Der Untergang des Abendlandes

“Niemals aufgeben!” hatte er angesichts meines Babybauches gesagt, doch es sah nicht gut aus. Im Gegenteil: Schlecht war es bestellt um das Abendland und das Morgenland, überhaupt um alle Traumländer und Zeiten, die vordem so kostbar waren und vollständig mir gehörten.

Das Morgenland verhieß mir die Weite des ganzen Tages, Sonnenaufgang und Tau auf der Wiese, Fotoausflüge in den Wald oder paradiesische Ruhe bis an seine Grenzen, Frühstück bis zu Beginn des Nachmittags oder vermalte Stunden ganz allein. Das Morgenland gehörte mir nicht mehr und schien nun dem Untergang geweiht.

Die Zwischenzeit, die Zeit, deren Stunden verrinnen innerhalb weniger Augenblicke, die so undankbar flieht und dann hämisch lacht, daß sie entkommen, die Zwischenzeit also war bedroht.

Und dann erst das Abendland, der Teil des Tages, an dem ich am meisten mir selbst gehöre. Alle Notwendigkeiten und Ansprüche des Tages sind irgendwann hinter mir, und wer würde es wagen, mich zwei Stunden vor Mitternacht zu belästigen? Das Abendland hatte weite Grenzen, beinah unendlich schien es. Es reichte bis zum Horizont der Dämmerung und weiter, so weit die Augen blicken können, bis daß der Schlaf uns schied.

Leia kam, ein kleines Wesen und vertrieb mich für Wochen aus diesen Ländern. Gern ließ ich es geschehen, doch ein wenig Wehmut, ich gestehe, spürte ich doch. Ein Leben als Einarmige, gekettet manchmal an ein kleines Wesen, das stets Nähe sucht und Hunger und Bauchschmerzen verspürt, — nur ich kann ihre Leiden mindern, meistens jedenfalls.

Wo war es also, das Abendland? Das Morgenland, der Tag, wo waren sie?

Zusammengeschmolzen auf Viertelstunden, in der größten Ausdehnung, Viertelstunden der Ruhe und Muße vielleicht, aber ach! die Wäsche wartete oder durstige Balkonblumen, aber …

Aber ich gab nicht auf.

Und nun ist es wieder da, das Abendland. Prinzessin Leia geruht zu schlafen, sobald die Dämmerung einsetzt, und erwacht aus ihrem Schlummer erst, wenn die Sonne wiederkehrt. Die Kleine zeigt dann ihr schönstes Gesicht, lächelt und schäkert und kuschelt. Auch das Morgenland gehört mir wieder, teilweise, denn Leia schmiegt ihren kleinen Körper an mich, zwar nicht schlafend, aber zufrieden, daß meine Arme sie umfangen, bis die Uhr die siebte oder achte Stunde zeigt. Und die Zwischenzeit? Die Zwischenzeit gehört uns beiden, wir sind Herrscherinnen über Stunden um Stunden, die Zeit ist nur zu unserem Gefallen da, und wir nutzen jede Minute so, wie wir es gerade wollen. Kaum einmal ein Zwang, der uns quält, kaum Verpflichtungen, kaum mehr Hetze und Eile und Frust. Wir wollen kuscheln? Wir kuscheln. Leia hat Durst? Wir löschen ihn, egal, ob in zwanzig Minuten oder in einhundert.

Die Zeit gehört uns, und wir gehören niemandem.

August 1, 2008 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. oh was für ein schöner text!
    weiterhin alles gute für euch

    Kommentar von Jonas am 01. August 2008 um 21:29 | Link

  2. dankesehr!

    Kommentar von Julie Paradise am 02. August 2008 um 06:30 | Link

  3. das königliche leben der zwei prinzessinnen. toll :-) und schön zu lesen.

    Kommentar von Ani*ka am 02. August 2008 um 19:45 | Link

  4. Die Geschichte eignet sich wunderbar zum Vorlesen und erzeugt dabei viel Fantasie. Wer möchte nicht gerne auch Prinzessin Leia treffen? Wie öde ist dagegen doch Fernsehen. Also verkauft ruhig euren neuen Flatscreen TV und schreibt eigene Geschichten.

    Kommentar von Casamoo am 03. August 2008 um 18:27 | Link

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