Heute habe ich im Radio angerufen. Um zu erzählen, daß ich gern allein weggehe.
Denn ebendieses, allein weggehen, wurde dort als äußerst armselig und erbarmungswürdig geschildert. Unwidersprochen ertrage ich solcherlei nicht einmal im Mittagsprogramm beim Haarefönen.
Beim Anrufen selbst ist mir aufgefallen, daß ich die Telefonnummer noch aus unseligen Teenagerzeiten auswendig weiß und tätschelte leicht verwirrt meine innere Schulter; was man sich nicht alles merkt! 0331 für Potsdam, 70 97 110.
Mittags ist ja nicht viel los im Radio, zumindest wenn es nichts zu gewinnen gibt, also wurde ich beinah gleich durchgestellt und konnte berichten, daß ich am allerliebsten allein auf Konzerte gehe, da ich mich so am besten auf die Musik konzentrieren kann. Was, genau genommen, nicht mehr so ganz stimmt, denn mittlerweile bin ich so arm, daß ich mir Konzerte erstens nur noch selten leiste und daher ab und an eingeladen werde, demzufolge also auch glücklich bin, wenn die edlen Spender mich zu ihrer Begleitung erkoren haben, und ich zweitens so klapprig unterwegs bin, daß ich mir gern auch unter die Arme greifen lasse, wenn das Atmen und Stehenbleiben mal wieder schwerer fällt.
Allein auf Konzerte zu gehen jedenfalls wurde, glaube ich, von der Moderatorin nicht verstanden, wobei ich auch zugeben muß, daß die Zeit bis zum Beginn des Auftritts allein doch etwas mühselig vergeht. Danach aber war ich allein doch oft froh, wenn niemand in mich hineinbrabbelte und mich so aus der Trance riß.
Allein ins Kino zu gehen wurde auch als halbe Perversion verstanden, wobei ich das Problem dabei nicht ganz verstehe: ICH möchte einen Film sehen. Niemand meiner Freunde begleitet mich. Dann gehe ich eben allein. Warum nicht? Wobei, auch das ist ja seit mindestens eineinhalb Jahren kaum noch wahr für mich, denn seitdem gibt es ja das Cinema Paradiso und ich habe endlich nicht nur jemanden gefunden, mit dem man sich tatsächlich und ohne ständiges Termineverschieben verabreden kann, nein, die wunderbar perfekte liebste Kinofee präsentiert immer gleich eine Auswahl der gerade interessantesten Filme in OV oder OmU zu mir genehmen Zeiten und hat meist sogar schon die Karten reserviert. Ein Goldstück! Selbstredend reden wir selbst während der Vorführung mirakulöserweise immer nur dann, wenn es den anderen nicht stört, ich sage ja: Perfekt!
Zu guter Letzt gab es noch die Alleinsein-Deppsein-Situation Café: Auch dort stieß ich auf Unverständnis mit der Einstellung, daß man sehr wohl wunderbar entspannt allein Zeit verbringen könne, ohne nervös auf jemanden warten zu müssen oder sogleich verlegen Zigarette oder Buch hervorzuholen, um nur den Fingerchen etwas zu tun zu geben. Vielleicht war es der jungen Moderatorin schwer zu vermitteln, aber nach einem Tag voller Gebrubbel und Streß früher auf der Arbeit oder in der Uni oder jetzt mit Baby bin ich dankbar für jede Gelegenheit, mal auf nichts reagieren zu müssen, keine smarte Konversation aufrechtzuerhalten oder mir noch bei dem Genuß der heißen Schokolade den Herd mit der übergelaufenen Milch und dem daraus resultierenden Abwasch- und Putzaufwand vor Augen führen zu müssen.
Letztens bin ich, ohne daß dies die Wiedersehensfreude mit der liebsten Freundin schmälern würde, extra ein halbes Stündchen eher im verabredeten Café eingetroffen um einfach mal kurz zu verschnaufen. Und selbst bei dieser Schilderung habe ich, in die Vergangenheit gedacht, die Wahrheit gesagt, für die Gegenwart aber halb gelogen: Klar lernt man allein auch gut Leute kennen, aber erstens beinhaltet diese Aussage ja in sich, daß man eigentlich selbst gar nicht allein sein möchte, wenn man diesen Zustand doch zu ändern trachtet und zweitens wollte ich in diesem Moment bestimmt niemanden kennenlernen. Das klingt immer so nach Aufreißen und als verheiratete Frau mit zwei Kindern (ähm … klingt gut, oder?) macht man so etwas eben nicht mehr.
Nein, ich wollte ganz einfach allein sein.
Mehr allein, als man es abends sein kann, wenn man außer dem schlafenden Baby der einzige Mensch in der Wohnung ist, denn dann sind neben mir immer noch die Wäsche und der Abwasch und das Aufräumen und die Müdigkeit. Eine Scheißgesellschaft.
So rief ich also im Radio an und pries das Alleinsein und in der Abmoderation wurde ich dann als ein einsamer Freak unter anderen mit guten Wünschen für’s Wochenende bedacht und machte mich auf, Freunde zu besuchen. Pah!
70 97 110… das kann ich im Schlaf, obwohl noch nie gewählt :-)
Kommentar von HR am 21. Februar 2009 um 00:08 | Link
Und um auch etwas zu deinem wirklich passenden Text zu schreiben: Es gibt zu wenig “Freaks” auf der Welt. Zu wenig Individuen die sich nicht zu schade sind dafür einzustehen dass sie (in manchen Dingen) anders sind und anders denken als sich Radiomoderatorinnen das für “normale” Leute vorstellen.
Kommentar von HR am 21. Februar 2009 um 00:15 | Link
Und wenn im Radio 100,1 dann Fritz im Raum Angermünde. ;-)
Kommentar von Julie Paradise am 21. Februar 2009 um 00:17 | Link
Die Magie des Alltags: Ich such mit Guggl nach meinem neuen Buch “Delfina Paradise - Eine Liebe in München”. Könnt ja sein, dass es jemand rezensiert hat, und ich hab’s nicht mitgekriegt. Nö, eine Rezension finde ich nicht, aber einen Hinweis auf Julie Paradise. Na ja, gut, gibt also außer der Novellen-Figur noch jemand, der so heißt mit Nachnamen. Dann gefällt mir der Titel “Im Radio bin ich gern allein”, und ich les mich fest, und dann geht es um allein sein im Café. Und um was meinst du geht es in “Delfina Paradise”? Um zwei Leute, die beide allein im Café sitzen, sich dann kennenlernen … Eine sehr gegenwärtige Liebesgeschichte. Vielleicht interessiert dich das Büchlein - wenn ja, würd ich gern von dir hören, was du dazu meinst.
hans-pfitzinger.de
P. S. Mir gefällt deine Website! Hab dich gespeichert.
Kommentar von Hans am 21. Februar 2009 um 11:25 | Link
“Verheiratete Frau mit zwei Kindern”? Zählt der Karpate als eines dieser Kinder oder gibt es anderweitig Neuigkeiten?
Kommentar von Jules° am 21. Februar 2009 um 19:24 | Link
Ich vermisse ja das Deutsch-Deutsche-Bürgertelefon und Dienstags Sprechfunk und den Filmbluemoon Sonntags und und und… ach, früher war einfach alles besser - selbst das Radio. Und “Ab 18″ ist einfach nicht das Wahre - schon die Uhrzeit… ne ne ne.
Kommentar von robert am 21. Februar 2009 um 20:09 | Link
;-)
Kommentar von Julie Paradise am 22. Februar 2009 um 03:25 | Link
Kino und Cafe kann ich inzwischen auch wunderbar alleine geniessen, obwohl mir das vor ein paar Jahren noch reichlich seltsam vorgekommen wäre…
deshalb bin ich sicher: in ein paar Jahren wird dich die Moderatorin auch verstehen :-)
Kommentar von Anna am 22. Februar 2009 um 11:38 | Link
Anfangs bedurfte es etwas Überwindung, allein in ein Cafe zu gehen oder ins Kino. Aber was wollte man machen, in einer Stadt, in der man ausser den Arbeitskollegen noch niemanden kannte? Heute finde ich es wunderbar entspannend, allein in einem Cafe zu verweilen mit leckerem Milchkaffee, mal mit Buch zum lesen, mal mit Buch zum schreiben. Hach… schön!
Kommentar von Melanie am 24. Februar 2009 um 11:19 | Link
Vor langer Zeit gab es mal ein Lied von Roy Black”..schön sind die Stunden, in denen niemand an dich denkt…”
Ich mochte es sehr. Ich liebe die Stunden , in denen ich allein bin, verschwinden kann aus der Welt, in denen niemand Kontakt zu mir aufnimmt.
Alleine in einem Park zu sein, im Wald zu gehen oder nur auf einer Bank am Flußufer zu sitzen, sind was wunderbares. Ich bin gerne allein, fühle mich nicht einsam, mag die Ruhe und meinen eigenen, unverstellten Blick auf die Dinge.
Viel später habe ich festegestellt, dass Roy Black “….schön sind die Stunden, in denen jemand an dich denkt……”gesungen hat.
Jetzt mag ich das Lied nicht mehr.
Kommentar von croco am 25. Februar 2009 um 23:46 | Link
Also seit ich Kinder hab, genieße ich das allein sein ungemein. Vorher war’s ein bißchen eigenartig, aber jetzt ist es himmlisch. Einfach nur Ruhe, keiner will was, es ist nix anderes zu tun als da zu sitzen, Kaffee zu trinken oder einen Film zu schauen. Herrlich!
Kommentar von Maria am 03. März 2009 um 09:03 | Link
Hallo Julie,
alleine in ein Konzert, ins Kino, in die Disko oder ins Café gehen finde ich völlig normal. Zum einen ist Alleinsein oft schön, zum anderen sehe ich nicht ein, dass ich irgendwohin nicht gehe, wo ich sehr gerne hingehen würde, nur weil ich niemanden hab, der meinen Musik-, Film- oder Sonstwasgeschmack teilt.
Ich bekomme auch regelmäßig aus meinem Umfeld ein Kopfschütteln, wenn ich erzähle, wo ich alleine war oder hin will. :-) Mach dir nichts draus, die anderen können nicht mit sich alleine sein.
Liebe Grüße, Kat
Kommentar von Kat am 04. März 2009 um 08:51 | Link