Irgendwann, so denkt man, hätte man alle Enttäuschungen, seinen Heimatkiez betreffend, hinter sich und könnte nun einen weiten Bogen um die häßlichen Straßenzüge machen.
Irgendwann vorher, so denkt man, müßte es doch aber noch etwas zu entdecken geben, etwas Schönes, etwas Neues, zum Beispiel die lange Straße am Wasser in Oberspree, die Bruno-Bürgel-Weg heißt.
Irgendwann … war gestern.

Normalerweise flanieren die Kleine und ich bei unseren täglichen Spaziergängen am Wasser der Spree entlang, auf der Niederschöneweider Seite des Kaiserstegs. Von dort aus kann man die neuen alten Industriebauten der Wilhelminenhofstraße betrachten, Entchen und Schwäne füttern, und mit etwas Glück läßt sich auch der Fischreiher blicken.

Im Winter kommen die Wasservögel bis auf den Weg gehüpft und laufen einem lange lange hinterher in der Hoffnung, etwas Brot zu erhaschen, so lange, daß man sich zuweilen regelrecht verfolgt fühlt. Füttert man sie wirklich, sind sofort auch die Möwen da, die wie Kolibris in der Luft stehenbleiben und die Brotstückchen noch im Wegwerfen, nur einen Meter vor einem, wegschnappen. Man muß dann zusehen, wie man den Spatzen und Entchen doch noch einige Brocken zukommen lassen kann, die Möwen machen es einem nicht leicht.

Gestern aber wollte ich weiter als bis zum Kaisersteg, den Bus wollte ich nehmen bis zum Bruno-Bürgel-Weg, in der Hoffnung dort eine nette Spazierstrecke zu finden. Wie auch die letzten drei Tage verpaßte ich den Bus, der direkt vor dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide, Britzer Straße hält. Die ersten Minuten nach der milden Enttäuschung darüber verbrachte ich mit dem Lesen von Infotafeln auf den ersten Metern des geöffnet daliegenden Geländes, viel mehr erfährt man jedoch im Internet hier oder hier oder hier oder auch hier. Geschichte lebt — und läßt mich gruseln. Sich vorzustellen, daß hier, mitten in einem Wohngebiet mit meist viergeschossigen Häusern ein Barackenlager “unbemerkt” Zwangsarbeiter gefangengehalten hat, gibt der ganzen Gegend mehr als einen Hauch Düsternis. Daß die großen stählernen Rolltore einmal offenstanden, was vielleicht einladend wirken sollte, stieß mich umso mehr ab. Also kehrte ich um und setzte unseren Spaziergang fort.
Die ersten drei Häuser eingangs des Bruno-Bürgel-Weges sind vielversprechend, prächtige Altbauten sind das, einer davon beherbergt eine Waldorf-Schule. Gleich dahinter allerdings verschlechtert sich der Eindruck durch abgeranzt aussehende, höchstens 15 Jahre alte Gebäude, ungepflegt und schmuddelig sehen diese aus, und diese Stimmung behalten von da an alle Gebäude und Grundstücke dieses Weges bei. Das Pflegeheim B. Effinger ist auch nur ein großer schwarzer Backsteinklotz, der “Verwahranstalt!” schreit und Langeweile und Eingesperrtsein. Je weiter man läuft, umso weniger wundert man sich, daß es so menschenleer ist, daß kein Bus hier entlangfährt obwohl doch die Strecke so lang ist, es sieht aus, als stünde die Zeit still. Bis auf Vereinsheime und deren Sportplätze gibt es auf der Wasserseite kaum Bebauung, der Weg zum Ufer ist überall versperrt. Auf den Grundstücken stapeln sich oft Schrott und auf der anderen Seite der Straße, die unmerklich in ein menschenleeres Gewerbegebiet übergeht, sieht es nicht besser aus. Selbst nach langem Marsch, als das Ufer der Spree nur noch von einem schmalen Streifen Wald gesäumt wird, ist es häßlich dort.
Da war so eine Ödnis, die nicht nur durch das diesige Wetter oder meinen schwitzigen Fieberkopf zu begründen war und deren Stille nur hin und wieder durch das Krächzen einer Krähe oder das Röhren eines Motors unterbrochen wurde.
Heute geht’s wieder zum Kaisersteg.
Rock my Boat!