W.T.B. ist nicht Renoir

Erinnert sich jemand an den alten Monsieur Dufayel im Film Die fabelhafte Welt der Amélie? Wegen einer Glasknochenkrankheit dick eingemummelt doziert er über den Maler Renoir, stets dräuend und altersverbittert. Der Ton, in dem er Renoir raunt, dieser Ton hat sich bei mir mit dem Maler selbst verbunden, ebenso das Gesicht des Alten.

In meiner Straße, in meinem Haus nun gibt es einen verglasten Balkon, welcher im Erdgeschoß gelegen ist, die Balkonbrüstung auf Hüfthöhe. Dieser kleine Raum, morgens und abends immer mit durchsichtigen orangeroten Vorhängen halbverhüllt, ist ein Atelier. In ihm hängen Objekte, kleine Holzkästen, die Collagen und Montagen enthalten, es gibt einige wenige Bilder und Grafiken zu sehen und einen einfachen Holztisch, an dem offenbar jeden Tag jemand sitzt und arbeitet, denn immer, wenn ich vorbeilaufe und kurz meinen Schritt verlangsame, sind Stifte hinzu- oder weggeräumt, liegt mal ein Skizzenblock und mal eine Schere dort, nie aber hatte ich denjenigen gesehen, der dort schafft.

Leicht ist dann ist die Phantasie geweckt, die sich ausmalt, daß der Künstler — es konnte für mich nur ein Mann sein, zu schmucklos und gerade ist das gesamte Arrangement — eben solch ein dürrer einsamer Greis wie Monsieur Dufayel sein muß. Ein malender Eremit, unermüdlich, geheimnisvoll, alt, aber noch mit unendlich vielen Strichen und Ideen in Hand und Geist, umgeben von diesem Raunen Renoirhhh

Die Wirklichkeit enttäuschte mich maßlos, denn letzte Woche saß dort jemand, im Atelier W.T.B. (B. steht für Buder).

Es war eine Frau.

Eine Frau in einer rotbraunen Strickjacke und beigen Bundfaltenjeans.

Ich hielt abrupt an, als ich gewahr wurde, was nun geschehen mußte, beinah erschrocken. Wie gern hätte ich weiter an Renoir geglaubt, an den Alten, an das Geheimnis. Stattdessen eben diese Frau, in einer fusseligen Strickjacke, von hinten ältlich aussehend, dunkelblond, mit einem Haargummi aus froschgrünem Plüsch, den Zopf zu einer Art Banane hochgeschlagen, die Manschetten ihrer blau-weiß-gestreiften Bluse über die Bündchen der Jacke geschlagen, — das durfte nicht sein.

Es mag albern klingen, aber seitdem hüpft mein Herz nicht mehr wie vorher leicht aufgeregt und neugierig-gespannt, wenn ich dieses Fenster passiere, die Mundwinkel erschlaffen und ich bin enttäuscht.

So enttäuscht wie wohl auch meine Mutti war, als der Westbesuch ihr einen Stern versprach und mit der Zeitschrift anrückte, so enttäuscht wie, — ja, wie es eben nur ein Kind sein kann, das etwas Besonderes erhofft und vom Banalsten niedergemäht wird.

Renoirhhh. Pah!

Januar 7, 2009 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. das ist schade. vielleicht sitzt ein Monsieur Dufayel ja trotzdem nicht weit entfernt…

    Kommentar von me. am 09. Januar 2009 um 16:54 | Link

Rock my Boat!