Killerspiele retten den Familienfrieden

Der eine oder andere Unkundige hat das Online-Rollenspiel World of Warcraft (WoW) nach dem Amoklauf von Winnenden im März als Killerspiel bezeichnet, offenbar in völligem Mißverständnis der Vorteile, die ganze Familien aus einem zockenden Familenvater — oder einer Mutter — ziehen können.

Seit der Geburt des Babys am 6. Juni letzten Jahres hatte ich bis Mitte Januar kein einziges Mal ausgeschlafen. Sicher, mit der stetigen Verschiebung und Verlängerung der Schlafzeiten der Kleinen auf schließlich bis zu zwölf Stunden, im Schnitt von 20.00-7.30 Uhr, bin auch ich zu meiner wohlverdienten Ruhe gekommen, aber so richtig ausschlafen, einfach mal im Bett liegen bleiben, das konnte ich nicht. Der Schlaf des Karpaten ist zu tief, als daß ich ihn hätte wecken können ohne selbst so wach zu werden, daß an Weiterschlafen noch zu denken gewesen wäre.

Im Januar aber entdeckte der Karpate die Welt der Kriegskunst für sich. Und seitdem habe ich vergammelte Sonntagvormittage genießen können, manchmal sogar in der Woche unvorhergesehene freie Morgen und abends, wenn ich noch wach bin und er schon am Rechner sitzt, lache ich mich kringelig über die seltsamen Dinge, die in dieser Welt geschehen. Die “Krieger” sammeln skurrile Gegenstände ein, spendieren Zwergen Bier, bis diese betrunken genug sind um Tipps zum Weiterkommen zu geben, tagelang sitzt der Karpatenkrieger an einem Ufer und angelt oder schüttelt Obstbäume um sich Essen zu beschaffen. Also, wenn das nicht superbrutal klingt, dann weiß ich auch nicht … Angeln, hey, Fische töten, ganz logisch, daß Jugendliche da durchdrehen und … lassen wir das.

Natürlich entwickelt das Spiel einen gewissen Sog der vielleicht auch zur Sucht werden kann, aber die Spieler sind doch erwachsene Menschen. Und wieviele, die sich am Stammtisch über solche “Killerspiele” aufregen, schlafen jeden Abend mit ihrem dritten Bier vor der Glotze ein, weil sie den Absprung ebenfalls nicht bekommen, rechtzeitig abzuschalten. Suchtfaktor, jaja.

Jedenfalls verabredet der Karpate sich nun beinah jedes Wochenende mit seinen Freunden zum Spielen. Zwei davon haben ebenfalls kleine Kinder und die gestreßten Mütter genießen nun auch die neugewonnene Zeit, die sie am Samstagabend zum Ausgehen haben, denn Papa paßt nun auf die Kleinen auf, und weil er die Nacht durchmacht und sich zumindest bis für das Frühstück noch um die Kleinen kümmern kann, können die anderen beiden Mütter neben mir nun auch regelmäßig am Sonntagmorgen ausschlafen. Und die Männer kommen dadurch im Spiel auch sehr viel weiter als sie es durch andere Spielzeiten könnten. Auf dem Server, auf dem sie sind, ist ab der späten Nacht nicht mehr viel los, so daß die (Boden-)Schätze, die sie sammeln müssen, nicht so belagert sind und deshalb schneller mehr erreicht wird.

Eine Situation also, in der alle nur gewinnen. Killerspiel, soso.

Zum Abschluß noch zwei Bilder des martialischen Karpatenkriegers mit Angel und Fisch:

angelncsm

fischcsm

April 5, 2009 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. auf welchem server spielt denn der herr karparte?

    Kommentar von sebiprotagonist am 05. April 2009 um 17:25 | Link

  2. die suchtgefahr wird definitv unterschätzt. und menschen, die sonst kein nahes soziales umfeld haben, haben bald gar keines mehr… der einzige mensch, den mein mitbewohner zu sehen bekommt, bin ich. freunde? neee… studienkollegen? no… und warum? “keine zeit, muss wow spielen hab ne quest, etc.”

    Kommentar von Chrisi am 05. April 2009 um 20:07 | Link

  3. @sebi: Blackhand (?)

    @Chrisi: Hmnja, aber die Suchtgefahr gibt es auch beim Feierabendbierchen, beim Pornogucken, beim Essen, bei so vielen Dingen, für jeden der dafür anfällig ist. Dann sind aber auch die äußeren Faktoren und das mangelnde soziale Umfeld schuld an der Vereinsamung und nicht das Spiel an sich.

    Wenn man das so handhabt, wie zum Beispiel unter dem Link zu Frau Ami beschrieben, dann vereinsamt man dabei auch nicht. Der Karpate hat durch den Einsatz von Teamspeak, einem VoIP-Programm, sogar viele Leute erst kennengenlernt.

    Kommentar von Julie Paradise am 05. April 2009 um 21:56 | Link

  4. Und wie sieht es mit der Bewegung aus, Sport und so? Am Ende wird der Karpate fett und Du willst ihn nicht mehr. :-O

    Kommentar von switchpack am 05. April 2009 um 22:20 | Link

  5. So oft, wie er auf der Arbeit nicht zum Essen kommt, wird das schwerlich passieren. ;-)

    Kommentar von Julie Paradise am 05. April 2009 um 22:33 | Link

  6. @Julie: Das kann gut sein, doch ist das kein Vergleich zu einem Real-Life… Die Leute, die mein Mitbewohner dort kennt, die wären nicht für ihn da, wenn er sie brauchen würde - im Real Life. Das meine ich ja: Wenn man schon jemanden hat, bekommt man die richtige Relation dazu, aber wenn man, in einer Zeit, in der man ein soziales Netzwerk aufbaut, nur WoW spielt, dann ist da niemand. (Ich rede hier von der Studienanfangszeit, er hat sich damit selber definitiv ins Aus geschossen)

    Kommentar von Chrisi am 05. April 2009 um 23:39 | Link

  7. Aber, nochmal, daran ist nicht _das Spiel_ als solches schuld, sondern seine gesamte Situation.

    Kommentar von Julie Paradise am 05. April 2009 um 23:47 | Link

  8. Beziehungsweise, hätte er als glühender Zocker, den ALLES rund um diese Welt interessiert, Spielpartner auf einem Gildentreffen kennengelernt (wie bei Frau Ami beschrieben), dann hätte sich wieder ein Rückweg ins Real Life ergeben (können).

    Kommentar von Julie Paradise am 05. April 2009 um 23:49 | Link

  9. vor 16 Jahren durfte ich auch immer auf den Computer meiner großen Schwester aufpassen und nebenbei mit ihrem schlafenden Baby spielen.
    Oder so ähnlich. Man idealisiert ja die Vergangenheit.

    Kommentar von jens am 06. April 2009 um 02:16 | Link

  10. Ich spiele seit Erscheinen von WoW eben dieses Spiel, also nun knapp 4 Jahre. Auch in einer Phase, wo ich ein soziales Netzwerk aufbauen musste (Studienende, neuer Job in neuer Stadt, weit weg von “zuhause”). Und ich denke, dass es ganz stark vom Individuum abhängig ist, wie man das auf dei Reihe kriegt. Heute habe ich einen feinen Freundes- und Bekanntenkreis in der nun nicht mehr ganz so neuen Stadt, ich spiele weiter WoW und habe auch darüber nette Leute kennengelernt über TeamSpeak und Gildentreffen (auf dem ich feststellen durfte, dass 6 unserer Gilden-Zocker ganz in in der Nähe wohnen. Seitdem gibts auch ab und an RealLife-Treffen).
    Und ob ich nun abends WoW spiele oder mir sinnfreie Sendungen im TV anschaue… da ist mir WoW mit einem gewissen Socializing-Faktor irgendwie lieber.

    Kommentar von Melanie am 06. April 2009 um 10:46 | Link

  11. Apropos Real Life: meld Dich ma wieder! Ich komm och rübajeschippert.

    Kommentar von Goetterspeise am 06. April 2009 um 22:32 | Link

  12. WoW ist aber nicht gerade der Inbegriff eines Killerspiels ;)

    Kommentar von Hofnarr Florian am 07. April 2009 um 00:25 | Link

  13. Na der Karpate sieht aber wirklcih wie einer dieser bösen Massenmörder aus. Aber auch das Fischsterben sollte nicht unterschärtz werden.

    Schön auch, das WOW das Familienglück zusammenhalten kann.
    Und zum Glück, ist dass hier dann auch hinfällig:
    spiegel.de/wissenschaft/m...

    Kommentar von Justus am 09. April 2009 um 18:44 | Link

  14. Wunderbar entspannter und erfrischender Blick auf ein Thema von dem so viele behaupten, es sei schon alles gesagt.

    Bin gerade erst auf Dein Blog gestoßen, gefällt mir sehr. Abonniert!

    Kommentar von Not quite like Beethoven am 12. April 2009 um 23:02 | Link

  15. Oh, dankesehr!

    Kommentar von Julie Paradise am 13. April 2009 um 09:48 | Link

  16. eben erst gesehen!! wat freu ich mich für euch - ein bisschen weltfrieden auch bei euch daheim:)

    (auf welchem server zockt der mann, dass da nachts wenig los ist?? ich wechsle sofort:)

    Kommentar von ami am 17. April 2009 um 15:36 | Link

  17. @ami: Blackhand (?) — jedenfalls scheint sich das “Farmen” dort des nächtens sehr zu lohnen. ;-)

    Kommentar von Julie Paradise am 17. April 2009 um 16:54 | Link

Rock my Boat!