Das fröhliche Ende allen Twitterns

Das Ende selbst ist nicht fröhlich, aber die Idee, daß Twitter, wie alles in dieser Welt, seine Endlichkeit haben dürfte, beunruhigt mich gar nicht. Fröhlich ist an dem Gedanken das Moment des stetigen Tanzens am Abgrund.

Gestern nämlich schrieb ein Mann:

twittern is doof /
weil der content in einer fremden datenbank liegt und von deren zuverlässigkeit abhängt /
die idee is cool, die umsetzung okay /
trotzdem, content bei twitter ist grundsätzlich lost /
das stört mich /
sehr sogar.

Darin liegt sie, die bratzig geäußerte Poesie des Haltens, der Wunsch nach Beständigkeit und gegen das Ärgernis der Vergänglichkeit.

Und er hat ja recht. Irgendwie. Aber der junge Padawan widerspricht sich dabei ebenso, wie der Mensch an sich ein widersprüchliches Wesen und gerade auch deshalb so geheimnisvoll und unterhaltsam ist. Denn wer Datenbanken nicht regelmäßig sichert, ist mit seinem eigenen Blog ebenfalls ständig am Aus, und der Inhalt der meisten Tweets … nunja, nicht alles dort ist wertvoll. Und selbst wenn es schade um viele Preziosen wäre, deren schönste, und von diesen auch nur der allerkleinste Teil, neuerdings liebevoll bei Twitkrit geadelt werden, eines lehrt doch das Leben:

Man kann nicht alles behalten.

Vielleicht stürzt irgendwann Twitter oder gar das ganze Internet in sich zusammen, so wie einst die Bibliothek von Alexandria lichterloh brannte, dann wird das Geheul groß sein, aber sobald sich Flammen und Rauch verzogen haben, werden wir neue Sprüche haben und einige alte, die besonders schönen Tweets vielleicht oder die eines lieben Menschen, der nah war, werden legendarisch werden, in einigen Köpfen spuken, weiterleben oder vergehen.

Was soll’s?

Generationen von Wissenschaftlern, vom Archäologen bis zum Literaturstöberer, leben davon, daß die Überlieferung so aufreibend unvollständig ist, ihr Ehrgeiz wird getrieben vom Wunsch nach mehr, eben weil es so verhältnismäßig wenig ist, was auf uns kommt. Wie unsortiert, zufällig und manches Mal ungerecht doch das Schönste zerstört und das Banalste erhalten blieb! Genau das Puzzleteilchen, das fehlt, erregt unsere Phantasie, nicht die tausend, die wir finden.

In einem langen langen Bogen um all das Haltenwollen und doch Verschwenden kreist Twitter, irgendwie, und daher ist es schön, wenn dort großartige Wortkunst in 140 Zeichen genauso steht und jederzeit fallen kann wie alles andere.

Mai 30, 2008 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. “Vielleicht stürzt irgendwann Twitter oder gar das ganze Internet in sich zusammen, …”

    Also die Vorstellung macht mir ein klein wenig Sorge, zumindest die Sache mit dem Internet. Was sollen ma denn dann machen, bis das wieder läuft? Fernseh gucken? Ühhhhhh.

    Und das mit dem twittern habe ich bisher eh noch nicht verstanden, werde ich wohl auch nicht. Insofern wäre mir das total schnuppe. ;)

    Kommentar von Saint am 30. Mai 2008 um 16:13 | Link

  2. Och Julie, sowas musst Du doch bei uns einreichen ;-) Wir wären alle hoch erfreut, wenn du uns mit einer Gastautorenschaft Deine Aufwartung machtest.

    PS: Du bist heute nicht zufällig beim Grillen dabei?

    Kommentar von mspro am 31. Mai 2008 um 11:36 | Link

  3. Ich hatte überlegt, es zu twittern … aber dann war ich doch zu geizig, gnihihi!

    Kommentar von Julie Paradise am 01. Juni 2008 um 09:58 | Link

Rock my Boat!