Sage ich jetzt mal so. Und meine es auch ernst, eigentlich.
Eigentlich ist ein wundersames Wort. Es sagt alles und nichts, und wer denkt, uneigentlich sei das Gegenteil davon, irrt. Irgendwie. Eigentlich ist uneigentlich gar kein Wort, aber nun ist es da, als kleine, noch dreckigere Schwester des allein schon unansehnlichen eigentlich.
Was man versprochen hat, muß man auch halten. Alles andere ist enttäuschend. Etwas zusagen ist eigentlich das gleiche wie etwas zu versprechen.
Am besten, ich sage gar nichts mehr zu, bis ich wieder Herrin meiner Schlaf- und Wachphasen und meines gesundes Appetits bin. Und meines Bauches. In letzter Zeit nämlich habe ich zwar zahlenmäßig wenige, doch insgesamt zuviele Zusagen gemacht, jedesmal in der ehrlichen Absicht, das zu erbringen, wonach ich gefragt wurde. Auch wenn nicht alle verstehen wollen, daß ich mich für die letzten Wochen und Tage vor dem Entbindungstermin weder verbindlich verabreden noch andere Pläne, deren Rückgängigmachen komplizierter als das Verzichten wäre, schmieden möchte — genau das werde ich tun. Was ich nicht zusage, muß ich auch nicht absagen, und so bleibt die Enttäuschung vielleicht kleiner als sie es wäre, hätte ich bereits Erwartungen geweckt.

Und draußen scheint die Sonne.
Der zurückgebliebene Junge von gegenüber lehnt aus dem Fenster und bewirft einen unten am Baum festgebundenen Hund mit haselnußgroßen Kieselsteinen. Der Hund, ein Boxer, weiß um seine Kraft, die nur gerade durch die Leine gebändigt wird und bellt wütend. Der Junge, in dem Irrglaube in seiner Position vollkommen sicher zu sein, freut sich unbändig, wann immer ein Kiesel trifft.
Der Karpate, geübter Schütze, der er ist, kramt sein Pusterohr hervor und bestückt den Lauf mit Graupen. Auge in Auge stehen er und der Junge sich gegenüber, getrennt durch die Straße, den Gehweg, ein paar Höhenmeter. Zweiter Stock gegen den dritten. Der Karpate trifft. Und trifft nochmal. Und nochmal. Der Quälgeist gibt auf, sammelt seine Munition vom äußeren Fensterbrett und hat nun die dicken Fäuste voller hervorquellender Steine. Wohin damit? Sie landen im Vorgarten.
Grimmig sieht der Mann das Gör an, zwei Fenster schließen sich, Rache ist Blutwurst.
Texte entstehen beim Schreiben selbst. Vergiß die klugen Satzfetzen, die sich seit Tagen in deinem Kopf gesammelt haben, die so schön passen würden, die witzig und geschliffen sind, vergiß sie gleich wieder, denn selten passen sie wirklich in den Text, der entsteht, wenn du schreibst.
Es ist, aber das werden wohl nur Frauen verstehen, wie das Planen der Garderobe für einen wichtigen Tag. Wochen vorher weiß sie schon, was gut aussehen wird, wenn das Wetter nur … und dann ist es soweit und die Hose sitzt komisch, das Shirt will nicht so recht zur Jacke passen und überhaupt ist das Hemdchen zu dick für den sonnigen Tag. Die Schuhe dazu waren sowieso unbequem und am Ende trägt sie, was sie immer trägt und alles ist gut. Verkleidung ist nicht nötig, und sie funktioniert ja eh nicht.
Und doch, jeden Morgen zumindest der Versuch, jemand anders sein zu wollen mit dem Rock, der doch wahnsinnig gut aussieht, mit anderen Schuhen, heute mal. Wenn ich nur dies und jenes trage, bin ich ein anderer Mensch! — Immer noch falle ich darauf herein, es hat weniger mit Eitelkeit als mit Angst zu tun. Lieber mit leerem Magen aus dem Haus gehen als ungeschminkt. Für die Nährstoffe gibt es ja Tabletten. Die Blutwerte sind in Ordnung.
Das arme Baby.
Solange Menschen, die ich für Freunde halte, mir sagen, sie hätten mich nicht erkannt, weil sie aus dem Augenwinkel nur eine fette Frau wahrgenommen haben, wird sich nichts ändern, das dämliche Streben nach dem Besser-Sein hört ja doch nicht auf. Als ob sich etwas ändern würde mit weniger Julie, in Kilos gesehen. Du kannst 50 Kilo wiegen, wenn du unglücklich bist, ist es immer noch eines zuviel, aber ab morgen wird alles anders, versprochen.
Wieviel in dieser abgehetzten Warenwelt, Scheinwelt, Wunschwelt gründet auf bitterer Unzufriedenheit und zitternder Unsicherheit, gespeist aus alten Wunden?
Ich meine, beinah alles.
Liest eigentlich irgendwer Stöckchentexte? Ich habe hier nämlich so einiges an Holz gesammelt.
Es muß unüberwindbar kompliziert für eine Krankenkasse sein, eine schwangere und zunächst ordentlich studierende, dann beurlaubte verheiratete Studentin mit einem Einkommen knapp über 400€ netto / brutto zu versichern.
Genauer gesagt sind es zwei Krankenkassen und inzwischen drei verschiedene Bearbeiter, die stetig widersprüchliche Angaben über die beste / gebotene / angeblich einzig mögliche Vorgehensweise machen.
(Hier nun stelle der geneigte Leser sich eine junge Frau vor, die zunächst HULK-mäßig wütende Geräusche von sich gibt, um schließlich nach und nach in resigniertes, schwaches Brubbeln zu verfallen, welches der Klang purer Verzweiflung ist. Nach kurzer Stille schließt sich hysterisches Lachen an. So schallt der Wahnsinn.)
Dem Karpaten dann unser Baby anzuvertrauen habe ich keinerlei Bedenken, aber meine Wäsche dürfte er nicht sortieren.
Da nämlich. Das ganze Geschwurbel um Arbeitsethos, um Aussagen wie “man muß doch etwas leisten in seinem Leben”, um “aber da muß doch auch etwas bei rauskommen” undsoweiter undsofort. Da komme ich vom Hundertsten ins Tausendste bis hin zu den Sorgen, die man sich während der Schwangerschaft um die Möglichkeit macht, daß das Baby in irgend einer Weise behindert sein könnte. (Ich erinnere mich an eine Bemerkung einer Tante: “Behinderte Kinder muß man heutzutage ja niemandem mehr zumuten.” Zumuten! Und weiter: “Wenn man die wegmacht, erspart man der Gesellschaft vieles. So Behinderte können ja auch gar nichts leisten.”)
Was ist denn, wenn sich jemand diesen Verwertungsmechanismen verweigert, die an ihn herangetragen werden? Oder sie schlicht nicht bedienen kann, beispielsweise durch eine Behinderung? Wer oder was bestimmt, wann jemand “seinen Beitrag geleistet” hat?
Und ist jemand, der dies nicht tut, weniger wert? Muß man seine Existenz denn irgendwie rechtfertigen? Abbezahlen wie einen Ratenkauf, oder wie Schulden, deren Wucherzinsen man nie wird tilgen können?
Ich bin damit aufgewachsen, daß bestimmte Teile der Familie immer und immer wieder darauf drangen, daß nichts unnütz geschieht, daß nichts verschwendet wird, daß “alles seine Ordnung hat” und dieser Druck hat lange lange auf mir gelegen, zuweilen tut er es heute noch.
Das war mir irgendwie zu wichtig für einen Kommentar. (angeregt durch Martins “unter den nägeln brennen”)
Eines der lustigen Dinge an einem Kugelbauch ist ja, daß der Bauchnabel herausgedrückt wird. Ich habe vorher noch nie in meinem Leben das Innere meines Bauchnabels sehen können. Interessant. Und es kitzelt.
Der Karpate hat an meinem Nabel übrigens auch seinen Spaß. Sein Lieblingsspruch dazu:
Das sieht jetzt aus, als hättest Du drei Nippel.
Wenn mich irgendetwas schon immer genervt hat, dann solche und ähnliche Sprüche anderer, sobald ich über ein Hobby spreche, welches sich eventuell auch vermarkten ließe.
“Du willst wohl nicht, daß was aus Dir wird?”
In der ersten Klasse war das das Kunstturnen. Ehrlich, ich war mal sehr schlank und sportlich. Beweglich, außerordentlich gut koordiniert und dabei kräftig und ausdauernd. Im Schulsport der DDR ist so etwas natürlich nicht lange verborgen geblieben, also kam die übliche Rekrutierungsmaschinerie für kleine sozialistische Leistungssportler in Gang. Zuerst wurden Anika und ich allerlei Geschicklichkeits- und Schnelligkeitstests unterzogen, sollten etwas vorturnen und Übungen nachmachen, danach wurden wir gefragt, ob das Spaß gemacht hätte. (”Ja.” — Ich war ja so dumm. Aber wie hätte ich ahnen sollen, was ich mir mit diesem Wörtchen eingebrockt hatte. “Bei Deinem Talent kann man mit Sport sehr berühmt werden.” An diesen Satz kann ich mich noch gut erinnern, und ich weiß noch, wie mir mulmig wurde bei der Vorstellung, herumgezerrt zu werden.) Schließlich wurden, eher pro forma, die Eltern darüber informiert, daß wir uns für eine Sport-AG entschieden hätten.
Meine großartige Karriere als Turnmaus endete allerdings bereits zwei Wochen später. Erstens weil meine Mutti mir die Haare geschnitten hatte, so daß ich wie immer hinterher aussah wie ein kleiner Junge und in der AG gehänselt wurde, zweitens, weil mir beim ersten Trainingstermin bereits angedroht worden war, daß ich schnellstmöglich eine Sportbrille (die, welche so fiese Drahtbügel hinter den Ohren hatten) zu tragen hätte. In der dritten Woche des Trainings wurde mir eingangs der Turnhalle meine Brille abgenommen, “keine Widerworte!”, ich aber gleichzeitig in die letzte Reihe gesteckt, so daß ich die vorgeturnten Übungen schlicht nicht erkennen konnte. -6 Dptr. machten aus einem hampelnden Vorturner in zehn Metern Entfernung einfach nur noch Bewegungsbrei. Auf dem Heimweg habe ich einen Heulkrampf bekommen, weil ich mich so gedemütigt und unsicher gefühlt hatte, und danach hatte sich das Thema Turnen erledigt.
“Und das liest auch jemand? Mensch, wieso versuchst Du dann nicht, damit Geld zu verdienen?”
Das ist der Standardspruch meines Vaters, seit ich mit dem Bloggen begonnen habe. Daß ich einfach gern unverbindlich etwas schreibe, um des Schreibens und des Spaßes willen, ist für ihn völlig unverständlich. Zeit mit etwas zu “vertun”, anderen etwas zur Verfügung zu stellen oder irgendwo mitzumachen ohne an Entlohnung zu denken, ist schlicht dumm, aus seiner Sicht und aus der Sicht manch anderer. Ehrlich: Mir macht das Ganze so Spaß, wie es jetzt ist. Wenn ich mich danach fühle, etwas preiszugeben, herauszulassen, herumzualbern oder ernster zu sein, dann bin ich es, wenn nicht, dann öffne ich eben mal für eine Woche oder zwei den Browser nur, um zwei Freunden E-Mails zu schreiben. Keine Blogs lesen, nicht twittern, nichts “liefern”, einfach nicht dasein.
Es war auch schon seine immer wiederkehrende Reaktion, als ich damals vor zehn Jahren für ein Metal-Magazin Rezensionen geschrieben und Interviews geführt habe. Ich habe viele meiner Lieblingsmusiker dadurch kennengelernt und noch heute sind mir einige der damaligen Erlebnisse sehr eindringlich vor Augen. Ich war jung und wild und irgendwie sogar cool, da war es mir doch egal, ob ich damit hätte Geld verdienen können. Verdammt, ich hätte dafür bezahlt, das tun zu dürfen, was ich tat, all diese Menschen zu treffen und kistenweise Promo-CDs heimzutragen!
“Wenn Du da dran bleibst, kannst Du das irgendwo einschicken, sowas suchen die!”
Und letztens die Zeichnungen. “Hausfrauenkunst”, könnte man sagen (kleiner Seitenhieb), manchen hat es aber ehrlich gefallen, und was für eine Art Kommentar kam als erstes:
“Mach doch da was draus!”
Was soll ich denn daraus machen, daß ich ab und zu Blümchen und anderes zeichne!? Das ist ja nichts, was andere nicht auch könnten, auch wenn derlei Komplimente ja durchaus lieb gemeint sind. Warum ist es denn für manche so schwer zu begreifen, daß einige Hobbies einfach nur Spaß machen sollen, selbst wenn etwas dabei herauskommt, was man eventuell und mit größerem Ehrgeiz verkaufen könnte?
Sobald es stressig und verbindlich wird, und das wird es in Gelddingen für mich immer, ist die Freiheit weg. Das soll keineswegs ein Statement gegen Werbung in Blogs oder selbständige Tätigkeiten als Schriftsteller oder Illustrator sein, nur für mich ist das keine Option. Ich möchte nicht “auf Vorrat einfach mal einige Zeichnungen, am besten in verschiedenen Stilen, zusammenstellen und irgendwo einreichen“. Wenn mir nach Zeichnen ist, dann zeichne ich, und wenn ich danach ein halbes Jahr lang nur abends meine Stifte streicheln mag, dann möchte ich dies tun können. Und nicht irgendwelchen vielleicht ja wirklich vorhandenen Geldtöpfen und Werbeetats hinterherrennen, Streß mit der Steuer haben, weil ich 5 Euro zuviel verdient habe oder mir wieder Magengeschwüre zuziehen, nur weil ich mich unter Druck gesetzt fühle.
Für meinen Vater steht bereits fest:
“Du willst wohl nicht, daß was aus Dir wird!”
… aber irgendwann komme ich wieder heraus. Dann steche ich vielleicht. Ich Igel.
Auch und gerade während der Schwangerschaft empfehlen sich warme Wannenbäder zur Entspannung.
Schön und gut, aber: WIE KOMME ICH DA WIEDER RAUS???
Genauer gesagt in der Bildersammlung der Lindley-Bibliothek der RHC, deren früheste Illustrationen bin in das 17. Jahrhundert zurückgehen. Noch genauer gesagt gesagt verliere ich mich seit Stunden in einem Buch, welches die wertvollsten Stücke dieser Sammlung zeigt. Vielleicht hätte ich Botanik studieren sollen. Oder Schattenkunde.
Schon seltsam, wie man vom Abmalen zum Thema Gartenkunst kommt, und wie spannend es ist zu wissen, welche “Blüten” die Tulpenmanie einst trieb, und daß Hyazinthen ebenfalls als Spekulationsobjekte taugten. Daß der Florist einst nicht der Blumenbinder war, der er heute ist, sondern ein Liebhaber, der neue Sorten für Ausstellungen zu züchten versuchte, und daß Aasblumen (Stapelia), entdeckt um 1640/50, sich trotz ihres unangenehmen Geruchs als Kuriosität großer Beliebtheit erfreuten, daß … ich könnte ewig weiterreferieren, was ich bisher gelesen habe und lasse es doch hiermit bewenden, weil die Blumen rufen. Das Internet kann da gar nicht mithalten.