“Stillst Du noch?” werde ich manchmal gefragt.
Nein, ich stille das Baby nicht mehr, und je länger er her ist, daß ich es tat, umso mehr wird mir bewußt, wie ungern ich es gemacht habe.
Immer noch bin ich davon überzeugt, daß Stillen, so es denn möglich ist, das Beste sowohl für das Baby als auch für die Mutter ist. Die sehr große Nähe, die es bedingt, kann sich nur positiv auf der Verhältnis zueinander auswirken und ein großes Gefühl der Geborgenheit und des Vertrauens beim Baby aufbauen. Wer einmal gesehen hat, wie sich die Zusammensetzung der Milch während einer Mahlzeit — von wässriger Vordermilch zu sämiger Milch am Ende der Mahlzeit — oder während des Abpumpens der Milch (Oh je, schreibe ich das wirklich? Na, so ist es aber nun einmal.) verändert, der kann sich schwerlich vorstellen, wie diese industriell nachgemacht werden könnte. Außerdem werden Immunstoffe der Mutter weitergegeben, Antikörper, und durch das Stillen selbst wird die Gebärmutter stärker als ohne angeregt, sich mit Nachwehen auf die ursprüngliche Größe zusammenzuziehen.
All dies zusammengenommen klingt es doch so, als wäre das Stillen eine großartige Sache. Mag ja sein, aber wohlgefühlt habe ich mich dabei nicht. Weder hatte ich das Gefühl “Wahnsinn, mein Baby ernährt sich monatelang nur von mir” noch “Oh, welch innige Erfahrung”, nein, ich habe es getan, weil es mir vernünftig erschien und mithin das Beste für das Baby zu sein versprach, aber deshalb muß ich noch lange nicht gern getan haben. (Ich hatte letztens eine kleine Auseinandersetzung mit einer Frau, die mich heruntergeputzt hat, weil ich nach vier Monaten langsam auf Folgemilch und B(r)eikost umgeschwenkt bin. Stillen oder Nichtstillen und wenn ja wie lange scheint weltanschauliche Wichtigkeit zu besitzen für manche Menschen.)
Das ganze macht nämlich nur dann Sinn, wenn die Mutter ausgewogen (und ausreichend) ernährt ist, was ich leider mit Mühe und Not bis dahin durchgehalten hatte, mir aber zunehmend schwer fiel.
Außerdem ist mein Schamgefühl einigermaßen ausgeprägt, und auch wenn ich mich für das Stillen an sich nicht schämte (wenn das Baby Hunger hat, kann ich nichts anderes tun), hielt ich es für eine Zumutung, mich ständig überall auspellen zu müssen, selbst wenn man letztlich gar nichts zu sehen bekam, weil frau sich ja so und so hinsetzen kann und dann das Shirt so und noch das Baby davor und noch ein Tuch drüber und so weiter …
Schlußendlich wurde mir die Nähe zuviel. Das mag jetzt hart klingen, aber die Vorstellung, daß ein Wesen dermaßen schon seit Monaten und noch für lange lange Zeit so sehr von mir und meinem Körper abhängig sein soll, ängstigt mich. Ich liebe mein Baby sehr und könnte es den ganzen Tag mit mir herumtragen und knuddeln, aber diese direkte körperliche Verbindung, dieses “Aussaugen” wurde mir immer mehr zur Last. In der Schwangerschaft ist es in Ordnung, als “Hülle” zu fungieren, alles Mögliche zu tun und zu lassen, damit es dem kleinen Wesen gutgeht, danach war es eben mit dem Stillen auch noch eine Weile lang erträglich, bestimmte Nahrungsmittel nicht essen zu können (Alles, was Zitronensäure enthielt, ist ihr nicht bekommen, also auch normaler Eistee, von vielen Obstsorten abgesehen, die sofort üble Entzündungen im Windelbereich verursachten.) oder mich nach dem Duschen nicht einzucremen, weil die Kleine den Geruch nicht mochte oder ich Angst hatte, sie könnte die Creme nicht vertragen. Aber zunehmend hat mich das alles eingeengt, denn wenn ein Baby zum Beispiel unter Koliken leidet und gestillt wird, ist ja immer die erste Frage, was denn die Mutter gegessen hat. Und plötzlich schwingt sich jeder zum Experten dazu auf, was denn bläht oder unbekömmlich gewesen sein könnte. “Uhoh, Erdbeeren, klar, die darf man nicht essen. Kartoffeln? Nein, das geht nicht.” Bis ich schließlich so verunsichert war, daß ich selbst in jeder Unpäßlichkeit meines kleinen Töchterchens Ernährungsvergehen meinerseits als Ursache fürchtete. Als sie schließlich nach knapp vier Monaten unersättlich schien und ich mich immer ausgelaugter fühlte, beschloß ich, daß Schluß sein müsse.
Also haben wir zwei uns zusammengesetzt, tief in ein Minigläschen Frühkarotten geschaut und beschlossen, daß Essen eine ganz feine Sache ist. Für uns beide. Nachdem der erste Anfang getan war, hatte sich das Thema Stillen innerhalb von zwei Wochen erledigt. Sie hat seitdem keine Koliken mehr und ich meinen Körper wieder.
Das mußte mal gesagt werden. Auch, weil mich verschiedene Leute darauf angesprochen haben und ziemlich unterschiedlich auf das recht frühe Abstillen reagier(t)en.
Ich kann das gut verstehen. Ich habe zwar fast 6 Monate voll gestillt und stille immer noch 7x in 24 Stunden, aber ich hatte auch viele Momente, in denen ich es ganz und gar nicht toll fand. Das Gefühl, ausgesaugt zu werden, ist sehr gewöhnungsbedürftig. Und immer noch macht mich das Stillen müde - manchmal ist das schön, weil ich dabei super einschlafen kann, aber manchmal möchte ich eben nicht super einschlafen!
Andererseits muss ich zugeben, dass ich schon stolz darauf bin, durchgehalten zu haben. Am Anfang war es ein harter Kampf - Kaiserschnitt, Kind sehr leicht und nur am Pennen, fünf Kinderkrankenschwestern, fünf Meinungen, wie das geht mit dem Anlegen. Brustentzündung, Schmerzen, Tränen, Milchstau, das volle Programm.
Aber es gab auch schöne Momente. Gemütlich auf der Couch liegend, stillend und lesend, und dann diese Augenblicke, in denen das Baby vom Trinken absetzt, den Kopf hebt und einen total glücklich anstrahlt - das hat sich tief in meine Erinnerung gegraben. (Und praktisch war’s auch, das merke ich jetzt, wenn ich eine Breimahlzeit mitnehme und unterwegs nach einer Aufwärmmöglichkeit suche bzw. nach dem Essen orange gesprenkelt bin. ;-))
Liebe Grüße an Deine Kleine!
Anette (mit Linda, 6,5 Monate)
Kommentar von Anette am 08. Februar 2009 um 11:19 | Link
Ich überlege grade, was schlimmstenfalls passiert wäre, wenn du (oder welche Mutter auch immer in einer solchen Situation) noch 2-3 Monate weiter gestillt hättest. Das Unwohlsein mit dem eigenen Körper steigt. Der Körper macht noch weiter schlapp. (Muttersein heißt ja leider nicht automatisch, dass der Körper mit einem Schlag immun gegen alles ist.) Die Krankheiten des Babys hören nicht auf. Das Gefühl des Überfordertseins steigt. Ebenso die Zweifel, ob man denn auch eine gute Mutter sei. Und was passiert? Der Unmut richtet sich irgendwann gegen das Kind. Distanz setzt ein. Unausgesprochene Vorwürfe gegen das Baby. Als das ungewollt. Aber wer kann seine Emotionen schon lenken. Und da frage ich mich, was schlimmer ist. Früher als empfohlen abstillen oder die ungebrochene Liebe zum Kind aufs Spiel setzen.
Kommentar von miss sophie am 08. Februar 2009 um 16:46 | Link
Das Schlimmste in so einer Situation ist ja, daß man einerseits geschwächt und verunsichert ist und gleichzeitig von so vielen Leuten umgeben, die es bisser wissen wollen. Dann eine Entscheidung zu treffen ist schwierig.
@ Anette: Zum Glück liebt die Kleine das Essen, also sowohl die Nahrung an sich als auch den Vorgang, spucken tut sie dabei nur selten, im Gegenteil, man kann gar nicht schnell genug den Löffel wieder füllen. Insgesamt geht es uns beiden seitdem besser, und das zählt. Am Ende muß eben jeder für sich entscheiden.
Außerdem: Die leckersten Breimahlzeiten sind die Obst- und Joghurtsachen, die muß man unterwegs nicht einmal warmmachen. Wir lieben es!
Trotzdem: Respekt für das Durchhalten, spätestens nach den Entzündungen, Staus und Fieber konnte ich nicht mehr und hatte eben nicht das Gefühl, daß es uns guttut. Und wenn ich mich kaputtmache, hat ja auch niemand etwas davon.
@ Miss Sophie: Eben. Manche Dinge darf man aber leider nicht so klar analysieren und aussprechen ohne von einigen als kalt, herzlos, egoistisch oder verantwortungslos abgestempelt zu werden. (Habe ich leider selbst erlebt, daher jetzt nach so langer Zeit noch einmal ein Nachhall davon hier.)
Kommentar von Julie Paradise am 08. Februar 2009 um 18:12 | Link
Dazu fällt mir eine Folge von Scrubs ein, in der mal Hassphantasien thematisiert wurden. Die Dunkelhaarige bekommt ja irgendwann ein Kind. Nach den ersten paar Tagen und schlaflosen Nächten mit allem Drum und Dran, gibt es eine Unterhaltung, in der sie davon erzählt, dass sie in der vergangenen Nacht so eine Phantasie, in der sie das Kind aus dem Fenster wirft.
Krass. Auf jeden Fall. Aber wichtig auch, dass zu thematisieren. Jetzt wird sicher nicht gleich jede Mutter ihr Kind irgendwann aus dem Fenster werfen wollen, aber ein “boa, warum denn jetzt schon wieder, kannst du nicht bitte einfach weiterschlafen.” denkt sich garantiert jede. und das ist dann nur die harmlose Seite alldessen.
Kommentar von miss sophie am 09. Februar 2009 um 09:22 | Link
entlastungsphantasien. hört sich sehr normal an. :)
Kommentar von meistermochi am 10. Februar 2009 um 01:12 | Link
“Es ist normal, wenn sie ihr Kind aus dem Fenster werfen wollen. Es ist nicht normal, wenn sie es tun.” Amelie Fried in “Die Störenfrieds”
Klein(st)kinder bringen einen an seine Grenzen. Solange man diese noch erkennt, ist alles in Ordnung.
Und zum Stillen: Herrje! Das soll jeder handhaben, wie er es für richtig hält. Meine Nr. 1 wurde nicht gestillt (weil es nicht ging - großes Drama, weil Mama unbedingt stillen wollte, bis hin zur Psychose, brrr), Nr. 2. wurde 6 Monate voll gestillt und alles war wieder gut. Aus beiden ist was geworden (OK Nr. 2 ist ja erst 2)
Kommentar von Kai am 10. Februar 2009 um 11:07 | Link
Ich hab in letzter Zeit immer wieder über ähnliche Dinge nachgedacht. Ich bin gerade schwanger. Das erste Mal. Plötzlich weiß die ganze Welt um mich herum, was das Richtige für mich ist und wie ich was zu machen habe. Da ernte ich Unverständnis, wenn ich zugebe, dass ich es nicht schaffe 2 Liter am Tag zu trinken, obwohl das schon die doppelte Menge meines normalen Pensums ist. Und von Stress soll ich mich fernhalten und möglichst alle Babybücher lesen, die es so gibt. Ich habe eins gelesen. Halb. Und mir reicht’s. Wann ist den Menschen das Vertrauen verloren gegangen. Muss man alles so machen, wie es in irgendeinem Buch steht? Dabei ist es doch viel wichtiger auf sich selbst und das Baby zu hören. Das Kind zeigt einem doch, was es braucht. Da sollen die ganzen Besserwisser mit ihren Lehrbuchmeinungen doch einfach still sein. Individuen lassen sich eben nicht in Statistiken pressen.
Also keine Sorge, Ihr macht das schon richtig. Es ist Euer Weg!
Kommentar von AnJu am 20. Februar 2009 um 16:48 | Link
Herzlichen Glückwunsch! Ihr werdet euren Weg auch finden, selbst wenn es, wie bei uns bedeutet, daß man die Besserwisser einfach abschalten, d.h. leider auch ausschließen muß.
Mir ist schon klar, daß gerade die Schwiegereltern es nur gut mit dem Baby meinen, aber das geht eben oft nach hinten los. Und am Ende stehst Du als Mutter mit dem Baby da und mußt klarkommen, egal auf wessen Ratschlag man gehört hat.
Ich fand es sehr hilfreich, daß wir eine ziemlich junge, wirklich coole Hebamme hatten. Deren Tipps habe ich mit den Hinweisen meiner Mutti vermengt und dem, was sich richtig anfühlte. Ich glaube, ich bin ganz gut damit gefahren, zumindest ist das Ergebnis ein ausgeglichenes, fröhliches, durchschlafendes supersüßes Baby. Was will man mehr?
;-)
Kommentar von Julie Paradise am 20. Februar 2009 um 21:17 | Link
Ich hab gestillt, weil es praktisch war. Nicht weil es “Ach soo schöön” war, nicht weil ich die Nähe “so guut für uns!” fand, sondern weil es praktisch war. Weil ich immer und überall was zu essen dabei hatte, weil es immer richtig temperiert in der richtigen Menge zur Verfügung stand. Aus. Basta.
Dieses Baby-abhängig-von-meinem-Körper fand ich auch sehr seltsam und dass ich immer und überall zur Verfügung stehen musste war auch nicht wirklich prickelnd. Jede Mutter muss einen Weg finden, der für sie und für das Baby richtig ist. Da kann/sollte eigentlich keiner mitreden. Also: Nur weiter so!
Kommentar von Maria am 03. März 2009 um 09:16 | Link