Ich habe Zeit.

Sogar sehr viel Zeit. Denn ich stille mein Baby, und das tut man nicht nebenher. Wenn wir so miteinander sitzen, wir zwei, dann sind Fernseher und Musik aus, dann ist mir das Telefon egal, dann wird außer mit der Kleinen kaum geredet nebenher, meist bin ich ja sowieso allein zuhause und daher habe ich Zeit.

Zeit, mich zu erinnern und dabei hoffend in die Zukunft zu träumen.

Wird mein Kind je solche Erinnerungen haben wie ich? Den Zauber stiller Sommertage spüren, an denen morgens, lange vor dem Frühstück noch, der Tau auf der Wiese vor dem Haus glitzert, die kleinen Storchenblümchen ihre Blüten noch nicht geöffnet haben und Kühle durch den Wald huscht? Sommertage, die ganz allein verbracht wie im Traum verrinnen, ewig dauernd und im Nu vorbei? Mittags bin ich früher an solchen Tagen nur heimgekommen, um mir eine Teewurststulle zu holen und Pfefferminztee einzupacken, mit meiner kleinen Umschnallflasche kam ich mir dann wie eine Entdeckerin vor, die die Tiefen der Wuhlheide ganz allein erkundet, denn niemand, niemand war mutig genug, mit mir zu kommen.

(Das ist nicht wahr, aber meine beste Freundin, Nadine, hatte ein verkrüppeltes Bein, das deutlich kürzer war als das andere, daher mochte Nadine nie mit mir in den Wald ziehen. Ich mochte dafür nie mit ihr oben in der Wohnung ihrer Eltern spielen, weil es dort gestunken hat und die Mutter oft betrunken war und der Vater hat ihr Ohrfeigen verpaßt und mir auch einmal und ich hatte Angst dort — ein Gefühl, das ich von zuhause nicht kannte.)

Wird mein Kind den Zauber der Morgenkühle und das Drücken der Luft vor dem Abendgewitter und das Seufzen, das in dem Wort Schwalbe liegt und die Süße der Fliederblüten liebenlernen? Und im Regen hinauslaufen und sich im Kreis drehen, bis es lachend auf den Boden plumpst? Und wird es mir dann abends beim Baden erzählen, was es erlebt und gesehen, gelernt und geträumt hat? Und wird es wie ich hereinfallen auf die Geschichte mit dem bösen Männchen, das im Ausguß der Badewanne sitzt und die bösen Kinder schrubbt, bis ihnen die Haut wund ist? Und was wird es mir alles nicht erzählen?

Und was alles werde ich falsch machen? Im falschen Moment laut und böse werden, ungerecht und achtlos? Gleichgültig, grob, genervt und müde werde ich sein, oft und vielleicht einmal zu oft, wer weiß, wie zart sein kleiner Wille ist. Wie viele Male werde ich den Zauber einer Geschichte zerstören, weil ich nicht zuhöre, werde eine kleine Hoffnung platzen lassen und schrecklich gemein sein und etwas tun und mich im gleichen Moment selbst dafür hassen ohne aufhören zu können damit.

Und wie oft wird es Angst haben, unnötige Angst, weil ich doch da bin und helfen könnte, aber es will es allein lösen, das Problem, weil Mutti gesagt hat: “Du bist doch schon ein großes Mädchen!” Und schafft es nicht …

Und wird es auch Monster sehen, den gestiefelten Kater zum Beispiel, der hinter dem Ofen hervortritt, mit wippendem Federbusch am Hut und sich auch von Mutti, die im Türrahmen steht nicht vertreiben läßt? Oder den alten Peter, der Sigi kneift, so komisch, daß sie weint und ganz seltsam ist für den Rest des Tages. Und danach nie mehr mit zur Tante kommt. Peter, der mir selbst plötzlich Beachtung und Schokolade schenkt, aber vor dem ich übermütig weglaufe, denn er riecht schlecht und auch lachend flüchte, denn er wird immer so lustigpoltrig, wenn ich wieder weg und schneller bin. Bis er mich eines Tages beim Fangen doch erwischt und hart zulangt daß mir der Kopf wehtut und ich verdattert merke, daß es nie ein Spiel war, und ich weine und weine bis zum Abend, bis wir wieder heimfahren. Noch oft werde ich danach überrascht, wenn mir jemand etwas Böses tut, denn selten hatte ich es demjenigen zugetraut und es manchem so zu leicht gemacht. Spricht man über so etwas mit seinem Kind, um es zu schützen?

Wie wird es so stark, daß es auch seine Alpträume als Teil seiner Phantasie zu schätzen lernt, wenn sie schon nicht ungeschehen zu machen sind, den dunklen Teil, der den hellen umso schöner strahlen läßt? Woher kommt Vertrauen? Lernt es das jetzt schon, wenn es in seinem Bettchen wimmert, probeweise, um zu sehen ob jemand kommt? Ob es meine Stimme hört?

Es hört sie immer, meine Stimme, und es wird ruhig, wenn ich Blödsinn brubbel oder was mir gerade einfällt, Laute und Lieder und Gedichte und Geschichten, die ich mir ausdenke, wenn ich ihren Durst lösche und Zeit habe, sechs-, siebenmal am Tag für ungefähr vierzig Minuten, die wir auf unserem Sessel sind, zu zweit.

Juni 20, 2008 | In Soso | | TrackBack-URL

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  1. … einfach mal kurz lächeln können. Und zwar nicht von oben runter.

    Wunderschön. Und so echt.

    Kommentar von Saint am 21. Juni 2008 um 01:15 | Link

  2. ich muss es noch einmal sagen:

    die texte muss man ausdrucken und aufheben. du nimmst einem tatsächlich die angst selber einmal kinder zu bekommen.

    Kommentar von silka am 21. Juni 2008 um 10:31 | Link

  3. Ich habe gerade Gänsehaut pur, sehr schön geschrieben und eins machst du jetzt schon, was für dein Kind sehr gut ist, du stillst es und nimmst dir dafür auch die Zeit. Alle gute

    Kommentar von WagnerO. am 21. Juni 2008 um 14:55 | Link

  4. .

    Kommentar von bastiH am 23. Juni 2008 um 13:04 | Link

  5. Mit dem Stillen hatte ich es nicht so, was auch daran liegen mag, dass mir die Natur da ein wenig in die Quere kommt. Vertrauen ist am Anfang und immer zuerst Nähe. Da sein. Der Rest kommt schon von selbst.

    Das schwierigste am Elternsein ist für mich, die Kinder auch mal (sehend) auf die Schnauze fallen zu lassen. Ihnen die Gelegenheit geben, eigene Fehler und Versäumnisse zu machen. Das Selbstvertrauen scheinen sie aber eingebaut zu haben (die Kleine, 17 Monate) oder mühsam erwerben zu müssen (die Große, 9 Jahre).

    Kommentar von Kai am 23. Juni 2008 um 14:50 | Link

Rock my Boat!