
Die paradiesische Karpatenfamilie mit Musike inner Luft
Mit stierem Blick durchfurche ich die Straßen, die Stirn gekraust, das Kinn hervorgereckt. Das Kinn, der Ellenbogen des Gesichts, es teilt aus, es teilt mit, daß nichts und niemand mir sich entgegenstellen sollte.
Wutschnaubend brülle ich innerlich “Ordnungsamt”, wenn zugeparkte Gehwege meinen Marsch behindern, ich zische “Fickt euch!”, wenn wieder einmal alleingelassen ich den Kinderwagen hinaufbuckeln muß zum Bahnsteig, alle anderen an mir vorüberziehend wie die drei Affen Nichtshören-Nichtsehen-Nichtswissen.
Ich bin ein riesengroßes Ego, ich bin die Löwenmutter auf Speed, ich bin wütend und ramme durch alles hindurch, was mich behindern will. Wer nicht für mich ist, keine andere Mutter, Verbündete im alltäglichen Kampf der bekackten Bürgersteige gegen die breiten Gummireifen des Wagens, wer nicht sofort ein verzückt lächelndes Gesicht aufsetzt ob der einzigartigen Lieblichkeit meines Babys, wer also nicht für mich ist, muß gegen mich sein. Und Wehe dem, der mich behindert!
Ich muß dieses kleine Wesen sicher durch die Stadt bringen, gegen die Feinde Ignoranz, Berufsverkehr und Kinderhaß, gegen die Blicke derjenigen, für die ein Kinderweinen in der Bahn schlimmer zu sein scheint als die verlausten Tauben, die auf dem Bahnhof unsere Köpfe umflattern. Ich muß stärker sein, als der uns umfegende Wind, schneller als die Idioten, die sich in der Tram vor mir in die Tür quetschen wollen, ich muß böser sein als die Jugendlichen, die grimmig-cool gucken und mir den Platz streitig zu machen versucht sind — versucht sind nur, denn ein Blick von mir und sie weichen!
Ich muß, ich muß … irgendwie durchhalten.
Früher habe ich mich oft gewundert, warum Mütter so gestreßt aussehen, so kampfbereit, ach was, so angriffslustig geradezu, aber wenige Wochen mit Baby unterwegs in der Stadt haben mich gelehrt, daß es besser ist, erst gar keine Rücksichtnahme zu erwarten, zu oft würde man enttäuscht. Es gibt sie, die netten Menschen, die aufmerksam und gut gelaunt Türen öffnen, galant zwinkern und den Wagen mit in die Tram heben helfen, die ohne zu murren ein Stück rücken, damit ich nicht allzu oft mit dem schlafenden Kind anecke und vielleicht sogar noch einen Platz anbieten, aber ich weiß ja selbst, wie sehr nach einem Scheißtag ein schreiendes Gör in der Bahn die allerletzten Nervenreserven zu zerfetzen droht, wie oft man selbst mit Tunnelblick durch die Welt läuft und nicht bemerkt, daß neben einem jemand Hilfe brauchen könnte. Jetzt aber brauche ich ständig Hilfe bei irgendetwas, ich bin darauf angewiesen, daß der Fahrstuhl funktioniert oder wenigstens das Höflichkeitsgen des jungen Mannes neben mir, daß ein entschuldigendes Lächeln den Freak neben mir davor bewahrt, gleich zu explodieren, obwohl die Kleine brüllt wie am Spieß, ich bin darauf angewiesen, daß jemand Platz macht. Diese Hilflosigkeit einerseits und das Gefühl, mir jeden Zentimeter erkämpfen zu müssen, zermürbt irgendwie und macht wütend, es ist eine kleine Geschmacksprobe davon, wie es sich anfühlen muß, behindert zu werden von Menschen, für die man eine Zumutung darstellt, obwohl man doch nur sein gutes Recht wahrnimmt, transportiert zu werden, beispielsweise.
All das kostet Energie, die kaum noch vorhanden ist, denn immer noch ist mein Körper damit beschäftigt, jeden Tag etwa einen Liter Milch zu produzieren, dem schwächelnden Kreislauf zu trotzen und nicht schon wieder eine fiese Erkältung aufkommen zu lassen.
Die Wut, die mich packt, wenn ich unterwegs all diesen unnötigen Widrigkeiten begegne, möchte ich beinahe nicht damit besänftigen, daß mein Baby für mich das liebste und süßeste der Welt ist, daß es auch in der Öffentlichkeit so viele Menschen mit nur einem Augenaufschlag zu becircen weiß und es ja doch immer wieder schöne Begegnungen mit wildfremden Menschen gibt, die beim Anblick solch eines süßen Zwerges redselig und gerührt werden, mir zum Abschied alles Gute wünschen und mit feuchten Augen an die Zeit mit ihren schon längst erwachsenen Kindern denken.
Wenn ihr also das nächste Mal so eine zackige Kampfmutter seht, denkt an mich, und verzeiht ihr!
aber mein Leben mit der kleinen Leia ist oft noch viel kitschiger. Und schöner, viel schöner. Wenn ich Zeit hätte, all die kleinen Momente in Worte zu fassen, die dieses Wunderwesen mir jeden Tag schenkt, dann würde hier alles in puffigrosa Zuckerwatte untergehen, abgeschmeckt mit Honig und von Lollipopelfen mit süßen Himbeeren garniert.
Ich geh mal lieber wieder, dem Baby noch ein Gutenachtküßchen geben.
Wenn das Baby ins Bettchen gebracht wird, bekommt es immer einen besonders lieben Gutenachtkuß.
Und noch einen. Und noch einen. Und noch einen.
Und dann noch einen.
Und vielleicht — noch einen.
Sie schläft ja immer schon so halb, wenn ich sie in ihren Schlafsack lege, da kann ich ihr ja, ohne sie zu wecken, gleich noch ein Küßchen geben. Und noch eins.
Das dauert manchmal etwas länger sie ins Bettchen zu bringen.
Ein Küßchen noch! Und noch eins.
Wieder daheim mit dem Baby: Sie aus dem Wagen heben, fünf Treppen hoch bis unters Dach steigen, den kleinen warmen Körper dicht an mich gedrückt, den zarten Seufzer hören, über das leise Fiepen ihrer Schnupfnase lächeln und vorsichtig die Türe aufschließen.
Pshhht!
Sie schläft, seit einer Stunde schon, erwacht nicht einmal von dem Aufstieg, nicht von dem bellenden Hund im dritten Stock, nicht davon, daß ich leise fluchend mich im Dunkeln stoße. Uns jetzt auszukleiden, unmöglich, ohne ihre Ruhe zu stören, so öffne ich denn das Fenster, damit sie nicht schwitzt im dicken Jäckchen, lege mich mit ihr auf dem Bauch auf das bisher einzige Möbel in der Wohnung, einen Liegestuhl, und warte. Warte, nicht etwa darauf, daß sie erwacht, sondern erwarte jeden süßen Atemhauch mit einem stillen Lächeln, jedes kleine Beben ein neues Wunder, dicht an meinem Ohr, in meinem Herzen.
Morgens, nackt in der Küche. Er so:
Ach, das Kostüm der Liebe — könnte auch mal wieder gebügelt werden.
Wenn ich mich derzeit mit Anne zum Kino treffe, fahre ich vom östlichen Stadtrand direkt in den wunderschönen Berliner Sonnenuntergang.
Hach …
Ich hasse Urlaub. “Urlaub”. Dieses Wort sollte nur mit höhnischem Grinsen, verzweifelt-aggressivem Unterton und wirrem Blick ausgesprochen werden.
Ich brauche keinen Urlaub, dankesehr. Mein Leben daheim ist perfekt auf meine Bedürnisse abgestimmt, alles ist dort zu meiner vollsten Zufriedenheit eingerichtet und bedarf keiner, ich wiederhole: KEINER! Verbesserung.
Momentan hänge ich mit der Familie des Karpaten, der gesamten buckligen Verwandtschaft meines Ehemannes (fünf Elternpaare und drei Kinder), bei Rerik an der Ostsee fest. Gäbe es hier kein WLAN, ich würde wohl dem Wahnsinn anheim fallen. So bin ich nur mächtig angepißt, denn seien wir doch mal ehrlich: Gerade für die mitreisenden Muttis, und ich bin ja jetzt selbst eine, sind solche Gurkereien wahnsinnig anstrengend. Was bitte ist denn daran Urlaub, wenn erwartet wird, daß Mutti an alles denkt, nichts vergißt, immer fröhlich und lieb und lustig ist, munter und ausgeschlafen, ohne selbst je einen Augenblick Ruhe zu haben? Hier wird jetzt erwartet, daß ich für meinen Mann ein “ordentliches Frühstück, Mittag, Abendessen” auf den Tisch zaubere, dabei knackfrisch und zum Anbeißen aussehe, allerbester Laune bin und dankbar, daß ich bedienen darf. Am liebsten die Schwiegereltern gleich mit.
“Du bist doch jetzt Mutter, da mußt du dich an soetwas gewöhnen.”
Muß ich das? — Ich denke ja nicht dran. Ich gedenke auch nicht, weiterhin ständig irgendwo mit hin eiern zu müssen, wenn ich nicht möchte. Sollen die doch allein ihr armseliges Leben damit bereichern, daß sie alle paar Wochen und Monate wegfahren, fliehen, flüchten, weil sie sich allein daheim gegenseitig nicht mehr aushalten.
Kann sein, daß ich ein wenig empfindlich auf Störungen meines gewohnten Tagesablaufes reagiere, aber selbst wenn: Ist das schlimm? Muß man mich erziehen, mich bespötteln und zwingen, dies zu ändern? Muß ich es mir gefallen lassen, daß mir jetzt hier alle paar Minuten mein Baby aus dem Arm gerissen wird, weil irgend wer es gerade haben will? Die Kleine ist auch schon ganz durcheinander: Statt bis 7 oer gar 8 Uhr wie sonst in letzter Zeit war sie heute morgen (Es ist 5:54 als ich das hier tippe.) bereits um 4:30 wach. Ich sag’s noch einmal: Toller Urlaub!
Ach so: Es regnet hier übrigens in Strömen und alle frieren.
Ich will nach Haus!
Das erste, was mir im Westen geschah, ist von einer Taube angeschissen zu werden, auf die rechte Schulter meines nagelneuen hellblauen Anoraks, am Grenzübergang Sonnenallee. So war das damals.
Ich habe seitdem aber sehr viel Schönes erlebt, im Westen.
ist übrigens Samstag, der 8. November. Nur damit manche wissen, wann sie “so Rücken haben”.
(Das ist übrigens gar nicht so schlimm, in den 5. Stock zu steigen. Andere erklimmen Berge, freiwillig.)