Geringschätzung

“Ach, dann bist Du ja jetzt Hausfrau! Viel Zeit, nicht wahr?”

Wenn die wüßten … Ja, ich bin jetzt Hausfrau, ohne “quasi”, Studentin im Babyurlaub. Urlaub, wie das schon klingt!

Ich ertappe mich dabei, wie ich das, was ich tue, selbst herabwürdige, abwerte, lächerlich mache. Ganz so, als wäre ich nicht vierundzwanzig Stunden am Tag damit beschäftigt, einem kleinen Wesen den bestmöglichen Start ins Leben zu ermöglichen. Ernsthaft, die Geringschätzung, die ich für mich selbst hege, erschreckt mich:

Hausfrau und Mutter, was ist das schon? Das sind die Weiber, die zu faul zum Arbeiten sind.

Ich weiß, es ist nicht wahr, aber manchmal, oft, ertappe ich mich noch dabei, mir und anderen bei solchen Äußerungen insgeheim zuzustimmen. Obwohl es nicht zurtifft. Vielleicht ja auch, weil es nicht stimmt? Wie glaubhaft klingt es denn für jemanden, der vielleicht noch nicht einmal seinen eigenen Haushalt zu schmeißen hat, daß man den ganzen langen Tag damit beschäftigt sein kann, ein Baby zu stillen, zwei Ladungen Wäsche zu erledigen und mit vier Kannen den Balkon zu gießen? Mutti sein ist ein Knochenjob und neben den Kreislaufproblemen, die ich seit längerem kenne, macht sich jetzt das Familienerbstück bemerktbar — Rheuma. “So hat das bei mir auch angefangen”, sagt meine Mutti, wenn ich manchmal meine Zehen und Finger schmerzverzerrt strecke und krümme. Aber weg von der Rentnerbeschäftigung zurück zum Klischee der faulen Daheimgebliebenen.

Man kann sich das Leben mit einem Säugling sehr einfach machen: “Klappe zu, Affe tot.” Oder zumindest still, wenn das Baby mit dem Schnuller ruhiggestellt wird und “einfach schreien lassen” Teil des täglichen Umgangs mit dem kleinen Würmchen ist. Oder man füttert nach Bedarf, geht davon aus, daß jedes Schreien dieses Wunders einen Grund hat und gibt ihm, wenn man auch nicht immer sofort hinzueilt, doch die Sicherheit, daß man da ist. Wer wollte mir nicht schon alles einreden, daß ich mein Kind verwöhne, wenn ich ihm zum Trinken die Zeit gebe, die es braucht, wenn ich kuschle und halte und wiege, bis es ruhig ist, wenn ich immer da bin!? Was anderes als verwöhnen kann man denn tun mit seinem Baby? Und wie könnte man ein Kind mit Liebe überhaupt verwöhnen? Es gibt kein Zuviel an Zuwendung, solange man sich auch zurückzunehmen weiß und nicht erdrückt!

Innerhalb weniger Wochen ist die Kleine jetzt immerhin vom schnell brüllenden Winzling zu einem meist zufrieden glucksenden Mädchen geworden, das jedes Lächeln beantwortet, äußerst wach seine Umgebung und sich selbst erkundet und sich länger auf etwas konzentrieren kann als damals mein zwölfjähriges Nachhilfegör. Dies erreicht zu haben ist eine Mischung aus ihrer Veranlagung, Glück und meiner Erziehung bisher, meinem Verhalten. Ich habe also bereits die ersten Früchte meiner Bemühungen der letzten zehn Wochen mit ihr vor Augen und dennoch habe ich abends oft das Gefühl, ich hätte nichts zustande gebracht, nichts geleistet, nichts geschafft. Und dann trifft sich die Familie des Karpaten zu einer Familienfeier und der Tenor dort, zumindest der anwesenden Männer, ist ebenfalls: “Nur”. Ich bin für sie lediglich ein einziges großes “Nur”. Früher war ich manchmal ein “Sogar”, jetzt bin ich ein Mängelwesen. Man kommt in unsere Wohnung und bemerkt, was ich alles nicht geschafft habe, das Staubwischen hier und das Putzen dort, was ich alles schaffe, sieht niemand, fast niemand, der Karpate weiß aber –.

Und Geduld, durchwachte Nächte, Zärtlichkeit, Sorgfalt, ausgestandene Ängste und zurückgestellte eigene Bedürfnisse, die kann man nicht sehen. “Aufopferung” mag sehr peinlich nach Eigenlob klingen, aber es kommt dem, was ich Tag für Tag für die Kleine tue, sehr nahe. Ich bin für sie da, immer wenn sie ruft. Ich verzichte auf vieles, was ich gern esse und tue, weil sie es nicht verträgt und es jetzt eben nicht geht, und ich stehe morgens um fünf mit einem Lächeln an ihrem Bettchen, und ich stehe gern dort, denn sie lächelt zurück.

Und muß mir doch öfter vergegenwärtigen, daß all dies Arbeit ist. Mühe. All meine Kraft und Gedanken sind bei diesem kleinen Ding, das für mich jetzt wichtiger ist als eine abgearbeitete Literaturliste, als der Staub auf dem Regal und allem “was sollen denn die Leute denken”, wichtiger auch als die Mißachtung der Ahnungs- und Lieblosen.

August 18, 2008 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. “Lass die Leute reden”, entspann Dich und lehn Dich zurück. Mach es so, wie es Dir gut tut, und dem Kleinen, die man im ersten Jahr gar nicht verwöhnen kann. ;)

    Sag ich jetzt mal, der entwicklungspsychologisch nicht ganz unbelichtet sein dürfte. Auch wenn der Staub noch liegt, die zweite Wäscheladung nicht fertig ist: Leck Arsch, wen stört das schon?

    Kommentar von Saint am 19. August 2008 um 00:11 | Link

  2. Ist es nicht auch ein Zeichen, dass Du es Dir immer wieder selbst vergegenwärtigen musst, dass es “eigentlich” Arbeit ist? Ich verstehe die Leute nicht, die sich dafür zu rechtfertigen versuchen, dass Mutter (oder eben: Eltern) sein “ja auch Arbeit bedeutet”.

    Ich finde, ein kleines Bündel, dass zu 100% aus Wunder besteht wie Deine kleine Leia und jedes andere Kind auf der Welt hat es einfach nciht verdient mit so etwas Schnödem wie dem Verkauf der Arbeitskraft verglichen zu werden. Sicher ist es anstrengend, aber es ist keine Arbeit - es ist viel mehr als das.

    Ich würde einfach allen, die da böswillig behaupten, Du hättest jetzt ja soviel Zeit keinerlei Beachtung schenken und die Zeit, die Du eigentlich in die Diskussion mit diesen Menschen investieren würdest, lieber in das Bestaunen, Verwöhnen, Kontakt-halten und Streicheln von Leia investieren. Denn da ist sie wirklich gut aufgehoben. Sag einfach “Nein, Urlaub hab ich nicht - dafür etwas viel Schöneres.” und lass sie stehen.

    Und jetz geh und gib Ihr einen Kuss :)

    Kommentar von robert am 19. August 2008 um 01:21 | Link

  3. klingt in meinen augen alles richtig, was du machst. wieso sich andere darüber auslassen, ist mir unverständlich. meine cousinen haben ihre babypausen immer mit einer selbstverständlichkeit genossen und durchlebt. ist halt ein mordsjob, so oder so.

    rheuma. ahjeh. bei schmerzen in den händen kann ich dir abwaschen empfehlen (kein scherz!!!!) - da die hände im warmen wasser bewegt werden. und bewegung ist dann alles.

    Kommentar von sunny am 19. August 2008 um 13:35 | Link

  4. Nicht stressen lassen und nicht selbst stressen. Du hast da einen kleinen Engel um den Du dich kümmerst und das ist wichtiger als Staub wischen und viel wichtiger als alles, was die anderen über Dich denken können.

    Und immer wenn Dir einer versucht einzureden, dass Du ein “Nur” bist, denk an das glückliche Lachen Deiner kleinen Leia und ich bin mir sicher, dass das alles überstrahlt.

    Saint hat schon ganz richtig geschrieben “Lass die Leute reden…”

    Kommentar von Parkster am 19. August 2008 um 14:54 | Link

  5. Nur manchmal, ganz selten, wenn sie nachts um drei brüllt wie am Spieß, wünsche ich mir still und heimlich ein kühles, leises Büro und Aufstehen um sechs. (Um sechs! Das wäre Luxus!)

    Kommentar von Julie Paradise am 19. August 2008 um 15:08 | Link

Rock my Boat!