“Mach doch was draus!”

Wenn mich irgendetwas schon immer genervt hat, dann solche und ähnliche Sprüche anderer, sobald ich über ein Hobby spreche, welches sich eventuell auch vermarkten ließe.

“Du willst wohl nicht, daß was aus Dir wird?”

In der ersten Klasse war das das Kunstturnen. Ehrlich, ich war mal sehr schlank und sportlich. Beweglich, außerordentlich gut koordiniert und dabei kräftig und ausdauernd. Im Schulsport der DDR ist so etwas natürlich nicht lange verborgen geblieben, also kam die übliche Rekrutierungsmaschinerie für kleine sozialistische Leistungssportler in Gang. Zuerst wurden Anika und ich allerlei Geschicklichkeits- und Schnelligkeitstests unterzogen, sollten etwas vorturnen und Übungen nachmachen, danach wurden wir gefragt, ob das Spaß gemacht hätte. (”Ja.” — Ich war ja so dumm. Aber wie hätte ich ahnen sollen, was ich mir mit diesem Wörtchen eingebrockt hatte. “Bei Deinem Talent kann man mit Sport sehr berühmt werden.” An diesen Satz kann ich mich noch gut erinnern, und ich weiß noch, wie mir mulmig wurde bei der Vorstellung, herumgezerrt zu werden.) Schließlich wurden, eher pro forma, die Eltern darüber informiert, daß wir uns für eine Sport-AG entschieden hätten.

Meine großartige Karriere als Turnmaus endete allerdings bereits zwei Wochen später. Erstens weil meine Mutti mir die Haare geschnitten hatte, so daß ich wie immer hinterher aussah wie ein kleiner Junge und in der AG gehänselt wurde, zweitens, weil mir beim ersten Trainingstermin bereits angedroht worden war, daß ich schnellstmöglich eine Sportbrille (die, welche so fiese Drahtbügel hinter den Ohren hatten) zu tragen hätte. In der dritten Woche des Trainings wurde mir eingangs der Turnhalle meine Brille abgenommen, “keine Widerworte!”, ich aber gleichzeitig in die letzte Reihe gesteckt, so daß ich die vorgeturnten Übungen schlicht nicht erkennen konnte. -6 Dptr. machten aus einem hampelnden Vorturner in zehn Metern Entfernung einfach nur noch Bewegungsbrei. Auf dem Heimweg habe ich einen Heulkrampf bekommen, weil ich mich so gedemütigt und unsicher gefühlt hatte, und danach hatte sich das Thema Turnen erledigt.

“Und das liest auch jemand? Mensch, wieso versuchst Du dann nicht, damit Geld zu verdienen?”

Das ist der Standardspruch meines Vaters, seit ich mit dem Bloggen begonnen habe. Daß ich einfach gern unverbindlich etwas schreibe, um des Schreibens und des Spaßes willen, ist für ihn völlig unverständlich. Zeit mit etwas zu “vertun”, anderen etwas zur Verfügung zu stellen oder irgendwo mitzumachen ohne an Entlohnung zu denken, ist schlicht dumm, aus seiner Sicht und aus der Sicht manch anderer. Ehrlich: Mir macht das Ganze so Spaß, wie es jetzt ist. Wenn ich mich danach fühle, etwas preiszugeben, herauszulassen, herumzualbern oder ernster zu sein, dann bin ich es, wenn nicht, dann öffne ich eben mal für eine Woche oder zwei den Browser nur, um zwei Freunden E-Mails zu schreiben. Keine Blogs lesen, nicht twittern, nichts “liefern”, einfach nicht dasein.

Es war auch schon seine immer wiederkehrende Reaktion, als ich damals vor zehn Jahren für ein Metal-Magazin Rezensionen geschrieben und Interviews geführt habe. Ich habe viele meiner Lieblingsmusiker dadurch kennengelernt und noch heute sind mir einige der damaligen Erlebnisse sehr eindringlich vor Augen. Ich war jung und wild und irgendwie sogar cool, da war es mir doch egal, ob ich damit hätte Geld verdienen können. Verdammt, ich hätte dafür bezahlt, das tun zu dürfen, was ich tat, all diese Menschen zu treffen und kistenweise Promo-CDs heimzutragen!

“Wenn Du da dran bleibst, kannst Du das irgendwo einschicken, sowas suchen die!”

Und letztens die Zeichnungen. “Hausfrauenkunst”, könnte man sagen (kleiner Seitenhieb), manchen hat es aber ehrlich gefallen, und was für eine Art Kommentar kam als erstes:

“Mach doch da was draus!”

Was soll ich denn daraus machen, daß ich ab und zu Blümchen und anderes zeichne!? Das ist ja nichts, was andere nicht auch könnten, auch wenn derlei Komplimente ja durchaus lieb gemeint sind. Warum ist es denn für manche so schwer zu begreifen, daß einige Hobbies einfach nur Spaß machen sollen, selbst wenn etwas dabei herauskommt, was man eventuell und mit größerem Ehrgeiz verkaufen könnte?

Sobald es stressig und verbindlich wird, und das wird es in Gelddingen für mich immer, ist die Freiheit weg. Das soll keineswegs ein Statement gegen Werbung in Blogs oder selbständige Tätigkeiten als Schriftsteller oder Illustrator sein, nur für mich ist das keine Option. Ich möchte nicht “auf Vorrat einfach mal einige Zeichnungen, am besten in verschiedenen Stilen, zusammenstellen und irgendwo einreichen“. Wenn mir nach Zeichnen ist, dann zeichne ich, und wenn ich danach ein halbes Jahr lang nur abends meine Stifte streicheln mag, dann möchte ich dies tun können. Und nicht irgendwelchen vielleicht ja wirklich vorhandenen Geldtöpfen und Werbeetats hinterherrennen, Streß mit der Steuer haben, weil ich 5 Euro zuviel verdient habe oder mir wieder Magengeschwüre zuziehen, nur weil ich mich unter Druck gesetzt fühle.

Für meinen Vater steht bereits fest:

“Du willst wohl nicht, daß was aus Dir wird!”

April 16, 2008 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. 16.04.2008 - Julie Paradise — Da hängt auch ganz viel Grundsätzli [...]
  1. Sehr schön.

    Kann ich voll und ganz nachvollziehen.
    “Sobald es stressig und verbindlich wird, und das wird es in Gelddingen für mich immer, ist die Freiheit weg.

    Wenn mir nach Zeichnen ist, dann zeichne ich, und wenn ich danach ein halbes Jahr lang nur abends meine Stifte streicheln mag, dann möchte ich dies tun können.”

    Genau so geht es mir mittlerweile beim Musizieren.

    Nur mit dem Sport damals war das anders. Das habe ich immer sehr gerne gemacht. So gerne, dass es zu einem Vize-DDR-Meistertitel gereicht hatte. Aber soviel Zeit und Energie, wie ich darin investiert hatte, ist mir heute kein Hobby mehr wert.

    Kommentar von Saint am 16. April 2008 um 15:52 | Link

  2. Vize-DDR-Meister!? Welche Sportart denn, wenn man fragen darf? Und: Klingt toll! Wenn es denn Spaß gemacht hat.

    Das mit dem Sport hätte sich dann wohl spätestens nach einer gründlicheren Untersuchung sowieso erledigt (angeborener Herzfehler). Mein Vater wollte übrigens, daß ich in seinem Ruderverein mitmache. Da ist meine Mutti aber eingeschritten. (Die Mädchen hatten dort wirklich sehr breite Schultern. Ob das wohl alles nur vom Training kam …)

    Und: Genau, Musik! Da verstehen wohl noch weniger Menschen, warum man nicht gleich nach Weltruhm und Megariesenreichtum strebt, oder?

    Kommentar von Julie Paradise am 16. April 2008 um 16:02 | Link

  3. Handball. Sehr leistungsorientiert. Auch mit kleinen “Flourtabletten”. Keine Ahnung, was das war. Sportschule allerdings wollten die Eltern dann doch nicht lange mitmachen. “Der Junge soll doch auch Deutsch und Mathe lernen, und nicht nur Sport machen.” Nach sieben Jahren dann, Knie im Eimer und auch keine Lust mehr. Bis dahin aber war es toll.

    Das mit der Musik ist eine ganz eigene Kiste: “Das lässt sich doch verkaufen.”, höre ich immer. Ja, sicher, aber deshalb mach ich das ja nicht. Das verstehen nur wenige.

    Kommentar von Saint am 16. April 2008 um 16:19 | Link

  4. Oder wie DonDahlmann auf dem re:publica-Podium sagte:

    “Muss ich denn jeden Kack, den ich im Blog mache, vermarkten, mich irgendwo anmelden und dann irgendwie 2,50 Euro verdienen?”

    Kommentar von Lars am 16. April 2008 um 16:20 | Link

  5. @ Saint: Aua! Knieprobleme sind übel. Aber immerhin scheinst Du ja lange damit Spaß gehabt zu haben.

    Mich hat nur immer diese Verwertungsmentalität gestört. Gerade von meinem Vater. So als müsse es sich irgendwie “auszahlen” oder “gelohnt haben”, daß ich da bin.

    @ Lars: Yep! Den Satz kann ich auch nur unterstreichen. (Wie geht das eigentlich? <____> ?)

    Kommentar von Julie Paradise am 16. April 2008 um 16:28 | Link

  6. Satz

    Mal gucken, ob das klappt.

    Kommentar von Lars am 16. April 2008 um 16:41 | Link

  7. Nö.

    Also:

    “kleiner als u größer als”

    wollte ich eigentlich schreiben.

    Kommentar von Lars am 16. April 2008 um 16:42 | Link

  8. Ach Julie, scheinbar sind die meisten Menschen wohl blind. Aus dir _ist_ doch bereits etwas geworden! :)

    (ein schweigsamer Leser)

    Kommentar von SirDregan am 16. April 2008 um 16:52 | Link

  9. @ Lars: Oooooh. *g*

    @ SirDregan: Hui, da bin ich gerade ganz verlegen und gerührt und sogar ein bissel rot geworden. Dankeschön!

    Kommentar von Julie Paradise am 16. April 2008 um 16:59 | Link

  10. hey, hab deinen blog erst gestern entdeckt, jetzt kommentier ich zum ersten mal.. ich trau mich ;)

    bei mir ist es eher anders herum gewesen, mir wurde immer nie was zugetraut.. als ich mit 14 angefangen hab mich für webdesign und grafiken zu interessieren hieß es oft “häng nicht so lange vor dem computer”.. die sachen haben mich eben begeistert..

    nun mache ich sehr viele webseiten projekte, merke wie diese projekte langsam gut ankommen und dann waren z.b. meine eltern sehr erstaunt, “was ist linkverkauf? man kann damit geld verdienen?” oder “du machst ne webseite und bekommst dafür geld?” .. schon die wahl meiner ausbildung war eine qual..

    meine mutter wollte damals das ich überhaupt irgendeine ausbildung anfange.. ich wollte unbedingt die mediengestalter ausbildung (auf die ich 7 monate warten musste) bei dir scheint es genau der andere fall, dir wird alles zugetraut und die leute denken, hey verdien soviel geld wie möglich..

    egal ob nun die negative oder die positive richtung.. die menschen verstehen oft den inneren antrieb einfach nicht.. wenn ich halt 7 stunden vor einer grafik sitze, weil es mir einfach spass macht.. wird immer gesagt “man ist der langweilig geworden der geht nicht mal an einem freitag abend weg..” aber es ist doch eben so das mich diese kreativen schübe selber enorm vorwärts bringen.. aber verstehen tun es die wenigstens..

    sry, ist ein wenig viel geworden.. aber danke dass ich mich hier mal auskotzen durfte :)

    grüße aus leipzig

    Kommentar von Martin am 16. April 2008 um 17:40 | Link

  11. Na, wenn das “Auskotzen” ist … ;-)

    Kommentar von Julie Paradise am 16. April 2008 um 17:43 | Link

  12. “unter den nägeln brennen” vielleicht eher..

    Kommentar von Martin am 16. April 2008 um 17:44 | Link

  13. Puh… Väter.. Meiner ist in ähnlicher Weise anstrengend, darum kann ich Deine Ratlosigkeit darüber sehr gut nachvollziehen. Auch er versteht nicht so richtig den Unteschied zwischen Hobby/Freizeitbeschäftigung und … naja, dem, was er sein ganzes Leben lang gemacht hat: Arbeiten hauptsächlich. Und weil er es nicht versteht, höre ich von ihm ähnliche Sprüche in ähnlichen Situationen. Unverständnis. Desinteresse. Und wenn er mir sagen will, dass er mich liebt, gibt er mir Geld. Das ist wirklich eine andere Generation…

    Kommentar von Manniac am 17. April 2008 um 19:42 | Link

Rock my Boat!