Mehr reden

Was man so alles erfährt, wenn man schwanger ist und plötzlich ganze Nachmittage auf Muttis Couch verplaudern kann …

Zum Beispiel, daß sowohl meine Mutter als auch meine Schwester ein schlechtes Gewissen haben, ausgelöst durch meine Krankengeschichte.

Die Legende geht so:

Meine Mutter ist schwanger mit mir, in der zehnten Woche, als meine Schwester von einer Straßenbahn angefahren wird. Eine Frau läutet an der Tür, meine Mutter öffnet, und statt etwas wie “Es ist alles in Ordnung, aber setzen Sie sich lieber, ich habe Ihnen etwas mitzuteilen” zu sagen, platzt die Frau heraus: “Ihre Tochter ist von der Straßenbahn überfahren worden.”

In der Tat, dank des dick gefütterten Lammfellmantels, den die damals Zehnjährige trug, ist sie mit dem Schrecken davongekommen, der Schrecken für meine Mutter nach der unnötig dummen Vorgehensweise der Fremden aber war wohl so schlimm, daß selbst Ärzte darin einen Grund für die Anomalien in meinem Brustkorb sehen (zwei funktionierende Speiseröhrenstränge, Herz auf der falschen Seite und fehlgebildet und noch weitere Kleinigeiten).

Meine Schwester gestand mir erst vor zwei Monaten, daß sie sich verantwortlich fühlt für alles, was seitdem an Operationen an mir vorgenommen wurde, daß sie schuld ist an den Schmerzen und Problemen, die ich seit jeher mit meinem Körper habe, während meine Mutter felsenfest davon überzeugt ist, daß sie nur anders hätte reagieren müssen im Moment des Schrecks. Schreien vielleicht, statt den Schmerz und den Schock einfach zu schlucken.

Gestern nun kam das Gespräch auf die Schmerzen, die eine Geburt nun einmal mit sich bringt, und Mutti beklagte mich armes Wesen, das “schon soviel durchgemacht hat” — und erlebte eine dicke Überraschung: Gerade ein bestimmter Eingriff, über den sie nie mit mir hatte sprechen wollen, weil er ja ach “so furchtbar schlimm” war, ist mir zwar als reichlich widerlich in Erinnerung (und mußte seit dem ersten Mal, als ich elf war, mehrmals wiederholt werden), aber nicht als besonders schmerzhaft. Auch andere Eingriffe, die man sich gemeinhin als qualvoll vorstellt, sind bei örtlicher Betäubung und einer gelassenen Einstellung durchaus zu ertragen. Einen Wadenkrampf zum Beispiel empfinde ich als wesentlich fieser als die Vorwehen, die sich seit einiger Zeit bemerkbar machen.

Was ich nun aber endlich weiß: Meine Familie macht sich seit meiner Geburt Vorwürfe, meine Gesundheit betreffend, und ich ahne siebenundzwanzig Jahre lang genau — nichts! davon. Was umso unnötiger und trauriger ist, als ich weder den Unfall meiner Schwester damals so ausgelegt habe, als träfe sie irgendeine Schuld, noch je meiner Mutter übelgenommen habe, daß manche Behandlungen nun einmal unangenehmer als andere sind. Das war und ist eben so. Welches Kind läuft schon mit Absicht vor eine Straßenbahn? Dies sind Dinge, die nun einmal geschehen sind, und mir geht es ja vergleichsweise prima, also warum machen die beiden sich Vorwürfe und tragen diese jahrzehntelang mit sich herum, anstatt irgendwann mit mir darüber zu reden, so wie es jetzt geschah. Das hätte man doch schon lange aus dem Weg räumen können alles.

“Warum hast Du nie etwas gesagt?” Dieser Satz ist nicht gefallen. Mir tut nur leid, daß ich, weil ich nie nicht auf die Idee gekommen bin, da wären Schuldgefühle, etwas gesagt habe, um ebendiese zu zerstreuen. Mehr reden, und manches hätte schon lange geklärt sein können.

Mai 3, 2008 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. Schuldgefühle führen kaum nachvollziehbare Eigenleben. Oder wie liesse es sich sonst erklären, dass Überlebende von Katastrophen sich oftmals schuldig fühlen, dass es sie NICHT erwischt hat, nur die Anderen.

    Kommentar von 500beine am 04. Mai 2008 um 12:03 | Link

  2. Es ist so immens wichtig, dass man miteinander redet, sich mitteilt. besonders natürlich den Menschen, die einem wichtig sind: dem Partner, der Familie, Freunden. Nur so lebt eine Beziehung und bleibt sie lebendig und Mißverständnisse werden minimiert.

    Kommentar von Isabell am 05. Mai 2008 um 10:36 | Link

  3. Schuldgefühle können auch zum Bummerang werden.
    Nämlich als mir meine Mutter irgendwann gestand, dass sie sich schuldig fühlt, dass ich schwul bin. Das fand und finde ich zwar völligen Quatsch, aber damals fühlte ich mich dann plötzlich schuldig an ihren Schuldgefühlen :-S
    Aber wir konnten das regeln; sind ja erwachsene Menschen :o)

    Kommentar von Manniac am 10. Mai 2008 um 14:39 | Link

  4. Und wenn reden nicht hilft (tut es übrigens selten), dann hilft zeichnen. *g*

    Kommentar von Julie Paradise am 10. Mai 2008 um 14:50 | Link

Rock my Boat!