Meine re:publica [Update]

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(Foto von Shadowblog, CC-by-nc)

So zufrieden wie ich hier aussehe, war ich auch. (Eine wortreichere Beschreibung folgt trotzdem noch.)

Update (9. April): Viel habe ich bis jetzt gelesen über die diesjährige re:publica. Texte, die sich dagegen wandten, während sie noch lief, von Menschen, die im Nachhinein meckerten oder lobten, kritisierten oder sich vornahmen, selbst einmal hinzufahren.

Viele der kritischen Texte verstehe ich einfach nicht, ganz ehrlich. Da wird dann von PR-Veranstaltung gesprochen, Eierschaukeln, geschlossener Veranstaltung einiger weniger Dinosaurier, Relevanz, oh weh!

Für mich als kleine Bloggerin ist die re:publica nichts wirklich anderes als, sagen wir, ein Festival. Ein Konzert. Da gibt es dann auch mal häßliches Merchandise zu kaufen und wenn ich Pech habe, hat der Tonmann einen schlechten Tag. Aber das Bloggen, Texte schreiben, die für mich der Musik entsprechen, das geht doch nicht kaputt, nur weil eine Kleinigkeit nicht stimmt. Und selbst wenn ich nicht jeden Song der Band, gar erst der Vorband, die mit im Paket war, gleich großartig finde, manche sogar immer überspringe, bin ich doch einfach da, tanze, rede, lache, treffe Menschen, die ich kenne oder nur halb kenne oder gar nicht kenne, aber kennenlernen kann, wenn ich möchte.

Der Vorwurf der geschlossenen Bloggerzirkel ist dabei einer der dämlichsten. Als ob ich oder einer meiner Freunde 2007, 2008, jetzt, große Nummern wären. Wir machen einfach unser Ding, freuen uns, wenn es anderen gefällt, machen mal mehr und mal weniger, aber wir machen etwas. Immer noch. Und wir waren da, auf der re:publica, haben ihr eine Chance gegeben, haben uns teilweise dort erst kennengelernt, nachdem wir im Internet übereinander gestolpert waren. Herumzunölen, die re:publica wäre eine geschlossene Veranstaltung der immer gleichen Leute bedeutet auf der Ebene der kleineren Blogger nichts anderes als sich über eine Party aufzuregen, auf der nun einmal zuerst Freunde anwesend sind, die aber jeden willkommen heißen, der hinzukommt. Daß derjenige nicht gleich auf den Wohnzimmerteppich kotzen sollte, versteht sich dabei von selbst. Über das Buffet zu lästern wäre okay, aber dann sollte man doch auch bitte selbst gekostet haben und nicht nur aus den Erzählungen anderer Lebensmittelskandäle herbeikonstruieren.

Um noch einmal auf meine Vergleiche zurückzukommen: re:publica heißt für mich, all die Menschen, von denen ich nur Geschriebenes, Gravatarbildchen und Blogdesign erlebe, im echten Leben kennenlernen zu können, mit ihnen zu reden, zu lachen, sie zukünftig besser zu verstehen wenn sie schreiben, weil ich nun ihre Stimme kennen und mir vorstellen kann, wie sie ernst schauen oder ihrem Text hinterherzwinkern. Wenn es eine Veranstaltung ganz ohne Programm schaffen würde, solche, diese Menschen zusammenzubringen, ich wäre dabei und bereits zufrieden. Das wäre dann vielleicht so wie eine Recordreleaseparty. Alle mögen die gleiche Musik und finden sich zusammen, selbst wenn sie nur vom Band kommt. Ein Live-Auftritt ist natürlich besser.

Der zweite Punkt, den ich nicht verstehe, ist also der Vorwurf, die Veranstaltungen, das Programm insgesamt, wären irrelevant. “Wer will denn noch XY zu dem Thema hören!” Lustigerweise habe ich dabei in 6 von 8 Fällen Vorträge angesprochen gesehen, die ich selbst besucht habe, eben weil gerade diese Themen bisher eher an mir vorbeigegangen waren. Bin ich jetzt etwa doof?

Da kommt dann oft dieser Ton ins Spiel, unsäglich arrogant, davon ausgehend, daß man über bestimmte Dinge nicht mehr sprechen dürfte, nur weil der jeweils Kritisierende sie für sich bereits abgehakt hat. Versucht man, dagegen zu argumentieren, steht man als Fanboy da, als Insider aus der Clique, der der sachlichen Urteilsbildung gar nicht fähig ist. Daraus ergeben sich Argumentationsschleifen, die frustrierend sind, wenig konstruktiv und irgendwie, für ein Gemüt wie mich, einschüchternd. Bei Freunden habe ich Kommentare gelesen, die sich immer wieder im Kreis drehen. Für soetwas bin ich zu müde, ich schließe die Augen und streite nicht mit, denn fremder Leute künstliche Aufregung soll nicht die Freude auffressen, die ich gesammelt habe in diesen drei Tagen, die Erinnerung an die Gespräche, den lieben Besuch, die neue Motivation wieder mehr zu schreiben.

Wer wirklich da war, wahrscheinlich jeder, hat mindestens eine Kleinigkeit auszusetzen. Für mich zum Beispiel ergab sich das re:publica-Gefühl erst so richtig am Donnerstag. Der Veranstaltungsort am Mittwoch, der Friedrichstadtpalast, war mir persönlich zu groß, zu chichi, auch zu chic. Ich habe wenig Geld übrig im Moment, mit selbstgeschmierten Butterbroten und nachgefüllten Trinkflasche in solch einer Umgebung fühle ich mich etwas deplaziert. Da wirkt die Kalkscheune, obwohl auch alles andere als alternativverranzt, doch wesentlich gemütlicher, weniger einschüchternd. Auch das Gedränge in der Lounge, die Enge auf dem Hof, in dem man manchmal zwangsweise neben bekannten Gesichtern steckenbleibt, tragen sehr viel zur Kommunikation bei. Daß man aber, wirtschaftlich gesehen, eine solche Veranstaltung nicht mit Leuten wie mir stemmen kann, die gerade so den Eintritt zusammenkratzen können und pro Tag 3 Euro für Essen ausgeben, ist doch nur verständlich. Daß man sich also öffnen muß, auch.

Wirklich etwas vom Programm mitbekommen habe ich erst am Freitag. Da sprach Esra’a Al Shafei von Mideast Youth, einer Blogplattform, die Jugendlichen im Nahen und Mittleren Osten helfen soll, miteinander kommunizieren zu können. Hätte ich auch nur diesen einen Vortrag sehen können, die re:publica wäre inhaltlich ihr Geld wert gewesen. Damit will ich nicht sagen, daß die restlichen Veranstaltungen so unwichtig oder schlecht gewesen wären, sondern daß bereits hinter diesem einen Vortrag wohl soviel Arbeit, organisatorische Mühe und auch Geld vonseiten der Veranstalter steckte, die Rednerin, die mit außerordentlichem persönlichem Engagement und Risiko agiert, einfliegen zu lassen. Da steht dann ein schmächtiges Mädchen und berichtet von Verfolgung verschiedener Volksgruppen bzw. Religionsgemeinschaften (zum Beispiel der Bahai, Wikipedia-Artikel) und der Einkerkerung ihres Freundes Kareem, wie relevant und politisch soll es denn, bitteschön, noch werden? Spätestens bei ihrem bitterbösen Scherz, daß auf das bloße Kommunizieren mit Israelis in vielen arabischen Ländern die Todesstrafe stünde, in ihrer Heimat Bahrain aber “nur Folter und Gefängnis”, zeigte, was man über das Internet erreichen kann: Daß die Menschen eben doch zusammenkommen, selbst wenn sie räumlich getrennt sind und es politisch auch bleiben sollen. Dahinter verblaßten leider die nachfolgenden Panels in meiner Wahrnehmung etwas, denn nach ihren Ausführungen über Menschenrechte und der Angst um die nackte Existenz erschienen Fragen zum Urheberrecht doch etwas minder bedeutsam.

Die angesprochenen Dinosaurier erschienen auch auf der Bühne, aber wer zwingt mich denn, mir solche Veranstaltungen anzusehen und nicht stattdessen in der Sonne zu sitzen und ganz unnerdig Bekanntschaften zu schließen? Wer zwingt überhaupt jemanden, sich so künstlich über etwas aufzuregen, dem er entweder nicht beiwohnen konnte oder wollte, weil es seine Sache nicht ist?

Ach, und dann wären da noch die Themen Babykotze (aka Frauenblogs), Twitter(lesung), WLAN-Ausfall, Grüppchenbildung, undsoweiterundsofort. Ich kann’s nicht mehr hören …

[2. Update: Björn Grau beschreibt das Gleiche, nur anders und, ähm, besser.]

April 6, 2009 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. :)

    Kommentar von robert am 06. April 2009 um 14:10 | Link

  2. Ich bin ja erst vor (relativ) kurzem auf deinen sehr lesenswerten Blog gestoßen und kannte von daher immer nur deinen halben Kopf ;), was einen natürlichen Menschen natürlich auf Dauer neugierig macht. Deshalb danke für dieses tolle Bild-Post.

    Kommentar von Torsten am 06. April 2009 um 18:24 | Link

  3. Mann! Ganz wunderbar!

    Kommentar von jette am 06. April 2009 um 18:32 | Link

  4. Zauberhaft.
    Mindestens.

    Kommentar von bastian am 06. April 2009 um 19:15 | Link

  5. Hups, das war jetzt gar nicht so fishing-for-compliments-mäßig gedacht. ;-)
    (Aber wenn ich mich wegen der 7 neuen Schwangerschaftskilos zu proper gefühlt hätte, hätte ich’s auch nicht hergezeigt, stimmt schon, hehe.)

    Kommentar von Julie Paradise am 06. April 2009 um 21:30 | Link

  6. Ein führwahr großartiges Foto. Hat sowas Nicolette Krebitzmäßiges, wenn ich das mal sagen darf und Nicolette Krebitz ist dolle toll.

    Kommentar von Mischa am 07. April 2009 um 13:23 | Link

  7. schööön :)

    Kommentar von Katrin am 08. April 2009 um 00:10 | Link

  8. kann bastian nur zustimmen.:-))
    Von den Schwangersachaftskilos ist nicht zu sehen, aber von der Zufriedenheit.
    Liebe Grüsse
    sternenschein

    Kommentar von sternenschein am 08. April 2009 um 21:48 | Link

  9. (Anmerkung: Ab hier beziehen sich eventuelle Kommentare vermutlich eher auf den Update-Text als auf das Foto.)

    Kommentar von Julie Paradise am 09. April 2009 um 00:52 | Link

  10. (Anmerkung: stimmt, aber das Bild bleibt trotzdem toll!)
    Wie wir beide räumlich getrennt zeitlich vereint, zum gleichen Thema ins Internet schreiben. Auch das hat was mit der Qualität der re:publica zu tun.
    Und wie ich prinzipiell schon bei mir schrieb: Es gibt Zusammenhänge zwischen Cory Doctorow und Esra.

    Kommentar von Björn Grau am 09. April 2009 um 01:09 | Link

  11. Anders, nicht besser.
    (Jetzt aber mal schlafen!)

    Kommentar von Björn Grau am 09. April 2009 um 01:10 | Link

  12. Liebe Julie,
    ich hatte noch nicht viel über die re:publica gelesen.
    Durch deine Schilderung konnte ich einen Einblick gewinnen, wie du sie gesehen und erlebt hast.
    Der erste Teil, in dem du schilderst, wie es dich einschüchtert, wenn diese Vorurteile geäussert werden, erinnerte mich ein wenig an Foren, in denen häufig, auch unsachlich, gestritten wird. In denen das, was andere oder auch neue sagen, heruntergemacht wird.
    Aus diesem Grunde bin ich froh das es Blogs gibt, in denen jeder nach seiner Facon schreiben kann.
    Fanz egal wie relevant es ist, oder wie politisch oder von Babykotze handelt, es ist seins und nur seins.

    Es wäre schön, wenn dein Traum von den Kontakten über alle Grenzen hinweg, unabhängig von den Religionen oder der Staatszugehörigkeit, den du träumtest, bei dem Vortrag dieses schmächzigen arabischen Mädchens, wahr werden würde und nicht durch Zensur oder schlimmere Verfolgung zunichte gemacht werden wùrde.
    Denn im Grunde sind dieses ja wirklich die einzigartigen Möglichkeiten des Netzes und des bloggens, sich über all diese Grenzen näher zu kommen und den anderen, zumindest zum Teil, doch auch zu verstehen.

    Ist es nicht auch polititisch, wenn du über die selbstgeschmierten Brote sprichst, über deine Schwangerschaft, das Verhalten anderer Mütter, und meine Denkart zu den Themen werden erweitert und eine andere.
    Andere Sicht und Blickwinkel mitnehmen, auch das kann doch politisch sein.

    Liebe Grüsse
    sternenschein

    Kommentar von sternenschein am 09. April 2009 um 01:47 | Link

  13. Du hast so Recht. Mit allem. Danke.

    Kommentar von Lars am 09. April 2009 um 15:14 | Link

  14. Siehe Lars. Aber so ist das halt mit den Nörglern, kennt man ja vom Sandkasten.

    Kommentar von jo am 13. April 2009 um 22:24 | Link

Rock my Boat!