Wie imma

“Die Pauly is ne janz Süße.”

– “Seidta denn jetze so richtich …? Ick meine, haste se denn jetze mal so orntlich ranjenommn?”

“Wat? — Ach so, klar, mach ick do imma, wenn ick mit ne Frau mache.”

Beifälliges Grunzen. Der Peter kann was. Der kann sogar die Pauly haben. Bei dem kuschen alle, das ist nicht nur Gerede. Jürgen hingegen, nun, Jürgen darf nicht mal von weitem von der kleinen Pauly träumen, dem Punkermädel, das auf einmal bei ihnen gesessen hatte vorm Kaiser’s.

Ganz blass war sie gewesen, letzte Woche, als sie da so im Regen stand und schüchtern gefragt hatte, ob noch Platz ist auf der Bank, unter dem rostigen Dach. Und aus der Nase hatte sie geblutet. Ihm war das Herz aufgegangen, jedes Mal, wenn sie tapfer versuchte, den Schnodder hochzuziehen und auch die Tränen zurückzuhalten, überhaupt an sich zu halten, was sie noch hatte. Schließlich war das nicht viel: Kippen, zwei zerbeulte Büchsen Hansa und einen Armeesack. Der Sack sah reichlich leer aus, aber so, wie sie ihn hielt, war ihre ganze Welt in diesem Sack.

Seine ganze Welt war von einem Moment zum nächsten in ihren Augen. Aber wer war er schon?

Jürgen Hoffmann, 56, seit Jahren arbeitslos, nach der Wende ein Jahr lang Hilfsarbeiter im KWO, da hatte er vor der Wende Schlosser gelernt, aber gesoffen hatte er immer schon. Mit Kaninchen hatte er was machen wollen, damals, bei Omman, seiner Großmutter, auf dem Hof, hatte geträumt, die prallsten und gesündesten Kanickel zu züchten, Prachtkerle, nicht so vermickerte Hinterhofviecher, die gerade mal groß genug werden, damit sich das Schlachten lohnt. Zur Kaninchenschau durfte er nie, der Verein im Dorf war ja auch das Eigentum, “Privateigentum!”, vom Günther. Und das in der DDR. Es gibt immer einen, dem alles gehört, selbst wenn niemandem etwas gehören soll. Alle sind reich und manche sind eben reicher. So Jürgens Sicht der Dinge. Wozu also kämpfen?

Und wenn die Pauly ihn ja nicht einmal ansieht. Wozu der Ärger.

Peter macht ein Bier auf, zündet eine neue Kippe an und läßt sie rumgehen.

“Schöna Tach heute!”

– “Du, sach ma, wo issn die Kleene?”

“Treibt sich wieda am Alex rum, sacht, da is mehr Jeld zu holn.”

– “Da kamman sich beschtümmt noch janz wat andret holn, wemman aussieht wie die Süße harhar!”

“Paß ma uff, Freundchn, uffe Fresse oda wat!?”

Peter blieb sitzen dabei. Ungewöhnlich, denn sonst hatte er schon zugeschlagen, bevor er sich überhaupt die Mühe machte, zu antworten. Seine Augen, schmale Schlitze, lugten böse unter den borstigen Brauen hervor. Aber irgendwie … nicht so wie sonst. Nicht so wütend, nicht so berechnend, nicht so … Jürgen beobachtete, immer beobachtete er ihn, belauerte ihn, bewunderte und verabscheute diesen Berg von Mann, dem das Leben auf der Straße kaum etwas hatte anhaben können. Mit Anfang fünfzig hatte er noch alle Zähne, war groß und kräftig, hatte jetzt im Frühling schon braungebrannte Pranken und volles Haar. Er war der Anführer hier auf der Bank, er war laut und er hatte oft Geld. Geld und Zigaretten und Bier und Korn, eine Lederjacke, fast ordentliche Schuhe und noch viel wichtiger: Wut. Der läßt sich nicht unterkriegen oder von so Jüngelchen verkloppen, nicht die letzten zwei Euro vierzig aus der Tasche ziehen oder von einem Dobermann daran hindern, ein fast verlassenes Haus für die Nacht zu betreten. Peter hatte damals, in der Nacht, als er Jürgen erlaubt hatte, mit ihm zu kommen, einfach den Köter mit der Faust an die Wand gefegt, hatte das zitternde Herrchen, einen blassen Bomberjackenträger, gleich hinterhergeworfen und es sich mit ihm an der Dachbodentür gemütlich gemacht. Günther war abends nicht aufgetaucht, und Jürgen war so ganz kurz zum Leibwächter des Grobians geworden.

– “Wat los, Peter?”

“Wat soll sein, is wie imma.”

– “Wo issn die Kleene? Läßt sich janich mehr blickn.”

“Könnta nich endlich mal die Klappe haltn mit die Pauly? Ne kleene Nutte is dit, sindse alle, war wech den Tach und nu is jut. Jib mal ne Kippe her!”

April 21, 2008 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. Den Artikel im Wettbewerb neulich, und meine Stimme hättest Du gehabt :))
    Ne, ehrlich, schön geschrieben! Bringt den Berliner-Straßenmuff auf den Punkt.

    Kommentar von Manniac am 23. April 2008 um 04:17 | Link

  2. Da sollte er auch hin, der Text, und anfangs war da noch mehr Ende, einen Lustmord nämlich gab es, aber irgendwie … wollte das nicht so recht werden. ‘tschuldigung.

    Kommentar von Julie Paradise am 23. April 2008 um 12:44 | Link

  3. *lach* gefällt mir aber auch so schon sehr gut :)
    beim nächsten mal klappts dann bestimmt :))

    Kommentar von Manniac am 23. April 2008 um 17:19 | Link

  4. Ich finde das Ende so wie es ist prima. Lustmord passt meinem Empfinden nach nicht dahin. So wie es jetzt ist trifft es besser die unprätentiöse Realität “Berliner-Straßenmuffs”.

    Kommentar von HR am 24. April 2008 um 08:29 | Link

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