Wer weiß was

Dick sein ist mit das schlimmste, was ich mir vorstellen kann. Für mich, wohlgemerkt.

Der Körper anderer ist mir relativ schnuppe, das tut mir nicht weh, aber mich selbst hasse ich für jedes Kilo über 45 potenziert und exponentiell (in Mathe war ich schon immer eine Niete, aber Potenzen konnten was, daran erinnere ich mich). Ich habe viel zu hassen.

Nach einem unschönen Erlebnis im Zusammenhang mit meinem Gewicht im Alter von 13 Jahren mache ich Diäten oder das, was ich dafür halte, immer wieder mal, erfolglos. Ich bin weder besonders dick noch besonders dünn, objektiv gesehen, aber irgendwann verschiebt sich eben die Wahrnehmung des eigenen Körpers, wenn er ständig überkritisch betrachtet wird. Ungesund ist sowohl die tiefgehende, nichtsdestoweniger oberflächliche Reduktion des Wunders Körper auf das Schlanksein, als auch die Verflechtung von Wohlgefühl und ebenjener unerreichbaren Marke, an der man endlich dünn genug wäre. Einst habe ich für kurze Zeit einmal 47kg gewogen und mich selbst da noch zu dick gefühlt, geradezu angeekelt von der für mich kaum zu ertragenden “Leibesfülle”. Jemand hat mal gesagt: “Eine Frau kann niemals zu dünn oder zu reich sein”, und selbst wenn der Verstand es besser weiß (und “ja, aber” schreit), mindestens im Hinterkopf stimme ich doch zu.

Zum Zwecke der Gewichtsreduktion gibt es verschiedene Möglichkeiten, alle mehr oder weniger ungesund, mehr oder weniger elegant. Freß- und Kotzattacken gehören wohl zu den weniger eleganten Maßnahmen.

Man will ja nicht dick werden, aber sich ständig etwas zu versagen führt irgendwann dazu, daß jegliche Beherrschung des Appetits flöten geht und die Nutellastulle unausweichlich wird. Wäre es eine einzige, gäbe es kein Problem. Werden es fünf, sechs, sieben, neun, wenn man schon einmal dabei ist, dann erfüllt sich das Gefühl, platzen zu müssen, welches nach der ersten Stulle, dem ersten Bissen schon, einsetzte. Der Gedanke, etwas “Verbotenes” zu essen, bereits beim Essen zuzunehmen, ist nach dieser Logik am Anfang so groß wie nach dem Verschlingen wahrer Nahrungsmittelberge, und wie dumm wäre es da, wenn man dem nicht abhelfen könnte. Kann man ja. Ganz einfach. Kotzi.

Damit kenne ich mich aus, so wie sich Quartalssäufer ganz kühl in ihrem Suff auskennen, und ebenso erlebe ich diese Krankheit, denn um nichts weniger handelt es sich, in Schüben. Je belasteter ich mich fühle, umso schlimmer wird es. Niemand muß etwas davon sehen, denn anders als Magersüchtige sind Bulimiker meist nicht einmal besonders dünn. Man könnte ja etwas mitbekommen, bemerken, daß da etwas entgleist ist, außer Kontrolle. Kontrolle, die man sich wiederholt, über einen Körpervorgang, der unausweichlich scheint und doch so leicht auszuhebeln ist. Wenn ich schon meinen Appetit nicht zügeln kann, dann muß ich zumindest die Verdauung nicht geschehen lassen — weil ich es kann. Wenn ich es will.

“Wenn ich es will kann ich jederzeit aufhören.”

Ob es Alkohol ist, Drogen oder der Wahn, in einem anderen Körper als dem eigentlichen zu stecken, sobald dieser Satz zum Mantra wird, hat man eigentlich schon verloren.

Und ich bin ja nicht allein.

Das merke ich an einem anderen Blog, das ich führe. Es gibt nämlich einige kleine Tricks, mit denen man diese ganze beschissene Sache etwas weniger schädlich machen kann, und eben diese teile ich dort mit, als alte Häsin quasi, und ich bin dabei immer wieder über meine Kaltschnäuzigkeit erstaunt. Wie Junkies tauschen wir uns aus, und für manche mag durch meine Tipps auch die Hemmschwelle sinken, ich weiß es nicht.

Vielleicht hätten wir alle irgendwann einfach nur feste in den Arm genommen werden müssen, vielleicht vielleicht. Gut ist das jedenfalls nicht, aber wir können ja jederzeit aufhören.

Julie 25, 2008 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. hmpf - im gegensatz zu jeder anderen droge kann man vom LEBENSMITTEL essen aber nicht die finger komplett lassen, und dort das vermeintlich “gesunde maß” zu finden stellt sich als umso schwerer heraus. teufel, was für ein kreislauf!

    Kommentar von augi am 25. Julie 2008 um 00:47 | Link

  2. Jeder fühlt sich in dem Körper unwohl, den er eben zur Verfügung hat, manche mehr, manche weniger. Helfen kann man da wenig, weil man ja nicht drinsteckt, aber…

    Aber ich würde mir nie die Lust am Genuss von meiner Krankheit nehmen lassen. Dazu emfpinde ich meine Krankheit (jeder hat eine Krankheit in irgendeinem Sinn) als viel zu minderwertig um meine Lust an Genuss zu mindern, es ist schließlich eine fucking Krankheit und die Lust an Geschmack, an Genuss, lasse ich mir davon nicht nehmen. Ist natürlich einfach gesagt, wenn die eigene Krankheit den Genuß nicht betrifft.

    Ich glaube tatsächlich ganz konkret, ein Kochkurs oder das bewusste Auseinandersetzen mit der Zubereitung von Speisen kann da helfen, was schon wieder ätzend spießig kling. Ist aber so. Wir müssen mal zusammen Spaghetti kochen, klingt banal, aber eine echte, selbstgemachte Bolognese-Sauce mit Möhren und Knobi, da geht nix drüber. Und danach reden wir eine ganze Weile.

    Das ist Genuß, gefolgt vom „Terminator“. Aber darüber reden wir eh nochmal.

    Kommentar von René am 25. Julie 2008 um 00:57 | Link

  3. hm.

    Kommentar von anne am 25. Julie 2008 um 09:42 | Link

  4. …weder besonders dick noch besonders dünn …..das ist doch genau richtig!!!

    Kommentar von ghettokid am 25. Julie 2008 um 21:38 | Link

  5. Sensibles Thema … viele Gedanken dazu.

    Aber in Kurzform, sie sprechen mir aus der Seele, liebe Fr. Paradise.
    Vielleicht hört es eines Tages ganz auf, ich weiß es nicht … schwer und dann doch leicht, so weiter zu machen.

    Kommentar von Conni am 25. Julie 2008 um 23:36 | Link

  6. @ René: Es soll auch Menschen geben die sich in ihrem Körper überhaupt nicht unwohl fühlen, auch wenn er nicht dem (ob nun persönlichen oder mehrheitlichen) Schönheitsideal entspricht.

    Kommentar von HR am 26. Julie 2008 um 10:08 | Link

  7. @HR: “[...] manche mehr, manche weniger.”

    Kommentar von Bene am 26. Julie 2008 um 13:19 | Link

  8. Ob nun mehr oder weniger, beides ist dennoch mehr als überhaupt nichts - jedenfalls meinem Sprachverständnis nach.
    Und René schrieb “Jeder…”. Und das ist falsch. Vielleicht hat er es anders gemeint, wie oft bei Verallgemeinerungen, aber ich nehme mir einfach das Recht heraus das richtigzustellen.

    Mein Beitrag ist vielleicht Wortklauberei, aber es hat mich gestört Renés Post unkommentiert stehen zu lassen…

    Kommentar von HR am 26. Julie 2008 um 16:18 | Link

Rock my Boat!