danke sagen, für die Riesenhilfe beim ersten Teil unseres Umzugs. 28 Pakete Laminat in den 5. Stock tragen. Und zwei Keller umziehen.
Da hat der Karpate Freunde, die er seit dem Kindergarten kennt, und wer ist plötzlich der einzige, der Zeit hat? Ein Freund “aus dem Internet”.
So ist das mit diesem Internet. Es wird von Menschen befüllt, die wohl nur ganz selten dem Klischee entsprechen, das viele im Kopf haben, wenn sie an “User” denken: Picklig, einsam, pervers, Pornopeter und Forumsusi. Tja …
Bei den Fünf FilmFreunden war diese Woche eine Menge los: Zuerst verabschiedete sich Dog Hollywood. Wie im Nachhinein aufgeklärt wurde, war dieser Abgang der einzig reale, die anderen, danach gestreuten Verabschiedungsgerüchte, Anspielungen und Anfeindungen waren ein mehr oder minder geschickt inszenierter Fake.
Mehr oder minder geschickt? Ich würde behaupten, daß das Ganze nicht sehr geschickt inszeniert wurde. Die Kommentare zu den Posts gingen von “Traurig, daß ihr aufhört” über “Hey, vertragt euch doch, wäre schade drum” zu “Alles doof hier, ich les euch sowieso nicht mehr” (… ?). Einige vermuteten recht schnell, daß es sich um eine geplante Aktion gehandelt haben könnte und fanden es unterhaltsam. Im oben verlinkten Auflösungstext der Aktion wird eine Facette des Ganzen aufgegriffen, die mich das alles nicht unbedingt vergnügt betrachten läßt: Wie man denn hätte glauben können, es wäre real gewesen, wo doch alles viel zu überzogen, primitiv und menschlich armselig im Umgang gewesen wäre.
Ich habe schon Sachen erlebt, mit diesem Internet, die waren ähnlich abstrus, unglaublich und traurig, und hätte ich nicht bereits am Dienstag gewußt, daß es nur ein “Spaß” ist, ich hätte es für möglich gehalten, daß alles echt sein könnte.
Man kann mit Worten Menschen verletzen, mit Anspielungen, mit Blogveröffentlichungen, mit hin- und hergeschickten Mails, genau so, wie es jetzt bei den Filmfreunden war. Die Absurdität des Ganzen, die kleinen Bosheiten hier und da, die gibt es auch woanders, und je krasser und blöder es für den Unbeteiligten aussehen mag, umso schlimmer ist es für diejenigen, um die es geht.
Man darf nicht alles ernst nehmen, was einem im Leben (und im Internet) begegnet, nachzufragen kann nie schaden, aber den Rahmen dessen, was doch, ob man es glaubt oder nicht, möglich ist, sollte man ebenfalls nie unterschätzen.
Kann ja nicht so kompliziert sein, das Thema, denkt man.
Denkt man aber nur solange, wie man kein Baby zur Hand hat, um sich vom Gegenteil zu überzeugen.
Allen werdenden Eltern sei dringend empfohlen, sich, sollen Wegwerfwindeln verwendet werden, an die Gelbe Serie “New Baby” von P*mp*rs zu halten. ES FOLGT EINE KURZE PRODUKTBESCHREIBUNG:
Die Gelbe Serie “New Baby” verfügt über elastische Hüftbündchen. Beim Schließen der Windel läuft man also weder Gefahr, das Bäuchlein zu sehr einzuengen, noch ist der Abstand zwischen Körper und Windel so groß, daß Flüssiges einfach herauslaufen kann und weniger Flüssiges sich langsam aus der Windel schiebt.
Der Abstand zwischen Körper und Windel am Po allerdings kann gar nicht groß genug sein. Um dies zu erreichen, verfügt das Produkt erstens über ein Vlies, welches sich über der eigentlich feuchtigkeitsabsorbierenden Schicht befindet, die sich übrigens als überaus saugkräftig erwiesen hat. Zweitens schließen sich die Beinbündchen nicht direkt an diese Saugschicht an, sondern sind noch einmal abgetrennt durch eine Art Gummiwand. Diese bewirkt eben, daß die sehr elastischen Beinbündchen als letzte von drei Barrieren ein Überlaufen verhindern und die nach Gebrauch vollgesogene Windel nicht direkt am Po anliegt, also nur minimale Reizung erzeugen kann (Windeldermatitis).
Das Versprechen auf der Packung lautet: Besonders geeignet zur Aufnahme weichem Stuhl und viel Urin.
Die auf der Verpackung angepriesenen Vorteile erweisen sich allesamt als äußerst hilfreich im Kampf gegen herausquellende Kacke. Wirklich!
Es gibt dieses Produkt in den drei Größen 1 (Newborn) — 2-5 kg, 2 — 3-6 kg und 3 — 4-7 kg.
Wenn ein Baby unterwegs ist, weiß man ja nie so genau, wann es denn endlich das Licht der Welt erblickt. Sobald es aber da ist, will man vorbereitet sein und nicht etwa erst am Entlassungstag aus dem Kranken- oder Geburtshaus den nötigen Klein- und Wickelkram besorgen. Also deckt man sich mit allem ein, das man für nötig hält und bekommt wohl auch das eine oder andere Windelpaket geschenkt, worüber man sich artig freut. Genauso haben wir uns auch verhalten, aber ach, wir hatten ja keine Ahnung. Wir haben dem Rat der Hebamme folgend eine Packung gelbe Newborn-Windeln gekauft, danach wegen einer Werbeaktion gelbe 2er-Windeln und nachdem diese jetzt alle waren, ärgern wir uns täglich über die grüne Serie der Firma P*mp*rs. Laut Internetseite ist diese Serie offenbar gar nicht mehr im Programm, egal, wir haben dennoch irgendwann zu Anfang dieses Jahres drei Pakete ohne “extra Schlaflage” (wie es jetzt heißt) gekauft. Tja, und seit drei Tagen gehen jeden Tag mindestens zwei Bodies der Kleinen in die Wäsche, obwohl die Windeln maximal zwei Stunden getragen sind. Geiz laß nach, in zwei Tagen ist das angebrochene Paket alle und wir verwenden wieder die gelbe Serie, obwohl wir noch drei 64-Stück-Pakete der Windel Wirkungslos haben, die nicht mehr lange passen werden.
Warum ich das so ausführlich schreibe? — Schadenfreude!
Wir kennen da jemanden, den wir nicht besonders mögen und dessen Freundin, die wir ebenfalls nicht besonders mögen, in einem Monat ihr Baby erwartet. Jetzt ratet mal, was wir denen schenken? Genau, die Scheißwindeln, die man sich genausogut sparen könnte, weil sowieso alles rausquillt und -sickert.
Wenn Mutti unterwegs ist, also ich, dann meist mit dem Baby, das vorn auf den Bauch geschnallt getragen wird.
Wenn ich abends unterwegs bin, immerhin auch schon wieder ein halbes Dutzend mal, seit die Kleine auf der Welt ist, dann scheint es mir neuerdings, als hätte sich die Stadt für mich all das aufgehoben, was ich an Aufregung verpaßt haben könnte. Was da alles passieren kann, auf so einem Dreiviertelstundenheimweg von Mitte nach Schöneweide:
Ein Pärchen, das sich in der S-Bahn streitet. Er verpaßt ihr eine Ohrfeige, sie tritt ihm sein Gemächt zu Klump, zumindest dem Geräusch, den Verrenkungen und dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, die er daraufhin vollführt.
Der Karpate, derweil mit der Kleinen bei seinen Eltern weilend, eröffnet mir, die Nun-Großeltern würden sich wohl zukünftig nicht mehr ganz so aufdringlich und verzweifelt um das Baby bemühen — den Grund dafür hört neben mir auch die Frau, die in der S-Bahn neben mir steht: Irrsinnig lautes Brüllen schallt da aus dem Hintergrund, eine ähnliche Geräuschkulisse verdammte damals den Karpaten zu einem Dasein als Einzelkind. Ich kann nun meine kleine Rache planen, denn die ersten beiden Monate mit dem Baby waren schon einigermaßen anstregend, da sie sofort quengelte, sobald man sie mal ablegen wollte, um eine Kleinigkeit (sei es auch nur ein menschliches Bedürfnis) zu erledigen. Seinerzeit rümpften die Großeltern, bei denen die Kleine fieserweise immer sehr still war, nur die Nase und schrieben sich selbst die beruhigende Wirkung auf das Baby zu. “Was habt ihr denn, sie schreit doch gar nicht.” Wenn wir also das nächste Mal dort zu Besuch sind und die Kleine bei mir friedlich ist, kann ich mir eben diesen Satz wohl nicht verkneifen.
Beim Umsteigen in Ostkreuz ziehen zwei jugendliche Schwarze eine großartige Ghetto-Boiz-Homie-Noiz-Show ab. Sie checken gimme five yo yo, whassup, peace bro beinah anderthalb Minuten lang ihre hands up, lassen weiterhin die Hände ineinander verschwinden um dann gaaaanz unauffällig kleine Tütchen mit weißem Pulver auszutauschen. Yoho!
Oder, wie meine Mutti sagen würde: Da kack ich drauf! (I shit on it, für die anglophilen unter uns.)
Treptower Park schließlich steigt ein älterer Herr zu mir in die Bahn, setzt sich mir gegenüber, lächelt ein äußerst sympathisches Ältereherrenlächeln und beugt sich vor. Beugt sich weiter vor, streckt die rechte Hand aus, bewegt sie zu mir, weiter, weiter und greift — neben mein Knie. Dort bemerke ich jetzt erst eine Flasche, die das Objekt seiner taxieren Begierde sein muß, denn er faßt sie mit einem fröhlichen Blick, in dem die Zuversicht schnell erlischt, wobei er enttäuscht bemerkt: “Och, ist ja nur eine Sektflasche.” Und weiter: “Sie brauchen keine Angst zu haben, junges Fräulein, ich steige gleich wieder aus.” Ich habe keine Angst, denn so gar nichts Furchteinflößendes haftet ihm an, im Gegenteil ich griff nur zu meiner Tasche um die leere Wasserflasche herauszukramen. Ihm diese mit einem schüchternen Lächeln hinhaltend frage ich: “Können Sie die vielleicht gebrauchen?” Unerwartet lautet die Antwort nicht: “Ja, danke”, oder so ähnlich, nein, er nimmt mir die Flasche mit einem beinah traurigen Kopfschütteln ab und seufzt, als würde er mich nur zu gut kennen:
“Gehen Sie nicht so mit dem Geld um, junge Dame!”
Er erzählt, daß er Aktien hat und dennoch jeden Abend eine kleine Tour durch die Gegend macht um Pfandflaschen einzusammeln, “Sie glauben ja gar nicht, was dabei zusammenkommt. Ach, und jetzt habe ich nicht einmal ein Bonbon für Sie.”
Wenn er wüßte: Ich habe gestern knapp 35 Euro ausgegeben, da tut es eine 25-Cent-Pfandflasche auch nicht, aus meiner Sicht, aber diese Einstellung ist es wohl, die Menschen wie mich gleichzeitig arm aber glücklich macht.
Reich und glücklich gibt es aber auch, und selbst wenn ich das Angebot eines verhältnismäßig glücklichen, verhältnismäßig reichen Mannes, mir in Fällen und Zeiten der Not beizustehen, vielleicht nie werde annehmen müssen: Manchmal sind Angebote, Worte, Ratschläge, Ideen, die besten Geschenke, die man nur machen kann.
ich habe ein Baby! Ein kleines, süßes, wunderbares Ding, das sich gremlinsartig in ein Monster verwandelt, sobald es nach Einbruch der Dämmerung gefüttert wird — oder auch nur nach einer Pause von 20 Minuten. Denn es ist nur ein halber Scherz, wenn ich das Stillen der Kleinen als “Fütterung des Raubtierchens” bezeichne: Wer einmal erlebt hat, wie dieses liebreizende, niedliche kleine Baby zu einem schnaufenden, um sich schlagenden und sich in die Brustwarze verbeißenden Bündel mutiert, hat jedenfalls ordentlichen Respekt vor all der Durchsetzungskraft und wütenden Vehemenz, die ein so winziges Menschlein entwickeln kann.
Es beginnt meist damit, daß die Süße Fingerchen und Fäustchen in ihre Schnute stopft, alles was geht und möglichst viel sabbern! Das Blubbern und Schmatzen geht dann langsam über in ein deutlich vernehmbares Quengeln, welches sich wiederum zu ohrenbetäubendem Geschrei steigern kann, wenn man nicht schnell genug zur Stelle ist. Schnell genug heißt in Babyzeit SOFORT! Das auch und gerade für liebende Mutterohren unerträgliche Gebrüll ist die Lebensversicherung der Halbmetermenschen, schließlich ist Schreien ihre einzige wirksame Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Und was würde man nicht alles tun, um es abzustellen … nein, durchatmen, nicht aus der Ruhe bringen lassen, behutsam das sich langsam in Rage hochschaukelnde Baby halten, wiegen, dicht am Ohr, Shuhuu-Klänge singen und die verdreckte Windel wechseln. Man will ja nicht dieses durchgemanschte Ärschlein in der Hand halten, Minute um Minute, bis zu eineinhalb Stunden lang am Abend. Wann sonst sollte man auch die Windel wechseln wenn nicht vor dem Füttern? Sicher, die sich lauthals Luft machende Ungeduld, hampelnde strampelnde Ärmchen und Beinchen, die nie und nimmer ohne Verluste in all den winzigen Arm- und Beinlöchern der ohnehin kleinen Klamöttchen stecken werden, jedes Mal diese kleinen Kämpfe, bis zu zehn Mal am Tag, ausgefochten unter Quengeln, Schreien und später gar Röcheln des geliebten kleinen Monsters, sicher, das braucht Kraft.
Derartig geschwächt vom Wickelkampf kann es mit dem nun sauberen Baby also in die nächste Runde gehen. Selbst wenn der Papa die Kleine windelt, findet sie zielsicher seine Brustwarzen, findet sie, findet sie und schnappt nach dem Shirt, beißt fast ins Hemd und man ist erleichtert, daß sie noch keine Zähnchen hat, noch. Unheildräuend ackert und fuchtelt sie, immer noch hungrig, fordernd, wütend, schnaubend und sich windend. Dann ein kurzes Aufmerken: Das muß Mutti sein, Milch, Milch, Milch! Aus ihren Augend funkelt es: “Ich kann es RIECHEN!” Und ja, kaum ist sie mir in den Arm gelegt, patscht der obere Arm auf meinem Brustbein herum, schlägt zu, verzweifelt, wütend, wie man eine Kesselpauke haut, krallt sich der untere Arm in meinen seitlichen Rücken, das hochgeschobene Shirt, kneift meinen Oberarm, während der Mund, der Schlund, nur noch eines sucht: MILCH! Einmal noch bäumt sich der kleine Körper auf, reißt sie den Kopf zurück, sieht mich an wie der Löwe das Lamm, wie die Schlange das Kaninchen, bevor er sich in mich verbeißt, der Mund, mit Schwung die Brustwarze findet und saugt, saugt, saugt. Egal wie sie jetzt liegt, egal wie verkrampft und unbequem, mit verbogenem Rücken und verknurkelten Händchen, die Welt ist nur noch so groß wie ein Nippel.
Ich, denn ich bin ja noch ich, in all dem Schnaufen der letzten Sekunden, in all der Verwunderung, die mich jedes Mal aufs Neue überfällt, wenn sich mein kleines Baby derart ausgehungert auf mich stürzt, ich, die ich zigmal so groß und kräftig wie dieses kleine Ding bin, werde gewahr, wie hilflos, wie überfallen ich all dies über mich habe ergehen lassen müssen. Und mit einer Mischung aus Liebe, Respekt und Schmerzen halte ich sie im Arm, lasse ihr ihren Willen, denn nichts anderes bleibt mir übrig und warte wie immer geduldig, bis sie sich sattgetrunken hat, bis ich leer bin, bis sie sich irgendwann löst. Dann lächelt sie mich an, völlig entspannt, die Arme schlaff, das Mündchen halb offen, glücklich glucksend, die Äuglein groß und glänzend, langsam sich schließend, vom Schlaf überfallen und der Anstrengung des Trinkens.
Satz des Abends von Herm: “Boah, da ging gerade eine Tür auf und heraus kamen lauter alte Leute.”
Und ja, ich war bisher auf keiner Party, bei der ich mit meinen 28 Jahren den Altersschnitt so signifikant hätte senken können. Da hat der Heilige also nicht wirklich etwas verpaßt — außer uns natürlich!
fragte ich sie einmal in einem E-Mail-Betreff. Beantworten kann ich die Frage selbst: Ja.
Eine Freundin von mir ist für ihr Studium nach Australien gegangen. Sie schreibt dort ihre Doktorarbeit und erhofft sich von dem Auslandsaufenthalt größere Karrierechancen in ihrem wohl gerade nicht allzu nachgefragten Fach.
Eine Freundin von mir.
Ich schreibe das so, denn das Prädikat “beste Freundin” zu vergeben ist schwierig. Lange Zeit war sie es wohl ohne es zu wissen. Wir haben uns seltener gesehen, als vielleicht nötig gewesen wäre, zu selten, wie ich erst im Nachhinein weiß. Ich hätte gern öfter etwas mit ihr gemacht als es sich letztlich ergeben hat, auch wenn wir zeitweise einmal in der Woche zum Seriengucken zusammengekommen sind. Aber egal, ob wir uns regelmäßig gesehen haben, sie war immer da.
Jetzt ist sie weg.
Es fällt mir schwer, das angesichts dieses Blogs, angesichts der vielen lieben Menschen, die ich vornehmlich “im Internet” kennengelernt habe, angesichts von modernen, billigen Kommunikationsmöglichkeiten wie Mail und Internettelefonie zu erklären, aber: Australien, für mindestens drei Jahre, das ist mir eine Nummer zu groß. Das ist einfach unvorstellbar weit weg. Und es tut weh.
Ich habe Freunde, die ich zum Beispiel über dieses Blog hier kennengelernt habe, die weit weg wohnen, am anderen Ende Deutschlands, in Polen, in Kanada, mit denen ich Kontakt halte obwohl ich sie selten einmal “in echt” treffen kann, aber das ist etwas anderes. Diese Menschen haben nicht sieben Jahre lang in der Schule schräg zwei Bankreihen vor mir gesessen, mit mir im Bastelkurs Blumentöpfe bemalt, die unsere Mütter wohl heute noch besitzen (bei meiner Mutti sind Margeriten darin gepflanzt), sich bei ihrem ersten Hardcore-Konzert mit mir gleich eine Gehirnerschütterung eingefangen oder besitzen die liebenswerteste Krakelhandschrift der Welt.
Sie war irgendwie immer in der Nähe, auch wenn wir beide zu wenig Zeit füreinander hatten, und jetzt, wo man immer noch miteinander telefonieren könnte, mailen könnte, merke ich, daß ich kaum etwas über sie weiß. Daß ich sie aber einfach wahnsinnig mag und am liebsten alles aufholen würde, was wir dämlicherweise solange versäumt haben, und daß das einfach nicht geht, eben weil sie in Scheißaustralien ist. Genausogut könnte sie auf dem Mond leben; ich möchte manchmal ins Kissen beißen vor Wut!
Sie telefoniert nicht allzugern, hat mich aber bereits einmal angerufen. Leider war schnell die Leitung tot, das ist wohl ein Problem in Australien. Gerade bei diesem Gespräch ist mir aufgefallen, wie sehr mir das persönliche Treffen mit ihr fehlt. Wir schreiben uns zwar ab und zu, aber natürlich ist das nicht das gleiche wie der wöchentliche Fernsehabend. Ich schreibe ihr nicht öfter, weil ich ihr eigentlich nicht schreiben will: Ich will sie sehen, wieder in einer Küche oder auf einem Sofa mit ihr sitzen und redenredenreden, ihr nach dem Treffen noch ins Treppenhaus hinterherwinken oder von ihr aus nach Hause laufen, durch den Regen, spätabends und doch immer seltsam beschwingt. Das geht nicht per Mail oder echtem Brief, es geht einfach nicht. Die vielen halbfertigen E-Mail-Entwürfe, die ich wieder gelöscht habe, zeigen mir, daß es nicht funktioniert.
Ich hoffe, sie versteht das, wenigstens ein bißchen.
Manchmal wünsche ich mich zurück in den Kindergarten, als man die Sara einfach in den Arm nehmen und sagen konnte: “Ich hab dich lieb, du bist meine beste Freundin, und ich will auch jeden Tag mit dir spielen.” Und die Sara hat dann gelacht und es genossen und zurückgesagt: “Au ja, find ich auch.” Dann haben beide gekichert und sind Hopse spielen gegangen. So einfach war das. (Sara war übrigens Lydias Freundin. Mein Freund war der Baum.)
Jedenfalls möchte ich den Fehler, jemanden den ich mag viel zu selten zu sehen, besonders bei einer Person nicht wieder begehen. Und auch wenn es sentimentalisch wird, ich sage ihr das auch ab und zu. Immer noch zu selten zwar, aber so sind wir Erwachsene eben. Richtig gute Freunde zu finden ist schwer, je älter wir werden umso schwieriger wird es, glaube ich, denn Mißtrauen und Müdigkeit wachsen, man wird wählerischer und eigenbrötlerischer, seltsamer vielleicht.
Nach Jahren oft zeigt sich erst, wie wichtig Freundschaften von “früher” sind, was es ausmacht, sich so lange zu kennen und vielleicht “trotzdem” noch befreundet zu sein. Mit manchen Menschen sammelt sich viel “trotzdem” an, bei den wenigsten wir daraus ein “gerade deswegen” und diese wiederum sind echte Freunde. Ich hoffe, daß Australien bei mir und meiner Freundin solch ein “trotzdem — gerade deswegen” wird, daß sie wiederkommt und wir dort anknüpfen, wo wir aufgehört haben.
Auch dieses Jahr hat das Älterwerden wieder sehr viel Spaß gemacht. Die letzten Aufmerksamkeiten trudelten heute, vier Tage nach meinem Geburtstag, ein. Wer so reich beschenkt wird, kann sich glücklich schätzen. Genau das tue ich, und sage denen vielen lieben Dank, die an mich gedacht haben!
Man beachte die Schokoladenverpackung mit der Aufschrift “Julie Paradise rocks the Choc”: