Es gibt so Dinge, die ändern sich nicht. Unter anderem das Gefühl, daneben zu sitzen und eigentlich zu stören, weil alles wichtiger ist als man selbst gerade. Kennt das jemand aus der Kindheit (eines Scheidungskindes, zugegebenermaßen), wenn man einmal im Monat beim Papa ist, der aber so gar nichts vorbereitet hat?
Dann steht man in der Tür und sieht, daß nicht aufgeräumt ist, daß noch Arbeit wartet — “Das muß ich jetzt noch schnell machen.” –, daß kein Essen da ist. Es ist ja nicht das erste Mal, also schluckt man den Kloß im Hals herunter, versucht tapfer zu lächeln und zu helfen, ist aber insgeheim doch etwas beleidigt und noch viel mehr traurig, wird tolpatschig weil aufgewühlt, schmeißt etwas herunter, wird noch nervöser und schon kracht es.
Manchmal kracht es nicht einmal, dann aber verschwindet der Halskloß ebensowenig, doch auch die Hoffnung bleibt ja, daß beim nächsten Mal alles anders werde. Bis zum nächsten Mal.
Seit zwei Wochen trage ich ein Buch mit mir herum: DAVID CARTER — Schmetterlinge (Dorling Kindersley Limited, London 1992, 2000; Amazon-Link), denn letztens ist mir wieder einmal mehr aufgefallen, wie naiv falsch ich (und wohl die meisten) Schmetterlinge sich vorstellen und zeichnen.
Schmetterlinge sind nicht die zarten, süßen Wesen, die in den Lüften umherflattern und Nektar saugen, nein: Genauer betrachtet sind zumindest bestimmte Arten häßlich, gruselig, ja furchteinflößend zu nennen.
Da gibt es zum Beispiel die NAZISCHMETTERLINGE wie Callicore maimuna oder Diaethria clymena, eine von etwa 40 süd- und mittelamerikanischen Schmetterlingsarten, die eine deutlich erkennbare Zeichnung 88 auf den Hinterflügeln aufweisen.
Bei der Lektüre des Buches bin ich neben wunderschönen Schmetterlingen der Familie PAPILIONIDAE (RITTERFALTER) [Papilio paris! Papilio demoleus! Papilio anchisiades! Papilio zalmoxis! Papilio dardanus! Eurytides marcellus! Parides coon! Parnassius apollo! Cressida cressida! Ornithoptera priamus! Troides brookiana!],
den eher plumpen HESPERIIDAE (DICKKOPFFALTER) [Gangara thyrsis!],
den kleinen bunten LYCAENIDAE (BLÄULINGE) [Megalopalpus zymna! Cheritra Freja (die Weibchen)! Mimacraea marshalli! Jamides alecto! Agrodiaetus dolus (Unterseite der Weibchen)! Danis danis (Unterseite der Weibchen)! Cadalides xanthospilos (Unterseite der Männchen)! Castalius rosimon! Philotes sonorensis! Plebejus argus/Polymmatus icarus! Lysandra bellargus! Syrmatia dorilas! Mesene phareus! Helicopis cupido!] und
den NYMPHALIDAE (EDELFALTER) [Polyura delphis! Morpho aega! Morpho menelaus! Morpho rhetenor! Morpho laertes! Helioconius doris! Cithaerias esmeralda! Idea leuconoe!] (allesamt Tagfalterarten) auch den Nachtfalterarten begegnet.
Ohne jetzt näher auf einige der wunderschönen Arten der tagaktiven Falter eingehen zu wollen (die oben angeführten Lieblinge findet man zur Ansicht ganz leicht über die Bildersuche jeder Suchmaschine), haben mich einige der Nachtfalter doch deutlich mehr beeindruckt. Zwar gibt es auch dort hübsche Exemplare unter den etwa 100 Arten der THYATIRIDAE (EULENSPINNER),
bei den DREPANIDAE (SICHELFLÜGLER) [Drepana arcuata!], die entweder zurückgebildete oder gar keine Saugrüssel mehr besitzen und demzufolge als Imago gar keine Nahrung aufnehmen können,
unter den URANIIDAE (URANIAFALTER), denen einige der auffälligsten Arten angehören [Chrysidiria riphearia!],
den mittelgroßen bis großen Arten (Flügelspannweite ist durchschnittlich 5-10 cm) der LASIOCAMPIDAE (GLUCKEN/WOLLRAUPENSPINNER) [Grammodora nigrolienata!],
den ebenfalls mittelgroßen bis großen EUPTEROTIDAE, die eng mit
den SATURNIIDAE (NACHTPFAUENAUGE/AUGENSPINNER) verwandt sind und von denen einige Flügelspannweiten von bis zu 30 cm erreichen [Automeris io (Atlasspinner (30 cm)! Actias luna (Amerikanischer Mondspinner)! Actias selene (Indischer Mondspinner)! Argema mimosae (Afrikanischer Mondspinner)! Coscinocera hercules (Herkulesspinner)! Graellsia isabellae (Spanischer Mondspinner)!],
den ANTHELIDAE (auf Australien und Papua-Neuguinea beschränkt),
den BOMBYCIDAE (SEIDENSPINNER) [Bombyx mori (Maulbeerseidenspinner)! Penicillifera apicalis!],
den BRAHMAEIDAE (mittelgroße bis sehr große Arten, nur etwa 20 beschriebene Arten in Afrika, Asien und Europa) [Brahmaea wallichii!],
den mittelgroßen bis sehr großen SPHINGIDAE (SCHWÄRMER) [Euchloron megaera!],
den oft “höckerigen” NOTODONTIDAE (ZAHNSPINNER) [Oenosandra boisduvalii!],
den vielfältigen ZYGAENIDAE (WIDDERCHEN) [Zygaena ephialtes (Wickenwidderchen)! Arniocera erythropyga! Zygaena occitania! Campylotes desgodinsi! Himantopterus dohertyi!], obwohl auch unter diesen Familien schon häßliche Arten vorkommen, besonders Chelepteryx collesi (Flügelspannweiten der Weibchen bis 16 cm), Acherontia atropos (bis 14 cm), Pseudosphinx tetrio (13-16 cm).
Reichlich widerlich aber wird die Lektüre eines Buches über Falter, wenn einem aus der Familie der COSSIDAE (HOLZBOHRER) Xyleutes strix seitenfüllend vorgeführt wird — bereits als verkleinerte Darstellung! Bah. Immerhin kann diese Riesenmotte bis zu 22 cm Spannweite erreichen, wobei der plumpe Körper mit dem unverhältnismäßig großen Kopf die gleiche Länge haben dürfte. Brüderchen Xyleutes cinereus ist mit bis zu 25 cm auch nicht gerade zart zu nennen, aber sicherlich der weniger furchteinflößende Falter in der Familie.
Schlußendlich besänftigte, weil begeisterte mich mein Schmetterlingsführer mit einen Schlußkapitel, welches sich mit Nachtfaltern der Familie der HEPIALIDAE* (WURZELBOHRER) beschäftigt. Diese haben Primitivmerkmale, was sie schon einmal sympathisch macht. Ernsthaft: Wann war ich vorher jemals des Kopplungsmechanismus der Schmetterlingsflügel gewahr? Die Wurzelbohrer jedenfalls haben die sowohl haarigen als auch wunderschönen (wenngleich urtümlich plump aussehenden) Zelotypia stacyi (bis 25 cm!), Aenetus eximius (Die Männchen, von denen leider kein Bild aufzutreiben war, haben statt der gelblichgrünen Färbung das frostigste weiß-, hell- und mittelblau, das ich jemals bei Tieren (Fell, Gefieder) gesehen habe!) und Leto venus in ihren Reihen.
Hach! Da schrecken auch die Kellerkinder von Xyleutes nicht mehr, und angesichts der Pracht dieser Insekten verlangen die Schmetterlinge doch geradezu danach, die nächste Spezies des Monats zu werden, oder?
Übrigens: Ich habe mir einen neuen Haarschnitt zugelegt mit nichts weniger als dem perfekten Pony, ungefähr 300 Zeichnungen und Aquarelle angefertigt sowie bereits 20 mal Wäsche gewaschen in diesem Jahr. All dies verblaßt allerdings deutlich neben der Beschäftigung mit Schmetterlingen und, äh, Buffy. Nur so, falls sich jemand über die maue Postingfrequenz gewundert haben sollte.
Es gibt einen Freund, bei dem sage ich immer: Du bloggst wie ein Kampfpilot.
Instinktiv, routiniert, immer noch begeistert und emotional, dennoch stets auch abwägend, einschätzend. In der Hauptsache aber eines: Schnell.
So wie dieser Freund bloggt, so fotografiert wohl Aleksey Petrosian, von dem viele Aufnahmen hier bei English Russia zu sehen sind. Er trifft den Moment, auch den, in dem es wehtut, in welchem ich, ehrlich gesagt, staunend, weinend, berührt, die Kamera sinken lassen würde.
Gibt es da ein Besser oder Schlechter im Stillesein angesichts fremden Lebens, das man mitbekommt und dennoch unberührt lassen könnte. Und ist es nicht oft so, daß man eigentlich nicht fotografiert werden möchte im Moment des Geschehens, später aber doch froh über die Erinnerungsstütze ist? Was aber würde dann mich berühren, gäbe es nicht die fehlende Scheu anderer, solches zu dokumentieren?
Man liest ja soviel, dieser Tage: Von der Finanzkrise, die jeden trifft. Von denen, die dennoch feiern. Vom Stil, den man hat oder nicht.
Natürlich, könnte man sagen, habe ich von alledem keine Ahnung, denn gewissermaßen bin ich ja ein Armeleutekind. Die Mutter alleinerziehend, zwei Kinder, eines davon (ich) unehelich, wechselnde Lebenspartner. Herrje, im Osten hatten wir nicht einmal ein Auto, einen Führerschein habe ich bis heute nicht.
Es fühlt sich seltsam an, dies einzugestehen, aber anhand gewisser Erlebnisse ist mir besonders im letzten Jahr bewußt geworden, daß es sie gibt, diese unsichtbaren Schranken des Dastutmannicht, Darübersprichtmannicht, Dasistbeiunsebenso. Du kummst hier net rein.
Wie gesagt, ich bin in der DDR großgeworden, wir waren nie besonders reich, wenn das Geld knapp wurde, dann war das normal. Es hat immer gelangt, irgendwie, gerade so, und diese schwammige Selbsteinschätzung, doppelt verzerrt durch meine eigene Wahrnehmung als Kind, von dem sicherlich auch vieles Beunruhigende ferngehalten wurde, und durch die Jahre, die seitdem vergangen sind, muß genügen. Jammern, daß kein Geld da ist, tun andere auch, aber wenn beispielsweise die Eltern des Karpaten vom Sparen reden, dann heißt dies für sie, daß nur noch zwei dreiwöchige Tauchurlaube in Ägypten und der Karibik pro Jahr abfallen. “Soviel kein Geld möchte ich auch mal haben”, seufzt meine Mutti dann. (Selbst wenn sie es hätte: Soviele freie Tage hat sie gar nicht.)
Jedenfalls, es gibt ein Blog (es gibt mehr als dieses eine, aber gerade bei diesem hat sich über eine längere Zeit hinweg auch eine persönliche Bindung aufgebaut), die mir zeigen, daß es weitaus mehr Schichten an Welt, Gesellschaft, Stand gibt, als ich dachte. Früher war ich so naiv zu denken, daß man mit Bildung, mit Würde, mit Intelligenz und Charme überall hineinkommt, an jeder Stelle des Lebens einen Platz einnehmen und sich einfinden kann — das glaube ich inzwischen nicht mehr. Vielleicht bin ich zu ängstlich, zu unsicher, mir zu sehr all meiner Unzulänglichkeiten gerade bei Dingen der Lebensart und Weltgewandtheit bewußt und ganz sicher will ich an dieser Stelle nicht darüber diskutieren, ob es überhaupt erstrebenswert ist, sich in gewisse Kreise einzufinden, aber ich merke eben, zunehmend, daß es doch unsichtbare Barrieren gibt, die mich von Menschen anderen Herkommens trennen. Jeder ist in seiner Welt und wenn man zueinander kommt, ist es ein wenig, als spielte ich große Dame in den Schuhen meiner Mutti. Und bin froh, meine Pantoffeln wiederzubekommen, bevor ich stolpere und mich lächerlich mache.