Mutti unterwegs

Wenn Mutti unterwegs ist, also ich, dann meist mit dem Baby, das vorn auf den Bauch geschnallt getragen wird.

Wenn ich abends unterwegs bin, immerhin auch schon wieder ein halbes Dutzend mal, seit die Kleine auf der Welt ist, dann scheint es mir neuerdings, als hätte sich die Stadt für mich all das aufgehoben, was ich an Aufregung verpaßt haben könnte. Was da alles passieren kann, auf so einem Dreiviertelstundenheimweg von Mitte nach Schöneweide:

Ein Pärchen, das sich in der S-Bahn streitet. Er verpaßt ihr eine Ohrfeige, sie tritt ihm sein Gemächt zu Klump, zumindest dem Geräusch, den Verrenkungen und dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, die er daraufhin vollführt.

Der Karpate, derweil mit der Kleinen bei seinen Eltern weilend, eröffnet mir, die Nun-Großeltern würden sich wohl zukünftig nicht mehr ganz so aufdringlich und verzweifelt um das Baby bemühen — den Grund dafür hört neben mir auch die Frau, die in der S-Bahn neben mir steht: Irrsinnig lautes Brüllen schallt da aus dem Hintergrund, eine ähnliche Geräuschkulisse verdammte damals den Karpaten zu einem Dasein als Einzelkind. Ich kann nun meine kleine Rache planen, denn die ersten beiden Monate mit dem Baby waren schon einigermaßen anstregend, da sie sofort quengelte, sobald man sie mal ablegen wollte, um eine Kleinigkeit (sei es auch nur ein menschliches Bedürfnis) zu erledigen. Seinerzeit rümpften die Großeltern, bei denen die Kleine fieserweise immer sehr still war, nur die Nase und schrieben sich selbst die beruhigende Wirkung auf das Baby zu. “Was habt ihr denn, sie schreit doch gar nicht.” Wenn wir also das nächste Mal dort zu Besuch sind und die Kleine bei mir friedlich ist, kann ich mir eben diesen Satz wohl nicht verkneifen.

Beim Umsteigen in Ostkreuz ziehen zwei jugendliche Schwarze eine großartige Ghetto-Boiz-Homie-Noiz-Show ab. Sie checken gimme five yo yo, whassup, peace bro beinah anderthalb Minuten lang ihre hands up, lassen weiterhin die Hände ineinander verschwinden um dann gaaaanz unauffällig kleine Tütchen mit weißem Pulver auszutauschen. Yoho!

Oder, wie meine Mutti sagen würde: Da kack ich drauf! (I shit on it, für die anglophilen unter uns.)

Treptower Park schließlich steigt ein älterer Herr zu mir in die Bahn, setzt sich mir gegenüber, lächelt ein äußerst sympathisches Ältereherrenlächeln und beugt sich vor. Beugt sich weiter vor, streckt die rechte Hand aus, bewegt sie zu mir, weiter, weiter und greift — neben mein Knie. Dort bemerke ich jetzt erst eine Flasche, die das Objekt seiner taxieren Begierde sein muß, denn er faßt sie mit einem fröhlichen Blick, in dem die Zuversicht schnell erlischt, wobei er enttäuscht bemerkt: “Och, ist ja nur eine Sektflasche.” Und weiter: “Sie brauchen keine Angst zu haben, junges Fräulein, ich steige gleich wieder aus.” Ich habe keine Angst, denn so gar nichts Furchteinflößendes haftet ihm an, im Gegenteil ich griff nur zu meiner Tasche um die leere Wasserflasche herauszukramen. Ihm diese mit einem schüchternen Lächeln hinhaltend frage ich: “Können Sie die vielleicht gebrauchen?” Unerwartet lautet die Antwort nicht: “Ja, danke”, oder so ähnlich, nein, er nimmt mir die Flasche mit einem beinah traurigen Kopfschütteln ab und seufzt, als würde er mich nur zu gut kennen:

“Gehen Sie nicht so mit dem Geld um, junge Dame!”

Er erzählt, daß er Aktien hat und dennoch jeden Abend eine kleine Tour durch die Gegend macht um Pfandflaschen einzusammeln, “Sie glauben ja gar nicht, was dabei zusammenkommt. Ach, und jetzt habe ich nicht einmal ein Bonbon für Sie.”

Wenn er wüßte: Ich habe gestern knapp 35 Euro ausgegeben, da tut es eine 25-Cent-Pfandflasche auch nicht, aus meiner Sicht, aber diese Einstellung ist es wohl, die Menschen wie mich gleichzeitig arm aber glücklich macht.

Reich und glücklich gibt es aber auch, und selbst wenn ich das Angebot eines verhältnismäßig glücklichen, verhältnismäßig reichen Mannes, mir in Fällen und Zeiten der Not beizustehen, vielleicht nie werde annehmen müssen: Manchmal sind Angebote, Worte, Ratschläge, Ideen, die besten Geschenke, die man nur machen kann.

September 24, 2008 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. “Ach, und jetzt habe ich nicht einmal ein Bonbon für Sie.”
    *schmelz*

    Kommentar von miss sophie am 24. September 2008 um 17:28 | Link

  2. Und dass er Aktien hat, sollte Dich beruhigen? Das würde mich um sein finanzielles Schicksal nur noch mehr fürchten lassen.

    Kommentar von robert am 24. September 2008 um 18:19 | Link

  3. du solltest öfter s-bahn fahren! war sehr nett zu lesen :)

    Kommentar von dim am 25. September 2008 um 11:42 | Link

Rock my Boat!