Gremlins, pah,

ich habe ein Baby! Ein kleines, süßes, wunderbares Ding, das sich gremlinsartig in ein Monster verwandelt, sobald es nach Einbruch der Dämmerung gefüttert wird — oder auch nur nach einer Pause von 20 Minuten. Denn es ist nur ein halber Scherz, wenn ich das Stillen der Kleinen als “Fütterung des Raubtierchens” bezeichne: Wer einmal erlebt hat, wie dieses liebreizende, niedliche kleine Baby zu einem schnaufenden, um sich schlagenden und sich in die Brustwarze verbeißenden Bündel mutiert, hat jedenfalls ordentlichen Respekt vor all der Durchsetzungskraft und wütenden Vehemenz, die ein so winziges Menschlein entwickeln kann.

Es beginnt meist damit, daß die Süße Fingerchen und Fäustchen in ihre Schnute stopft, alles was geht und möglichst viel sabbern! Das Blubbern und Schmatzen geht dann langsam über in ein deutlich vernehmbares Quengeln, welches sich wiederum zu ohrenbetäubendem Geschrei steigern kann, wenn man nicht schnell genug zur Stelle ist. Schnell genug heißt in Babyzeit SOFORT! Das auch und gerade für liebende Mutterohren unerträgliche Gebrüll ist die Lebensversicherung der Halbmetermenschen, schließlich ist Schreien ihre einzige wirksame Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Und was würde man nicht alles tun, um es abzustellen … nein, durchatmen, nicht aus der Ruhe bringen lassen, behutsam das sich langsam in Rage hochschaukelnde Baby halten, wiegen, dicht am Ohr, Shuhuu-Klänge singen und die verdreckte Windel wechseln. Man will ja nicht dieses durchgemanschte Ärschlein in der Hand halten, Minute um Minute, bis zu eineinhalb Stunden lang am Abend. Wann sonst sollte man auch die Windel wechseln wenn nicht vor dem Füttern? Sicher, die sich lauthals Luft machende Ungeduld, hampelnde strampelnde Ärmchen und Beinchen, die nie und nimmer ohne Verluste in all den winzigen Arm- und Beinlöchern der ohnehin kleinen Klamöttchen stecken werden, jedes Mal diese kleinen Kämpfe, bis zu zehn Mal am Tag, ausgefochten unter Quengeln, Schreien und später gar Röcheln des geliebten kleinen Monsters, sicher, das braucht Kraft.

Derartig geschwächt vom Wickelkampf kann es mit dem nun sauberen Baby also in die nächste Runde gehen. Selbst wenn der Papa die Kleine windelt, findet sie zielsicher seine Brustwarzen, findet sie, findet sie und schnappt nach dem Shirt, beißt fast ins Hemd und man ist erleichtert, daß sie noch keine Zähnchen hat, noch. Unheildräuend ackert und fuchtelt sie, immer noch hungrig, fordernd, wütend, schnaubend und sich windend. Dann ein kurzes Aufmerken: Das muß Mutti sein, Milch, Milch, Milch! Aus ihren Augend funkelt es: “Ich kann es RIECHEN!” Und ja, kaum ist sie mir in den Arm gelegt, patscht der obere Arm auf meinem Brustbein herum, schlägt zu, verzweifelt, wütend, wie man eine Kesselpauke haut, krallt sich der untere Arm in meinen seitlichen Rücken, das hochgeschobene Shirt, kneift meinen Oberarm, während der Mund, der Schlund, nur noch eines sucht: MILCH! Einmal noch bäumt sich der kleine Körper auf, reißt sie den Kopf zurück, sieht mich an wie der Löwe das Lamm, wie die Schlange das Kaninchen, bevor er sich in mich verbeißt, der Mund, mit Schwung die Brustwarze findet und saugt, saugt, saugt. Egal wie sie jetzt liegt, egal wie verkrampft und unbequem, mit verbogenem Rücken und verknurkelten Händchen, die Welt ist nur noch so groß wie ein Nippel.

Ich, denn ich bin ja noch ich, in all dem Schnaufen der letzten Sekunden, in all der Verwunderung, die mich jedes Mal aufs Neue überfällt, wenn sich mein kleines Baby derart ausgehungert auf mich stürzt, ich, die ich zigmal so groß und kräftig wie dieses kleine Ding bin, werde gewahr, wie hilflos, wie überfallen ich all dies über mich habe ergehen lassen müssen. Und mit einer Mischung aus Liebe, Respekt und Schmerzen halte ich sie im Arm, lasse ihr ihren Willen, denn nichts anderes bleibt mir übrig und warte wie immer geduldig, bis sie sich sattgetrunken hat, bis ich leer bin, bis sie sich irgendwann löst. Dann lächelt sie mich an, völlig entspannt, die Arme schlaff, das Mündchen halb offen, glücklich glucksend, die Äuglein groß und glänzend, langsam sich schließend, vom Schlaf überfallen und der Anstrengung des Trinkens.

September 16, 2008 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. Manchmal darf man doch sicher auch einfach mal nur lächeln, anstatt zu kommentieren, oder?

    :)

    Kommentar von Saint am 16. September 2008 um 22:57 | Link

  2. ui, du hast gerade dafür gesorgt, dass ich die um mich herumarbeitenden leute mit einem lachanfall verunsichert habe. danke:-)

    das war toll! Mehr mehr mehr! Milchkontent! Sofort!;-)

    Kommentar von Ani*ka am 17. September 2008 um 18:22 | Link

  3. Als meist stille Leserin kann ich nur sagen: Ein wunderbarer Text.

    Kommentar von Puppe am 17. September 2008 um 23:23 | Link

  4. sehr schön, danke :-)

    Kommentar von Anna am 20. September 2008 um 15:16 | Link

  5. wirklich schön geschrieben, gerade bei den letzten zeilen fühlte ich sie, diese wohlige wärme, die sich dann in einem breit macht. ;-)

    Kommentar von Frau Kathy am 20. September 2008 um 21:35 | Link

  6. sehr schön, hab grad sehr gelacht, denn der papa der wickelt grad und ich muss mich mal SCHNELL auf die stillposition begeben - denn es wird in kürze hier sehr sehr laut und dann aber auch ganz schnell sehr sehr leise und ein seliges glucksen und schniefen erfüllt den raum.

    Kommentar von FRANZI am 04. Oktober 2008 um 19:52 | Link

Rock my Boat!