Markus ist aber nicht dabei nachher.
– Markus?
Der Mann von Elke.
– Ach so, der heißt für mich irgendwie immer Christoph.
So wie der Mann von Tina bei Dir nicht Silvio heißt, sondern …
– Ingo. Ich nenn den Ingo.
Der kommt übrigens auch nicht.
– Also kommen Christoph und Ingo nicht mit?
Genau.
Manchmal frage ich mich, wieso er mich nicht wirklich erstickte, unbemerkt. Schade, denke ich dann leise, insgeheim. Aber das sind kindische Gedanken, nichts anderes als der Wunsch, alle damit zu bestrafen wegzurennen. Als ob das jemanden interessiert.
Welchen Account lösche ich jetzt?
Daß das alles schon wieder so lange her ist …
Ich esse Schokolade mit Rosenblättern (rote Rosen). Der Tag könnte schöner nicht sein.
48 Minuten.
[...]
[...]
[...]
Mein Baby hat kräftige Lungen.
Sogar sehr viel Zeit. Denn ich stille mein Baby, und das tut man nicht nebenher. Wenn wir so miteinander sitzen, wir zwei, dann sind Fernseher und Musik aus, dann ist mir das Telefon egal, dann wird außer mit der Kleinen kaum geredet nebenher, meist bin ich ja sowieso allein zuhause und daher habe ich Zeit.
Zeit, mich zu erinnern und dabei hoffend in die Zukunft zu träumen.
Wird mein Kind je solche Erinnerungen haben wie ich? Den Zauber stiller Sommertage spüren, an denen morgens, lange vor dem Frühstück noch, der Tau auf der Wiese vor dem Haus glitzert, die kleinen Storchenblümchen ihre Blüten noch nicht geöffnet haben und Kühle durch den Wald huscht? Sommertage, die ganz allein verbracht wie im Traum verrinnen, ewig dauernd und im Nu vorbei? Mittags bin ich früher an solchen Tagen nur heimgekommen, um mir eine Teewurststulle zu holen und Pfefferminztee einzupacken, mit meiner kleinen Umschnallflasche kam ich mir dann wie eine Entdeckerin vor, die die Tiefen der Wuhlheide ganz allein erkundet, denn niemand, niemand war mutig genug, mit mir zu kommen.
(Das ist nicht wahr, aber meine beste Freundin, Nadine, hatte ein verkrüppeltes Bein, das deutlich kürzer war als das andere, daher mochte Nadine nie mit mir in den Wald ziehen. Ich mochte dafür nie mit ihr oben in der Wohnung ihrer Eltern spielen, weil es dort gestunken hat und die Mutter oft betrunken war und der Vater hat ihr Ohrfeigen verpaßt und mir auch einmal und ich hatte Angst dort — ein Gefühl, das ich von zuhause nicht kannte.)
Wird mein Kind den Zauber der Morgenkühle und das Drücken der Luft vor dem Abendgewitter und das Seufzen, das in dem Wort Schwalbe liegt und die Süße der Fliederblüten liebenlernen? Und im Regen hinauslaufen und sich im Kreis drehen, bis es lachend auf den Boden plumpst? Und wird es mir dann abends beim Baden erzählen, was es erlebt und gesehen, gelernt und geträumt hat? Und wird es wie ich hereinfallen auf die Geschichte mit dem bösen Männchen, das im Ausguß der Badewanne sitzt und die bösen Kinder schrubbt, bis ihnen die Haut wund ist? Und was wird es mir alles nicht erzählen?
Und was alles werde ich falsch machen? Im falschen Moment laut und böse werden, ungerecht und achtlos? Gleichgültig, grob, genervt und müde werde ich sein, oft und vielleicht einmal zu oft, wer weiß, wie zart sein kleiner Wille ist. Wie viele Male werde ich den Zauber einer Geschichte zerstören, weil ich nicht zuhöre, werde eine kleine Hoffnung platzen lassen und schrecklich gemein sein und etwas tun und mich im gleichen Moment selbst dafür hassen ohne aufhören zu können damit.
Und wie oft wird es Angst haben, unnötige Angst, weil ich doch da bin und helfen könnte, aber es will es allein lösen, das Problem, weil Mutti gesagt hat: “Du bist doch schon ein großes Mädchen!” Und schafft es nicht …
Und wird es auch Monster sehen, den gestiefelten Kater zum Beispiel, der hinter dem Ofen hervortritt, mit wippendem Federbusch am Hut und sich auch von Mutti, die im Türrahmen steht nicht vertreiben läßt? Oder den alten Peter, der Sigi kneift, so komisch, daß sie weint und ganz seltsam ist für den Rest des Tages. Und danach nie mehr mit zur Tante kommt. Peter, der mir selbst plötzlich Beachtung und Schokolade schenkt, aber vor dem ich übermütig weglaufe, denn er riecht schlecht und auch lachend flüchte, denn er wird immer so lustigpoltrig, wenn ich wieder weg und schneller bin. Bis er mich eines Tages beim Fangen doch erwischt und hart zulangt daß mir der Kopf wehtut und ich verdattert merke, daß es nie ein Spiel war, und ich weine und weine bis zum Abend, bis wir wieder heimfahren. Noch oft werde ich danach überrascht, wenn mir jemand etwas Böses tut, denn selten hatte ich es demjenigen zugetraut und es manchem so zu leicht gemacht. Spricht man über so etwas mit seinem Kind, um es zu schützen?
Wie wird es so stark, daß es auch seine Alpträume als Teil seiner Phantasie zu schätzen lernt, wenn sie schon nicht ungeschehen zu machen sind, den dunklen Teil, der den hellen umso schöner strahlen läßt? Woher kommt Vertrauen? Lernt es das jetzt schon, wenn es in seinem Bettchen wimmert, probeweise, um zu sehen ob jemand kommt? Ob es meine Stimme hört?
Es hört sie immer, meine Stimme, und es wird ruhig, wenn ich Blödsinn brubbel oder was mir gerade einfällt, Laute und Lieder und Gedichte und Geschichten, die ich mir ausdenke, wenn ich ihren Durst lösche und Zeit habe, sechs-, siebenmal am Tag für ungefähr vierzig Minuten, die wir auf unserem Sessel sind, zu zweit.
Der Karpate ist ein Mann, mein Mann, um genau zu sein, und wie jeder Mann guckt er gern.
Das Prinzip beim Gucken ist ja für Männer das gleiche wie für Frauen: Es ist egal, was man daheim bereits hat (Jeans, Schuhe, Ehepartner), gucken kostet nix, und überhaupt. Der einzige Unterschied zwischen dem Männer- und dem Frauengucken: Frauen wollen die Schuhe im Schaufenster haben, egal, ob sie zurückgucken (wofür frau, so sie es denn tun sollen, die Schuhe, zurückgucken, eine ordentliche Nase voll genommen haben muß), während Männer sich gern gebauchpinselt fühlen von der Reaktion des auserwählten Guckobjekts (weiblich, jung, möglichst figurbetont bekleidet usw.).
Nun gibt es Männer und Männer. Die eine Sorte wird sich immer lächerlich machen in ihrer Jagd nach neuem Fleisch, wird auch den allergrößten Schmerbauch versuchen einzuziehen und wenn gar nichts mehr geht, zückt diese Sorte Mann den Geldbeutel. Gibt es kein Geld zum Anlocken oder ist das Milieu ein anderes, versäuft man das Geld in der schmierigen Eckkneipe und schimpft auf die dicke Olle zuhause, Dafür muß man, ich habe es erlebt und kaum glauben können, noch nicht einmal 30 Jahre alt sein, man kann Leben, Frau und Kind schon mit 24 hassen. Abwärtsspirale.
Und dann gibt es die zweite Sorte, die zupackend ist und ihr Leben so nimmt, wie es ist, weil es ist, wie geplant, also gut und passend. Diese Sorte Mann klemmt sich Bob der Baumeister - Sonnenschutzgitter an die Autoscheiben, damit das Töchterchen auf dem Rücksitz keinen Sonnenbrand bekommt, hupt an der Ampel grinsend kleine Schnittchen an, genießt die Verwirrung der gackernden Hühner und ist insgeheim doch froh, aus der albernen Phase heraus zu sein, in der man versuchen muß mit getuntem Auto und aufgedrehtem Bass die Mädels am Straßenrand zu beeindrucken.
Das einzige Mädel, das beeindruckt werden muß, ist das Töchterchen.