Eine Familiengeschichte in Bildern — gibt es bei uns nicht. Noch nicht, hoffe ich sagen zu können, oder, nicht mehr, oder, nicht hier.
Die Bilder, die bei “uns” zuhause hingen, womit ich die Bilder meiner Kindheit in der Wohnung meiner Mutti meine, solche Bilder sind es, die ich nicht habe. Die wir als Familie nicht haben. Aber eben solche, diese Bilder gehören meinem Verständnis nach in unsere Wohnung. Nur weiß ich zu genau, daß wir uns unsere eigene Familiengeschichte in Bildern ansammeln müssen, und daß dies noch lange lange dauern wird.
Seit zwölf Jahren mache ich Fotos, so wie ich Bilder mache. Ich würde nicht behaupten, daß ich “fotografiere” oder “zeichne”, ich mache einfach, mit all der Plumpheit und Gewöhnlichkeit, die diesem Verbum anhaftet, manchmal aber eben auch mit einem schönen Ergebnis. Fotos, die für mich Erinnerungswert haben und gleichzeitig, so würde ich mich rühmen, auch posterwürdig sind, habe ich schon einige gemacht, einige davon habe ich jetzt endlich gerahmt und an unsere bis eben noch kahlen Wände gebracht. Andere Erinnerungsstücke, Kunstdrucke oder gar Unikate, sind selten bei uns, doch es gibt sie.

Im Kinderzimmer habe ich, nach langem Suchen, Geschenkpapierbögen mit Illustrationen von Silke Leffler aufgehängt, Zahlen von 1-12, das Alphabet, eine Kulinarienprozession und eine Kinderspielzeugmischung. Dazu ein laminiertes Wimmelposter, auf dem ein Bauernhof mit unzähligen Tieren zu sehen ist und, nicht im Bild, meine Häschenbilder. Vor dem Poster sitzen die Kleine und ich stundenlang und wir blöken und muhen und miauen und piepsen, bis wir beide ganz atemlos sind und uns zur Stärkung Richtung Küche rollern müssen.

Dort hat uns einerseits meine Mutti mit (pseudo-)nostalgischen Blechschildern versorgt, andererseits wollte ich wunderschönes Briefpapier, welches ich vor nicht allzulanger Zeit geschenkt bekam, irgendwie um mich haben. Also druckte ich einen Blogtext über Apfeltorte, eine Iris, Pfaffen und Skandale auf ebenjenes Papier und muß nun oft über mich selbst lächeln, ich Internetausdruckerin, und über das Geschenk sowie über die Spitzen, die dort in feine Schrift gebannt sind.
Im Flur sind noch nicht alle Rahmen gefüllt, aber der rote Rahmen, der hat solche Erinnerungsstücke, wie ich sie gern anhäufen würde: Die rechte Seite beherbergt einen Flyer für “La Bella indisponenta”, ein Theaterstück im Stil der Commedia dell’Arte, in dem mein bester Freund damals mitspielte, er war der Pantalone, zehn Jahre ist das nun her. Die Glückwunschkarte daneben schenkt mir etwas, das ich mir aussuchen kann und immer noch nicht eingelöst habe, vor zwei Jahren bekam ich sie, vom gleichen lieben Menschen. Vielleicht löse ich mein Geschenk nie ein, vielleicht doch, aber wann immer mir beim Räumen die Karte in die Hände fiel, hatte ich ein warmes Gefühl im Bauch und freute mich, daß ich diesen Freund haben darf.

Das Mädchen schräg darüber bin übrigens ich, mit Dreadlocks, damals, 2001, aufgenommen im Berliner Lustgarten.

Im Wohnzimmer hängt ein riesiges Bild (150 x 90 cm), das meine Mutti gemalt hat, in Acryl, es ähnelt der Abbildung, die ihren Gedichtband umhüllt. Desweiteren gibt es einige Platten- und CD-Cover, die ich schon immer mochte, einige von ihnen kann man auf dem folgenden Foto sehen. Wenn ich recht überlege, könnte ich ganze Wände mit Plattencovern behängen — würde der Karpate nicht die Miete zahlen und sich nicht doch etwas dagegen wehren.

Insgesamt sind wir, jetzt wo ich mich durch Fotos und Andenkenkisten gekramt habe, vielleicht doch nicht so familiengeschichtslos, wir drei (vier), aber im Laufe der Jahre kommt hoffentlich noch mehr zusammen an Erinnerungen, auch und besonders mit den Kindern.
Eine Sache gibt es noch, die ich besonders bemerke: Wie sehr ich in den vier Jahren in der vorherigen Wohnung meine Fotoposter vermißt habe. Diese Wohnung hatte der Karpatenvater beinah im Alleingang renoviert, er ist ein unverbesserlicher Heimwerker, der zwar alles kann, aber auch alles an sich reißt, so daß wir dort beide immer das Gefühl hatten, es wäre eigentlich gar nicht unsere Wohnung, auch weil der Vater bei Besuchen immer kritisch auf jede Abnutzung sah und wir uns wie ungezogene Blagen fühlten, die die gute Stube beschmutzt hatten. Hier aber, in der neuen Wohnung, hat der Karpate alles selbst gemacht und auch beinah alles allein. Wir hatten Hilfe beim Hochtragen des Laminats, beim Umzug natürlich auch, und als es an das Streichen der Scheuerleisten ging, die in der gesamten Wohnung fehlten, hat uns besagter bester Freund sehr viel Arbeit abgenommen, aber das Laminatverlegen, Malern, jetzt der Bau des Flurregals, das hat der Karpate alles mit seinen eigenen Händen in unzähligen Stunden geschafft. Diese Wohnung ist somit auch eine Art Fundament für uns, selbst wenn es nur eine Mietwohnung ist. Und an ihren Wänden hängt — teilweise — unsere Geschichte.
Heute habe ich das Kind verführt, zum Süßen und zur Prasserei. Morgens gab ich ihr einen Bissen vom Nutellabrot, später dann kaufte ich ihr Schuhe, die ersten, die sie (quasi) selbst ausgesucht hat.
Und was wären Mädchen und ihre Schuhe ohne etwas Zierei, ein Hin- und Her- und Anprobieren, ein Daheimauspacken und Immerwiederüberstreifen, Bewundern und Freuen und Anschauen und Vorzeigen und, nunja, Essen.

Das mit dem Essen ging mir dann aber doch zu weit, ich einigte mich mit Leia, daß es in Ordnung wäre, einen der hellblauen Schuhe mit ins Bettchen zu nehmen. (Er ist noch da, ich habe ihn gerade aus ihren schlafschlaffen Händchen gefischt.)
Wie sieht wohl die angemessene Reaktion von Schwiegereltern aus, die mich überraschend überfallen und dabei auf meine Schwester treffen, die ich seit FEBRUAR nicht gesehen habe? Jedenfalls werden sie mir nicht sympathischer, wenn sie sich dann schwer ins Sofa plumsen lassen und damit schon körpersprachlich klar machen, daß sie nicht gewillt sind, so schnell wieder zu verschwinden.
Letztens war übrigens Waschtag:

Heute habe ich erlebt, was es heißt, eine hilf- und ahnungslose Frau zu sein. Nicht, daß ich soetwas gar nicht kennen würde, aber meist gelingt es doch recht gut, entsprechenden Situationen so geschickt auszweichen, daß man nicht in die Verlegenheit kommt, sich selbst oder, schlimmer noch, anderen gegenüber, zugeben zu müssen, daß man wie die Kuh vorm neuen Tor steht, wenn es donnert. Oder so ähnlich.
Jedenfalls: Der Karpate ist schuld daran, daß Leia in ihrem famosen Kinderwagen auf Luftbereifung fährt. Etwaige Probleme mit solchen Reifen hatte ich beim Kauf bereits gefürchtet, gerade auch wegen der feierwütigen und bekloppten Jugend, die wochenendlich unsere Gegend mit Glasscherben überzieht, aber der Mann bezahlt, der Mann bestimmt, zumindest solange ich nicht doch unbedingt etwas anderes will. Wollte ich nicht, denn meine Erfahrung mit Kinderwagen hielt sich in recht engen Grenzen und für den Rest der Befürchtungen fand sich schnell die Floskel “Ach, wat soll schon sein?”
Einen Platten am Fahrrad hatte ich noch nie, und wäre ein solcher nicht schon ärgerlich genug, ein Platten am Kinderwagen, an einem schwülen Tag, an dem schon der Abstieg mit Leia und den gesammelten Pfandflaschen aus dem 5. Stock für Schweißausbrüche sorgte, ist noch ärgerlicher. In der Hoffnung, daß eine Luftpumpe das Übel beseitigen könnte, gab ich die Kleine in die sanften Hände des häuslichen Physiotherapeuten, der sich mit ihr in der Wellnessoase tummelte, während ich oben in der Wohnung nach der Luftpumpe suchte — welche ich nicht fand und finden konnte, denn solcherlei verwahrt der Karpate eigentlich im Keller, die für den Kinderwagen passende hatte er allerdings im Auto, welches ihn zur Arbeit am anderen Ende der Stadt gebracht hatte, wie ich nun weiß.
Also suchten die Kleine, ich und der wegen des schlaffen Reifens Platscheflatschegeräusche machende Kinderwagen die nächstgelegene Tankstelle, um dort Hilfe zu suchen. Ich erfuhr, daß mir nicht geholfen werden dürfe, “aus versicherungstechnischen Gründen”. Aha, hä-hmm.
An der freien “Luftstation” war ich dann die Kuh, die vor dem Tor–, wenn es donnert–, und so, ich hatte auch gar keine Gelegenheit, mich zu orientieren, denn sofort nach mir standen auch schon zwei Autos Schlange, um den Reifendruckservice zu nutzen, eines davon hupte. Es war ein riesiger SUV, bullig, häßlich, prollig, wie sein Fahrer, der sogar noch geistloser als sein Auto aussah. Aus dem anderen Wagen stieg sofort ein junger hübscher Kerl, dessen Gegenwart mir aber beinah noch unangenehmer als das Ekel aus Wagen No. 1 war, man erinnere sich an die Schwüle, meinen zweimaligen Auf- und Abstieg in den 5. Stock auf der Suche nach der Luftpumpe und die bis jetzt unerwähnt gebliebenen Tatsachen, daß meine Haare sich bei hoher Luftfeuchte gern mit dieser verbinden und an den unpassendsten Stellen kringeln und ich außerdem “ach, irgendein T-Shirt halt” übergeworfen hatte, in dem ich mich plötzlich ziemlich nackig fühlte. Egal, der Vorstadtgentleman (MOL) übernahm die Befüllung des Kinderwagenreifens (unzureichend, wie sich später herausstellte), während der SUV-Ochse herumpöbelte, daß jetzt so eine fette Mudda sein Weiterkommen behindern würde. Arschloch!
Mein Weiterkommen hingegen war erst einmal gesichert, denn der Spaziergang sollte mich und Leia zum Supermarkt bringen, wir brauchten Weißbrot. Ich hätte gern auch mehr gekauft, aber angesichts des platten Reifens und der Unsicherheit, ob die Tankstelle weiterhelfen würde, hatte ich die Pfandflaschen daheim stehen lassen; die mitgenommene Barschaft von 94 Cent bot also nicht viel Spielraum.
So sorglos ich mit neuen Schuhen aus dem Haus gegangen war, so schmerzhaft wurden diese aber auf halbem Wege, ich quälte mich zum Supermarkt und zurück, verluchte meinen Entschluß, nur das Kleingeld und nicht das ganze Portemonnaie mitgenommen zu haben, in dem sich immer fersenpassend zugeschnittene Pflaster befinden und hatte meinen Wortohrwurm des Tages Leias Märchen-Platte zu verdanken:
Rucke-di-gu, Blut ist im Schuh.
Fazit dieses Tages: Pech gehabt, dumm angestellt, doof gefühlt, angepöbelt worden, Blasen geholt, Locken bekommen (Klimax des Ungemachs! jetzt kommt der versöhnliche Part) und gleichzeitig trotzdem wieder gemerkt, daß von unerwarteter Seite doch Hilfe kommt, wenn sonst schon alles schiefgeht.
Aus gegebenem Anlaß schreibe ich es noch einmal deutlich:
So sehr ich mich freue, wenn Menschen, Leser dieses Blogs, wohlmeinende Freunde und Bekannte, meinen richtigen Namen kennen (der ja auch nicht schwer herauszubekommen ist) und im echten Leben selbstverständlich auch als Anrede benutzen (alles andere wäre mir eher befremdlich), so sehr bitte ich doch darum, diesen auf der Ebene dieses Blogs nicht zu verwenden.
+++ Ende der Durchsage +++
Das

wird etwas ganz Großes!

Der Karpate baut mir ein Bücherregal. 8 Böden x 4+1 Meter.

Von den Einkaufstüten haben wir hier seit dem Umzug im Oktober noch 41 Stück herumzustehen, jeweils randvoll mit Büchern. Ich kann es kaum erwarten, sie endlich wieder auszupacken.
Wenn frau schwanger ist, gucken die Leute oft zweimal hin. Wenn es Männer sind, dann auch gern dreimal. Oder viermal, so auf Brusthöhe.
Da ich seit gefühlt drei Jahren schwanger bin, immerhin wird es das zweite (und wenn es nach mir geht, letzte, danke, Familienplanung, war nett mit dir, jetzt ist es aber auch gut!) Kind in zwei Jahren, ist mir inzwischen so einiges egal.
Jahrelang habe ich die Herznarbe, die mir beinah bis zur Halskuhle geht, im Sommer bei ausgeschnittenen Sachen hinter neutralen, meist weißen Unterhemden zu verbergen versucht, weil doch viele Menschen sehr irritiert auf sie reagierten, aber da ich nun mit meinem Melonenbauch sowieso angestiert werde, ist es mir jetzt einfach egal. Das wird sich wieder ändern, denn insgesamt sehe ich sie nicht als ein sonderlich hübsches Stellchen an meinem Körper an und man muß ja nicht alles vorkehren, was da ist. Einen dicken Hintern muß man meiner Meinung nach ebensowenig noch betonen wie Winkearme, aber hier und jetzt und angesichts meiner knapper werdenden Kleiderauswahl und der Temperaturen — nicht derer draußen, aber in mir lodert so ein Feuer (klingt besser als Hitzewallungen, oder?) — ist es mir egal.
Manchmal fühle ich mich, als hätte ich gekifft. Ist mir aber auch egal.
Ich habe sie alle gesehen:
Die Sonne sah ich tagsüber, von früh bis spät, wenn ich mich um das Kind kümmerte.
Die Sterne sah ich, wann immer die Wolken es zuließen.
Den Mond sah ich vom Schreibtisch aus, von seinem Aufgehen bis zu seinem Untergehen, wenn sich Taube und Elster auf dem Dach gegenüber Guten Morgen sagten.
Geschlafen habe ich einmal vier Tage lang gar nicht, ich war nur solange im Bett, bis das Kind in seinen Vormittags- und Nachmittagsschlaf gefunden hatte, und sobald dies geschehen war, setzte ich mich zurück an den Schreibtisch, mit vor Eile bebenden Händen und bemüht, möglichst leis zu tippern. Dazwischen immer wieder der Blick neben mich, auf das Bett, auf mein perfektes Kind, auf seine süße Schlafschnute, auf seinen schmalen Rücken, auf dieses fäustchenballende Wunder, auf … Weiterarbeiten!
Zwischendurch habe ich immer wieder gemerkt, daß ich so Aussetzer gehabt haben mußte, wie ein Fernfahrer, der nach hunderten von Kilometern Fahrt ahnt, daß er schlief zwischendurch, aber nun ist er angelangt, heile, was machen da die paar Schrammen, deren Entstehung er nicht bewußt erlebte. Ich habe viel geschafft, aber leider auch viele Fehler gemacht dabei, immerhin, nun gibt es eine Grundlage, die auszubessern immer noch schneller ist als andere für alles zusammen gebraucht hätten — ich kann’s noch, yeah!
Ich hätte viel zu schreiben gehabt in den letzten Wochen, allein, es hätte zuviel Zeit gekostet und ich mußte mich zusammenreißen, denn je größer das Böhnchen im Bauch wird, umso schneller muß ich werden, bald kann ich nicht mehr so lange sitzen, ohne daß die Bauchkrämpfe unerträglich werden und die Beine noch schwerer, bis dahin muß ich fertig sein.
Eine Freundin fragte gestern: “Wie weit bist du denn?” — “7.” — “Woche?” — “Monat.”
Und ich habe doch noch soviel zu tun vorher …
Leia verteilt jetzt Küßchen.
(Aber nur an mich. Ätsch!)
Weil hier gerade aus verschiedenen Gründen nicht sehr viel los ist, schicke ich franko-/anglo-/italophone Interessierte einfach zu Saharauis en exile. Worum geht es dort?
Le 29 Décembre je suis arrivé a l’aéroport de Tindouf, j’ai resté 5 semaines dans les campements de réfugies du Sahara Occidental en Algérie. Une semaine dans chaque campement invité par l’Union de Femmes Saharauis, dans ce carnet j’essaye de faire le portrait la femme et son rôle dans le bon fonctionnement des camps.
Es ist dies eines mehrerer Blogs der auch als Zeichnerin sehr fleißigen Isabel Fiadeiro, auf die ich über diesen Eintrag bei Urban Sketchers gestoßen bin.
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