13:13 | Link
Nicht überall in Berlin wird es so sein wie hier, aber in der Nähe liegen einige stadtbekannte Deppen- und Prollausflugsziele für Freitag- und Samstagnächte, und wir wohnen nun einmal auf dem Wege dorthin bzw. queren öfter die Laufwege, die dorthin führen, da erwischt man schon einmal die eine oder andere Glasscherbe. Tagsüber ist es hier aber einigermaßen hübsch und recht friedlich, billig auf jeden Fall, und hoch oben in der Wohnung ist mir sowieso egal, was sich unten abspielt.
(Wenn ich jetzt immer noch schwangerer werde, gehe ich einfach nicht mehr raus, ähem. ;-))
Kommentar von Julie Paradise am 01. Julie 2009 um 22:25 | Link