fragte ich sie einmal in einem E-Mail-Betreff. Beantworten kann ich die Frage selbst: Ja.
Eine Freundin von mir ist für ihr Studium nach Australien gegangen. Sie schreibt dort ihre Doktorarbeit und erhofft sich von dem Auslandsaufenthalt größere Karrierechancen in ihrem wohl gerade nicht allzu nachgefragten Fach.
Eine Freundin von mir.
Ich schreibe das so, denn das Prädikat “beste Freundin” zu vergeben ist schwierig. Lange Zeit war sie es wohl ohne es zu wissen. Wir haben uns seltener gesehen, als vielleicht nötig gewesen wäre, zu selten, wie ich erst im Nachhinein weiß. Ich hätte gern öfter etwas mit ihr gemacht als es sich letztlich ergeben hat, auch wenn wir zeitweise einmal in der Woche zum Seriengucken zusammengekommen sind. Aber egal, ob wir uns regelmäßig gesehen haben, sie war immer da.
Jetzt ist sie weg.
Es fällt mir schwer, das angesichts dieses Blogs, angesichts der vielen lieben Menschen, die ich vornehmlich “im Internet” kennengelernt habe, angesichts von modernen, billigen Kommunikationsmöglichkeiten wie Mail und Internettelefonie zu erklären, aber: Australien, für mindestens drei Jahre, das ist mir eine Nummer zu groß. Das ist einfach unvorstellbar weit weg. Und es tut weh.
Ich habe Freunde, die ich zum Beispiel über dieses Blog hier kennengelernt habe, die weit weg wohnen, am anderen Ende Deutschlands, in Polen, in Kanada, mit denen ich Kontakt halte obwohl ich sie selten einmal “in echt” treffen kann, aber das ist etwas anderes. Diese Menschen haben nicht sieben Jahre lang in der Schule schräg zwei Bankreihen vor mir gesessen, mit mir im Bastelkurs Blumentöpfe bemalt, die unsere Mütter wohl heute noch besitzen (bei meiner Mutti sind Margeriten darin gepflanzt), sich bei ihrem ersten Hardcore-Konzert mit mir gleich eine Gehirnerschütterung eingefangen oder besitzen die liebenswerteste Krakelhandschrift der Welt.
Sie war irgendwie immer in der Nähe, auch wenn wir beide zu wenig Zeit füreinander hatten, und jetzt, wo man immer noch miteinander telefonieren könnte, mailen könnte, merke ich, daß ich kaum etwas über sie weiß. Daß ich sie aber einfach wahnsinnig mag und am liebsten alles aufholen würde, was wir dämlicherweise solange versäumt haben, und daß das einfach nicht geht, eben weil sie in Scheißaustralien ist. Genausogut könnte sie auf dem Mond leben; ich möchte manchmal ins Kissen beißen vor Wut!
Sie telefoniert nicht allzugern, hat mich aber bereits einmal angerufen. Leider war schnell die Leitung tot, das ist wohl ein Problem in Australien. Gerade bei diesem Gespräch ist mir aufgefallen, wie sehr mir das persönliche Treffen mit ihr fehlt. Wir schreiben uns zwar ab und zu, aber natürlich ist das nicht das gleiche wie der wöchentliche Fernsehabend. Ich schreibe ihr nicht öfter, weil ich ihr eigentlich nicht schreiben will: Ich will sie sehen, wieder in einer Küche oder auf einem Sofa mit ihr sitzen und redenredenreden, ihr nach dem Treffen noch ins Treppenhaus hinterherwinken oder von ihr aus nach Hause laufen, durch den Regen, spätabends und doch immer seltsam beschwingt. Das geht nicht per Mail oder echtem Brief, es geht einfach nicht. Die vielen halbfertigen E-Mail-Entwürfe, die ich wieder gelöscht habe, zeigen mir, daß es nicht funktioniert.
Ich hoffe, sie versteht das, wenigstens ein bißchen.
Manchmal wünsche ich mich zurück in den Kindergarten, als man die Sara einfach in den Arm nehmen und sagen konnte: “Ich hab dich lieb, du bist meine beste Freundin, und ich will auch jeden Tag mit dir spielen.” Und die Sara hat dann gelacht und es genossen und zurückgesagt: “Au ja, find ich auch.” Dann haben beide gekichert und sind Hopse spielen gegangen. So einfach war das. (Sara war übrigens Lydias Freundin. Mein Freund war der Baum.)
Jedenfalls möchte ich den Fehler, jemanden den ich mag viel zu selten zu sehen, besonders bei einer Person nicht wieder begehen. Und auch wenn es sentimentalisch wird, ich sage ihr das auch ab und zu. Immer noch zu selten zwar, aber so sind wir Erwachsene eben. Richtig gute Freunde zu finden ist schwer, je älter wir werden umso schwieriger wird es, glaube ich, denn Mißtrauen und Müdigkeit wachsen, man wird wählerischer und eigenbrötlerischer, seltsamer vielleicht.
Nach Jahren oft zeigt sich erst, wie wichtig Freundschaften von “früher” sind, was es ausmacht, sich so lange zu kennen und vielleicht “trotzdem” noch befreundet zu sein. Mit manchen Menschen sammelt sich viel “trotzdem” an, bei den wenigsten wir daraus ein “gerade deswegen” und diese wiederum sind echte Freunde. Ich hoffe, daß Australien bei mir und meiner Freundin solch ein “trotzdem — gerade deswegen” wird, daß sie wiederkommt und wir dort anknüpfen, wo wir aufgehört haben.
ich drück die daumen!
Kommentar von tobi am 09. September 2008 um 11:42 | Link
Es ist manchmal erschreckend, wie schnell und wie sehr sich die Dinger verändern.
Kommentar von Lissy am 09. September 2008 um 16:30 | Link
:-)
Kommentar von sunny am 09. September 2008 um 16:41 | Link
:-)))
Kommentar von sunny am 09. September 2008 um 17:13 | Link
also wenn dein freund der baum war ist er tot (starb im frühen morgenrot). dann ist dieser eintrag noch tragischer als eh schon.
andernfalls solltest du deiner freundin den link zu deinem eintrag schicken, wenn sie ihn nicht eh schon gelesen hat. einfach so und ohne große worte.
sie wird verstehen!
Kommentar von maxi am 10. September 2008 um 11:51 | Link
ach ja, und wenns einer schön singt, dann der hubert
youtube.com/watch?v=TLQMM...
Kommentar von maxi am 10. September 2008 um 12:01 | Link
vielleicht geht es ihr in australien ähnlich wie dir. es fällt manchmal schwer zu kommunizieren, wie wichtig einem bestimmte menschen sind (vielleicht auch, weil man ihre anwesenheit als selbverständlich annimmt und erst wenn sie gehen bleibt eine lücke). aber ich glaube fest daran, dass besonders die alten freundschaften wirklich nicht einrosten.
sie wird sich sicher freuen, wenn sie wieder zurückkommt, weil sie - ebenso wie du wissen wird, was ihr gefehlt hat: küchen- und sofaquatschabende mit einer guten freundin!
Kommentar von augi am 11. September 2008 um 01:21 | Link
Australien ist eine halbe Welt entfernt aber manchmal reicht schon eine halbes Bundesland. Ich kenne dieses Gefühl selbst recht gut, selbstverständlich trifft man sich ein- zwei mal in der Woche, mal häufiger, mal viel seltener, trinkt Kaffee oder Bier und redet über gar nichts, reinem Blödsinn oder eben über Alles. Vertrautheit ist, glaub ich, das Stichwort, vieles muss man nicht mehr erklären, vielen anderen müsste man sich erst erklären und fühlt trotzdem kein Verständniss. Ich kann nur berichten das trotz zum Teil drei Jahre andauernder Abwesenheit (Ich war weg, war wieder da und bin immer wieder mal weg ;-) ) die Vertrautheit nach kurzem “neu-beschnuppern” wieder zu spüren ist, wir müssen nichtmals großartig darüber reden, ein Satz à la “ich freu mich” reicht völlig um alles auszudrücken was an “du hast mir gefehlt”-mäßigen in meinem und seinem Kopf und Herzen steckte - man versteht sich halt. In diesem Sinne wünsch ich dir ein baldiges Wiedersehen mit der Dame, Abstand schafft manchmal auch Nähe.
Kommentar von Seethingsong am 11. September 2008 um 09:32 | Link
Das ist wirklich traurig. Aber es ist meist so, dass man erst weiß, was man hatte, wenn man es verloren hat. Dabei habt ihr euch in dem Sinne nicht verloren. Vielleicht war es notwendig, damit Dir nun tatsächlich bewußt wird, was Du an ihr hattest, ihr wird es sicherlich ähnlich gehen.
Ich drücke euch die jedenfalls die Dauem, dass die Verzweiflung und der Verlust nicht so groß sind, dass alle Emotionen vergehen und ihr euch beim Wiedersehen in die Arme fallen könnt um zu sagen: “Ich hab dich lieb, du bist meine beste Freundin, und ich will auch jeden Tag mit dir spielen.”
Kommentar von Michael am 11. September 2008 um 09:34 | Link
Erinnert mich an die ganzen Bekanntschaften und Freunde, die ich in den letzten zwei Jahren “verloren” habe, weil ich entweder umgezogen oder eben nach Australien gegangen bin.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass mit den Menschen, die man kennt, auch ein bestimmter Kommunikationskanal gespeichert ist: Mit manchen mag man nur chatten, mit anderen Mails schreiben oder sich im Blog austauschen und wieder mit anderen nur live treffen. Bei manchen Leuten kann man mehreres von alledem, aber bei anderen geht immer nur eines, und für alle anderen Kommunikationswege sind sie nicht bereit… Schade, aber leider auch etwas, mit dem man leben muss…
Kommentar von Manniac am 13. September 2008 um 08:08 | Link
Ach, chatten, mailen, telefonieren geht schon auch, aber es ersetzt nicht einmal annähernd das Gefühl, sich gegenüber zu sitzen, Cappuccino zu schlürfen und zu reden.
Kommentar von Julie Paradise am 13. September 2008 um 08:17 | Link
Ich fühle mit Dir…meine Beste lebt nun bereits seit 2 Jahren viele tausend Kilometer entfernt und ich vermisse sie fürchterlich. Wie Du schreibst, sämtliche Kommunikationsmittel ersetzen nicht annährend das Gefühl, sich persönlich einfach jederzeit miteinander quatschen zu können.
Ich drück Dir die Daumen, dass ihr euch auch nach drei Jahren Australien noch so vertraut seid, wie davor. Es funktioniert ;o)
Kommentar von evolution am 17. September 2008 um 20:37 | Link