Immer diese Dinge, die einem auf der Seele liegen und doch nicht ausgesprochen werden.
Normalerweise sagt man die wichtigen Dinge ja so, daß sie einer Freundin passiert sind, einer Bekannten eines Kumpels, jemandem, der immer nur ein “jemand” sein und bleiben kann. Klar, wir alle haben dann immer plötzlich ganz viele Bekannte.
Ich bleibe da lieber ich. Halte meine Klappe oder sag einfach, was los war. Nur eben nicht am Stück, auf einmal, sondern nach und nach.
– “Ich also habe mir einmal wehtun wollen.”
Pause. Sehen, ob ich weiter gehen kann.
– “Siehst du das Kreuz auf meinem Arm?”
Reaktion? Nachfrage, wie denn …?
– “Jaja, mit Rasierklingen.”
Schluck.
– “Hat gar nicht wehgetan.”
Ich kann den Stolz darüber, daß ich soviel abkann ebensowenig verhehlen wie mein Gegenüber sein Entsetzen, egal, wer es ist.
Die Logik dahinter, sich ein schniekes Kreuz (es sollte, ganz morbide, ein Grabkreuz werden) in den Arm zu schnitzen, war ja, daß, wenn mir schon jemand anders wehtun muß und ich mich nicht wehren und diesen Vorgang nicht zu verarbeiten vermag, ich ihn wenigstens überbieten kann. Irgendwie. Anstatt also denjenigen zu bestrafen / bestrafen zu lassen, der mich verletzt, verletze ich mich selbst, um wenigstens in diesem Punkt das letzte Wort oder jene Macht zu haben, die mir vorher verwehrt geblieben war. Das mag jetzt nach pubertärer Logik klingen und Einweisung, aber manchmal … braucht man sowas. Nicht jeder-man, aber ich. Irgendwann wird man feige, geht von den offensichtlichen Schnitten und Narben, von denen ich ja nun genügend habe um auch so schon aufzufallen, über auf subtilere Methoden. Angewandte Feigheit ist das, das Fach, in dem ich Klassenbeste bin. Krass sein müssen, aber bitte nicht zu feste. Aus dem Rahmen fallen ohne allzu sehr aufzufallen. Ich will ja keinen Ärger machen. Immer schön funktionieren und nebenher ab und an etwas austicken, aber nur ein bißchen.
“Eine Bekannte von mir hat einmal …” so etwas ist zwecklos, wenn dir jemand an den Armen ansieht, daß du eine gehörige Klatsche hast.
Wenn man das so sieht dann haben eine ganze Menge Leute eine gehörige Klatsche… Es gibt mehr Leute die sich ritzen/geritzt haben als man allgemeiin vermuten würde. Habe ich mal durchaus nicht mit Erleichterung feststellrn müssen.
Dadurch wird das als Strategiezur Verarbeitung anderer Probleme nicht weniger fragwürdig, aber es scheint eine naheliegende “Lösung” zu sein.
Ich vermute dass sich Mädchen/Frauen eher ritzen während die männlichen Pedants ihre Gewalt nach außen richten (so viel Erfahrung habe ich damit dank “normaler” Lebensumstände dann auch wieder nicht), aber auch in diesem Bereich dürfte sich das geschlechtsspezifische Verhalten weiter angleichen.
Dieses immer schön Funktionieren müssen der kapitalistisierten Gesellschaft ist da meines Erachtens nach eher Mitursache denn Grund sich nicht selbst zu verletzen.
Kommentar von HR am 15. Julie 2008 um 11:09 | Link
P.S.: Herzlichen Glückwunsch zum Diplom ;-)
Kommentar von HR am 15. Julie 2008 um 11:10 | Link
Danke!
PS: Ich glaub, ich bin ein Emo.
Kommentar von Julie Paradise am 15. Julie 2008 um 12:05 | Link
Ich würde HR in jedem Fall recht geben. Zumindest bei mir geht das in Aggression nach außen über. Aber hey, keine Angst! Nur gegen Türen und so. Und danach tut einem die Hand weh…
Kommentar von nilsn am 16. Julie 2008 um 17:47 | Link