Ihr bloggt so schön

Ich komm ja zu nichts mehr.

Zum Lesen schon noch, immerhin, aber zum Ausformulieren der Gedanken reicht es nicht mehr. Neben dem Hobby Zeichnen und einer ganz in Ruhe genossenen Mahlzeit am Tag bleibt abends, wenn die Kleine endlich im Bettchen liegt, keine Zeit mehr. Mein Problem ist: Ich kann nicht etwas nebenher erledigen und gleichzeitig auf Abruf bereit stehen, dabei fehlt mir die Ruhe, mich auf die eine Sache, die ich gerade tue zu konzentrieren. Es könnte ja jederzeit der Ruf erschallen, und was, wenn gerade jetzt …? Das führt dazu, daß ich Dinge ganz verschiebe oder schnell schnell erledige, um ja nicht unterbrochen zu werden.

Schnell schnell kann man aber keine Texte schreiben, zumindest ich kann das nicht. Schnell schnell nebenher kann man übrigens auch keine Freundschaften am Laufen halten, aber das ist ein anderes Thema.

Und so lese ich eure schönen, interessanten, anregenden Texte, denke mir meinen Teil, kommentiere auch hin und wieder und bin ansonsten verstummt, obwohl ich doch auch soviel zu erzählen hätte.

Soviele seltsame Dinge erlebt man, wenn man mit einem Baby in der Stadt unterwegs ist. Da war zum Beispiel die Frau in der S-Bahn, die auf meine an Leia gerichtete Erklärung, warum denn die Bahn nicht weiterfährt, erstaunt bemerkte: “Sie sprechen mit dem Baby ja ganz so, als wäre es ein richtiger Mensch!”

Da sind die Leute, die gerührt in den Kinderwagen schauen und sagen: “Sie sieht ja aus wie eine Puppe.” Der andere, ebenso häufige Kommentar, das Baby sähe aus “wie ein kleiner Engel”, fühlt sich ebenso falsch an, ist insgesamt aber hübscher. Babypuppen sehen aus wie Babies, warum also soll ein Baby nun aussehen wie eine Babypuppe? Was soll das?

Mit Baby erlebt man auch, wie mächtig Klischees sind.

Der Karpate arbeitet eigentlich offiziell 30 Stunden in der Woche, aufgrund von Filialeröffnungen, urlaubenden Kollegen und Krankheitsfällen in der Firma sind es momentan aber statt dreier Tage eher sechs in der Woche, die er tagsüber nicht daheim ist, und das bereits seit fünf Wochen. Und so kommt es, daß unser Kind, ohnehin sehr mit mir verbunden, ihn kaum mehr als jemand besonderen wahrnimmt, denn selbst meine Mutter ist öfter mit ihr zusammen. Und ich, mich alleingelassen fühlend, bin entweder krank oder shoppen. Ich gebe unser Geld aus, das doch eher seines ist, denn ich verdiene ja jetzt nichts mehr. Verdienen, doppeldeutig, ihr versteht?

Irgendetwas gibt es immer zu besorgen und seine zahllose Verwandtschaft sorgt für beinah wöchentliche Geburtstagsgeschenknot, so daß ich loslaufen muß, denn “Du hast doch jetzt Zeit für sowas”. Also verbrate ich all meine prima Geschenkideen, die ohnehin dünn gesät sind, für seine Verwandten, die sich bei ihm überschwänglich für die schönen Gaben bedanken, während ich, weil es zu spät zum Mitkommen war oder ich mal wieder krank bin, daheim bleibe und vor mich hin grummle. So ein Baby macht eine Menge Arbeit und selbst im Sessel sitzen und stillen ist anstrengend. Und schön. Aber anstrengend ist es eben trotzdem. Weil die Mischung so seltsam ist:

Man ist beinah den ganzen Tag beschäftigt mit dem kleinen Wunder, aber auf eine bestimmte Art und Weise langweilt man sich doch. Die ganzen kleinen, vielleicht banalen, Entscheidungen und Unsicherheiten (Was soll sie anziehen? Zu warm oder zu kalt? Muß sie wegen des Ausschlags nun wieder zum Arzt? Ist das jetzt normal? Was, wenn ich sie überfordere / unterfordere? Mache ich auch alles richtig?) beanspruchen all meine Gedanken und Gefühle, ich für mich aber bin ziemlich abgemeldet, mein eigenes Gedanken- und Gefühlsleben liegt brach oder verpufft, weil ich zum Beispiel beim Stillen gute Ideen für Texte hätte, diese aber einhändig nur notdürftig notieren kann. Schlafe ich dann genau wie die Kleine ein, weiß ich hinterher nicht mehr, was ich eigentlich wollte. Stilldemenz, es gibt sie wirklich.

Alles ist so neu und toll und schrecklich und seltsam und schön und ganz wunderbar und ermüdend und großartig und das leider alles gleichzeitig und somit zuviel. Zuviel, um öfter als alle paar Tage einmal eine Kleinigkeit zu tippen.

Das Bloggen, habe ich für mich gelernt, braucht Freiraum, Freizeit, lange Weile, Ruhe. Unter Druck, wenn ich müde bin, wenn etwas anderes drängt, schließe ich mich ein um die letzten Kräfte zu sparen, um für mich zu sein. Dann werde ich maulfaul, tippfaul, mag gar nichts mehr sagen und bin froh, wenn ich überhaupt noch anderen zuhören kann, daß andere sprechen, wo ich zu matt bin zum reden, daß andere schreiben, wo ich kaum noch einen klaren Gedanken fassen kann zwischen Gequengel, Wäschebergen und Schlafmangel.

Ihr bloggt so schön. Bald bin ich auch wieder dabei, bis dahin aber müssen Bilder reichen, wenn für Worte keine Zeit mehr ist:

papaleaswcsm.jpg

Gute Nacht!

August 30, 2008 | In Mennofaktur, Soso | | TrackBack-URL

  1. 04.09.2008 - links for 2008-09-04 | Endl.de | Zielpublikum Weblog
  1. bestes bild der welt!

    Kommentar von Michael am 31. August 2008 um 00:58 | Link

  2. Keine Sorge: “wir” (also ich; für wen schreibe ich sonst) warten einfach, weil wir wissen, woran’s liegt. Und was jetzt einfach wichtiger ist, weil’s sein muss und darf.

    Knuddel das Wunder, grüß den Karpaten - und fühlt euch ruhig alle virtuell umarmt. :)

    Kommentar von diaet am 31. August 2008 um 01:00 | Link

  3. Du bloggst doch auch immer noch schön, wenn auch seltener. So echt, so ehrlich, so menschlich eben. Und allzu lange dauert es ja auch nicht mehr, bis Du einen Rythmus mit dem “echten Menschen” gefunden hast. Dan passt das auch wieder. Optimal ist es natürlich, wenn man ein relativ geringes Schlafbedürfnis, weil nachts ist das hier alles eh am schönsten.

    Zeiträume verlieren an Bedeutung wenn man erst mal ein Baby hat. Und was sind schon zwei Wochen, zwei Monate, zwei Jahre, die man erleben kann, die man geben kann. Ich dachte vor fast 10 Jahren das erste Mal, ich sei zu jung für sowas - heute denke ich: shice, die Große zieht bald aus, braucht mich nicht mehr, geht ihren eigenen Weg, ohne mich, ohne uns.

    Und was sind dagegen schon Blogs? Überbewertet. Sagte ich ja schon immer. ;)

    Kommentar von Saint am 31. August 2008 um 01:17 | Link

  4. Hach. Dankeschön!

    Kommentar von Julie Paradise am 31. August 2008 um 12:30 | Link

  5. So ein wunderschönes Bild.
    (Hübschen Mann haben Sie da. Wissen Sie ja.)

    Kommentar von jette am 31. August 2008 um 23:30 | Link

  6. Ich weiß. Er auch.

    Kommentar von Julie Paradise am 01. September 2008 um 11:24 | Link

  7. Auch wenns bei mir nicht mit Nachwuchs zu tun hat kann ich doch sehr gut nachvollziehen, wie wichtig Zeit geworden ist - vor allem die, die man nicht hat. Mein digitales Zuhause platzt vor Ideen, allein die Zeit dafür fehlt mir im Moment komplett, und larifari hinrotzen will ichs dann eigentlich auch nicht, dafür sind mir die Themen dahinter doch zu wichtig.

    Also bloß kein Stress, gut Ding will schließlich Weile haben. In der Zwischenzeit suche ich dann mal alle Bildchen vom Karpaten auf dem Blog hier zusammen und mach mir einen Starschnitt :-)

    Kommentar von Jeriko am 01. September 2008 um 15:09 | Link

  8. Huch, hat es einer gemerkt ;-)

    Kommentar von Julie Paradise am 01. September 2008 um 22:06 | Link

  9. … du! bloggst so schön …

    Kommentar von Alexander am 04. September 2008 um 08:45 | Link

Rock my Boat!