zu behaupten, daß mit Baby alle Tage wunderschön sind. Manche Tage sind einfach nur beschissen anstrengend und ich bin heilfroh, daß jede Zeit irgendwie vergeht.
Klar, man hat so seine Vorstellungen, was getan werden muß mit Baby, Ideale und Dinge, die man tatsächlich jeden Tag schafft.
Ziel ist es, möglichst immer knuddelduddelfröhlich zu sein mit der Kleinen, schnell durch die unangenehmen Verrichtungen durchzukommen, die aber notwendig sind, wie das morgendliche Anziehen, das sie gar nicht mag. Es gibt dabei immer Gebrüll, egal wie gewandt ich inzwischen die natürlich schon vorgewärmten Sächelchen über ihren zarten Körper streife, behutsam aber zügig.
Oft sind dies die einzigen Unmutsäußerungen, die unser kleiner Schatz den ganzen Tag über vernehmen läßt und ich bin mir sehr wohl im klaren darüber, wie glücklich ich mit diesem Ausbund an Frohsinn, Charme, Interesse, Geduld (oder mindestens Gleichmut) sein kann.
Manchmal aber gibt es Tage, da ist mein Sonnenscheinchen so dermaßen klettiganhänglich, daß man wirklich und ohne Übertreibung keine ruhige Minute hat. So Tage wie heute eben. Egal, wie fröhlich sie eben noch in meinem Arm hing, jetzt, wo ich nun einmal zwei freie Hände brauche um ihr Breichen fertigzumachen, bricht sie beim ersten Versuch, sie nur für Sekunden auf den Boden zu legen in markerschütterndes Geschrei aus. Im ersten Moment denkt man dann immer: Gleich platzt was, so wie ihr Kopf tomatenrot anschwillt und ihre Atmung aussetzt, um wenig später (die Intervalle kennt wohl jede Mutter, in denen die Stille bereits bedrohlich laut wird, weil man weiß, wie es weitergeht) erst so richtig mit dem Schreikrampf loszulegen. Und dies nicht nur einmal, zweimal, dreimal, sondern über Stunden immer wieder dann, wenn man naiverweise dachte, nun wäre es doch endlich mal gut.
Das sind die Tage, an denen ich zwischendurch fürchte, durchzudrehen. Bis gegen 14, 15 Uhr ist noch alles in Ordnung, so großen Hunger habe ich gar nicht und auf die Toilette zu gehen wird überbewertet. Zum Spazierengehen braucht man ja nicht immer einen Kinderwagen, denn wenn die Kleine sich sowieso nicht beruhigt, während sie darin liegt, dann kann man sich das Gefährt auch sparen. Hauptsache, wir waren an der frischen Luft. Selbstredend nicht zurechtgemacht, denn inzwischen bin ich so gleichgültig geworden, daß mir egal ist, wer mich so sieht, mit Hosen, die eigentlich nur für zuhause okay sind und Haaren, die ihre besten Zeiten vorgestern hatten.
Spätestens beim Aufstieg in den fünften Stock merke ich dann, daß es langsam anstrengend wird und die Bauchkrämpfe einsetzen, von Magen und Kreislauf, die langsam unzufrieden werden ganz abgesehen.
Das sind dann die Phasen, in denen ich beginne mich reichlich wehleidig zu fühlen, andere schaffen das ja schließlich auch und die kochen sogar das Essen für ihre Babys selber, wo ich es doch bis jetzt, halb vier, nicht einmal geschafft habe, mir auch nur eine Stulle zu schmieren. Klar, die Kleine geht vor und bekommt jetzt ihre vierte von sechs Mahlzeiten. Zum Glück kann man ihre Milch auch mit einer Hand zusammenschütteln, irgendwie. Nachdem diese getrunken ist, kann ich ja vielleicht mal kurz — kann ich nicht.
Gellendes Babygeschrei verträgt sich auf Dauer nicht mit Hunger und Müdigkeit und so spüre ich Hilflosigkeit und Wut in mir aufsteigen und bei aller Vernunft und Coolness und dem Wissen, daß doch gleich alles wieder gut ist, weiß ich auch: JETZT ist NICHT alles GUT. Dann fühle ich mich allein und schäme mich, weil ich so aggressiv bin und es nicht schaffe, dieses doch eigentlich so wunderbare Kind zu beruhigen, das schreit und schreit und schreit, denn ich habe doch gewagt, mir wenigstens ein bißchen Obst zurechtzuschnippeln und einen Tee aufzubrühen, den ich aber nicht werde warm trinken können, denn sie würde ja doch immer dazwischenfassen, zu gefährlich.
Immerhin ist mir bewußt, daß ich das aushalte, sowas nennt sich dann wohl Verantwortung und Erwachsensein, nicht durchzudrehen und wegzurennen, sondern tief ein- und auszuatmen, das Brüllpaket wieder liebevoll auf den Arm zu nehmen und weiterzumachen. Das Obstschnippeln hat sich insofern sogar gelohnt, als daß wir es nun zusammen essen können, sie auf meinem Schoß. Wir sitzen am Schreibtisch vor dem Computer und ich kann etwas Frust ablassen, indem ich dies hier tippe — weil mir gerade scheißegal ist, daß kleine Matschehände hingebungsvoll Banane und Birne in den Kartenleseslot, die Kopfhörerbuchsen und meine Hose massieren. Hauptsache Ruhe.
Hey Julie, ich kenne eine Frau, meine Frau, der geht es momentan genau so. Nur leider kann ich ihr nicht helfen, obwohl es nichts gibt, was lieber täte. Dazwischen liegen in der Woche leider 470 km.
Kommentar von Marco am 24. Februar 2009 um 21:05 | Link
Mir hat das Lesen grad geholfen, hoffe das Schreiben hat bei Dir funktioniert. Morgen gibt es hoffentlich wieder Sonne, oder eben das Mantra ” Das ist alles nur eine Phase …” - danke. :-).
Kommentar von FRANZI am 24. Februar 2009 um 21:05 | Link
Oh ja. Genau so ist es. Hätte ich das vor einem Jahr gelesen, es wäre mir wahrscheinlich gleich besser gegangen.
Ich wünsche Dir morgen einen viel besseren Tag.
Kommentar von Silberpfeil am 24. Februar 2009 um 22:00 | Link
Wenigstens bin ich nicht allein. Und vielen Dank euch! (Hier funktioniert immerhin das Motto “Neuer Tag, neues Glück”.)
Kommentar von Julie Paradise am 25. Februar 2009 um 00:24 | Link
Vielleicht als Trost: Und irgendwann ist es plötzlich vorbei. Plötzlich schlafen sie durch nachts, plötzlich sprechen sie statt zu schreien, plötzlich spielen sie allein im Zimmer. Und plötzlich hat man ganz andere Probleme mit ihnen und die Zeit davor geht jeden Tag weiter weg in die Vergangenheit und man meint, man habe alles nur geträumt. Und bei manchen verklärt sich sogar der Traum und nur noch das schöne bleibt, das Innige, das Nahe, das Versorgende … und manche sind dann soweit für Kind Nummer 2.
Wäre es anders, wäre die Menschheit längst ausgestorben. :-)
Kommentar von Alexander am 25. Februar 2009 um 11:15 | Link
So hatte ich mir das auch immer vorgestellt. Allerdings, wie schon erwähnt, es ist ja nicht immer und überhaupt und ach.
Kommentar von Don Alphonso am 25. Februar 2009 um 18:45 | Link
Wenn es nur schlimm wäre und stressig, wären wir ja nicht schon wieder weiter in der Familienplanung. ;-)
Kommentar von Julie Paradise am 25. Februar 2009 um 22:27 | Link
Oh? Kein verzogenes Einzelkind? Da geht der Welt dann aber eine sehr eigensinnige Prinzessin verloren.
Kommentar von Don Alphonso am 26. Februar 2009 um 14:30 | Link
Gibt es keine Chance, Dich durch persönliche Begegnung in den charmanten Bann der Kleinen zu ziehen?
Kommentar von Julie Paradise am 26. Februar 2009 um 21:32 | Link
ist das kind dein leben oder teil deines lebens? wie schafft man es, nicht nur für das kind zu funktionieren?
Kommentar von meistermochi am 26. Februar 2009 um 23:58 | Link
In gewisser Weise ist es das natürlich, in anderer, wichtigerer vielleicht, ist es das nicht. Niemandem ist mit jemand anderes Selbstaufgabe gedient, egal ob es um elterliche oder andere Beziehungen geht.
Im Moment komme ich (meist) ganz gut damit klar, mich gewissermaßen zeitlich und auch körperlich voll auf das Baby einzulassen. Das kann und soll aber nur für eine relativ kurze Zeit funktionieren. Solange, wie es eben muß. (Und die Definition genau dessen muß wohl jede Mutter für sich selbst finden.) Wie ich letztens über das Stillen geschrieben habe, ist dies durchaus schwierig, für mich schwierig, mich auch unangenehmen Dingen so auszuliefern, aber solange ich einen Sinn darin sehe, kann ich damit umgehen.
Vielleicht ist auch dies Teil des verantwortlichen Handelns und Erwachsenseins, zu sehen, was man kann und was nicht, was man will und was geboten ist.
Deine Frage kommt so simpel daher, aber genau das beschäftigt mich, seit das Baby auf der Welt ist. Ständig.
Etwas, was ich unter anderem gelernt habe währenddessen, ist mich zunehmend gegen übergriffige, bevormundende Menschen abzuschotten, zu verteidigen vermag ich mich noch nicht immer, aber es ist eben mein Kind, das (noch) darauf angewiesen ist, daß ich mich schützend vor es stelle.
Etwas anderes ist, daß ich mir helfen lasse und auch Hilfe einfordere, wenn ich sie brauche. Das konnte ich vorher nicht.
Ein Drittes wäre, daß ich mich eben auch ausklinken kann, abends regelmäßig (2x in der Woche) weggehen, weil ich mir keine Sorgen um die Kleine machen muß, die (wieviele Eltern würden töten für diese Aussage) heute übrigens das erste Mal seit August? September? nur von 20 Uhr bis 6 Uhr durchgeschlafen hat — sonst schläft sie bis gegen 7.30 / 8 Uhr.
Und ich finde es auch nicht schlimm zuzugeben, daß ich schwanger sein durchaus nicht erhebend fand und auch gern darauf hätte verzichten können. Aber solange unsereinem nicht wie Brangelina in jedem Drittweltland ein Säugling hinterhergeschenkt wird, muß ich meine Kinder wohl selbst austragen.
Da ist noch soviel … danke für Deine Frage.
Kommentar von Julie Paradise am 27. Februar 2009 um 00:35 | Link
ich habe mütter in meinem umfeld beobachtet und finde das thema hochinteressant. übrigens würde dir meine freundin beim thema schwangerschaft sehr zustimmen. ich habe da leider eine romantisierte vorstellung. aber ich bin eben auch nicht “in gefahr”.
danke für die antwort! und auch wenn ich oft kurz ab bin: es sind nur die fragen simpel. der rest ist tippfaulheit. ^^
Kommentar von meistermochi am 27. Februar 2009 um 02:39 | Link
Ich nehme an, wenn sie 18 ist und ich 60 bin, sind die Chancen gar nicht mal so schlecht. Ich bringe ihr dann gerne das Brettern auf Pässen bei und andere Dinge, die mit Eltern in der Regel nicht gehen, aber sehr wohl mit alten Deppen und Roadstern.
Kommentar von Don Alphonso am 27. Februar 2009 um 19:11 | Link
Es ist schon erstaunlich. Selbst mit nicht selbst fabrizierten Blagen. Nicht nur gefühlte 90%, ach was red´ ich!!!: 95 %+ aller Lagen sind eher nervig und anstrengend, besonders wenn Haare und Hormone um die Wette sprießen. Und dann gibt es wieder diese restlichen Paar Prozente die einen grübeln lassen, dass es doch gar nicht soooo schlecht ist, und überhaupt, man beruhigt sich grad und beginnt zu hoffen… Aber nein: PENG! ist der nächste Mist im anrollen. Macht euch nichts vor, alles Zweckoptimismus! Und es wird nicht einfacher - nur anders. Und dennoch, diese paar großen Momente,… Es endet erst wenn die Gören ihre eigenen Leibesfrüchtchen austragen.
Kommentar von textorama am 02. März 2009 um 15:57 | Link
Ja, das ist ein wichtiger Schritt, den jede Mutter machen muss. Wieviel darf das Kind von einem selbst vereinnahmen, und wo beginnt die Mutter sich selbst in Schutz zu nehmen. Die Grenze zu ziehen und zu sagen: Halt! Ab hier bin ich jetzt Mensch und nicht mehr Mutter! das ist schwierig, aber wichtig. Also bei mir endet das Mutter-sein definitiv vor der Klotür ;-)
Ach. Und ansonsten: Das ist nur eine Phase und man stumpft phänomenal ab. Beim 2. Kind ist dieses Geschrei nur die ersten 3 Tage anstrengend, dann hört man es nicht mehr.
Kommentar von Maria am 03. März 2009 um 09:09 | Link