Da hängt auch ganz viel Grundsätzliches dran

Da nämlich. Das ganze Geschwurbel um Arbeitsethos, um Aussagen wie “man muß doch etwas leisten in seinem Leben”, um “aber da muß doch auch etwas bei rauskommen” undsoweiter undsofort. Da komme ich vom Hundertsten ins Tausendste bis hin zu den Sorgen, die man sich während der Schwangerschaft um die Möglichkeit macht, daß das Baby in irgend einer Weise behindert sein könnte. (Ich erinnere mich an eine Bemerkung einer Tante: “Behinderte Kinder muß man heutzutage ja niemandem mehr zumuten.” Zumuten! Und weiter: “Wenn man die wegmacht, erspart man der Gesellschaft vieles. So Behinderte können ja auch gar nichts leisten.”)

Was ist denn, wenn sich jemand diesen Verwertungsmechanismen verweigert, die an ihn herangetragen werden? Oder sie schlicht nicht bedienen kann, beispielsweise durch eine Behinderung? Wer oder was bestimmt, wann jemand “seinen Beitrag geleistet” hat?

Und ist jemand, der dies nicht tut, weniger wert? Muß man seine Existenz denn irgendwie rechtfertigen? Abbezahlen wie einen Ratenkauf, oder wie Schulden, deren Wucherzinsen man nie wird tilgen können?

Ich bin damit aufgewachsen, daß bestimmte Teile der Familie immer und immer wieder darauf drangen, daß nichts unnütz geschieht, daß nichts verschwendet wird, daß “alles seine Ordnung hat” und dieser Druck hat lange lange auf mir gelegen, zuweilen tut er es heute noch.

Das war mir irgendwie zu wichtig für einen Kommentar. (angeregt durch Martins “unter den nägeln brennen”)

April 16, 2008 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. Das gehört zu den größten Problemen dieser Leistungsgesellschaft von heute, das so gut wie alles gemessen wird, und man dabei meist schlecht weg kommt. Ich habs bei mir ja schon mehrmals angedeutet, anstatt ständig nur nach vorne zu schauen, was einem noch fehlt, sollte man auch mal stehen bleiben, sich umsehen, den Status Quo genießen. Und das meine ich nicht nur im übertragenen Sinne.

    Kommentar von Jeriko am 16. April 2008 um 19:02 | Link

  2. Das Problem ist glaube ich, dass für viele Leute die Möglichkeiten, zur Gesellschaft beizutragen zu vielfältig geworden sind. Früher war das alles einfacher - Schuster macht Schuhe, Bäcker macht Brot, Schmied die Werkzeuge etc…. alles klar geregelt und sowohl einzeln als auch in Summer der Gesellschaft, in der dies passierte zuträglich und, ja, nützlich und dienlich. Diese Leute haben mit ihrem Talent zum Gelingen des Gesamtplans beigetragen und haben “etwas geleistet”… Und dann hatte irgendwer diese verrückte Idee von individueller Entfaltung und persönlicher Ausgestaltung. Und seitdem geht das mit diesen vielen kleinen Rädchen, die eine funktionierende Gesellschaft ausmachen irgendwie bergab, weil keiner mehr “nur noch funktionieren” will.

    Neue Talente, für die vorher keiner Verwendung hatte, neue Aufgaben, von denen keiner weiß, was und wer sie erfüllen soll… das alles wurde immer schneller und schneller und heute leben wir in dieser riesigen Welt doch irgendwie auf engstem Raum und von jedem wird irgendwie verlangt eine Nische zu besetzen und seinen eigenen persönlichen Mikrokosmos zu füllen mit seinem kleinen Fitzel Elitenwissen. Und wenn das nicht klappt, muss zur nächsten Nische gehetzt werden… Keine Zeit, nach links und rechts zu schauen - nur vorwärts. Status Quo, wie Jeriko ihn sich anschauen will, ist von gestern - wer sich den anschaut, verpasst die Möglichkeit am neuen Status Quo mitzuarbeiten.

    Und bald wirst Du auch Deinem Kind mit Rat und Tat zur Seite stehen müssen, wenn es versucht seine Nische zu finden… aber weisst Du was? Irgendwie bin ich mir bei Dir sicher, dass Du dem nicht so hilflos gegenüber stehen wirst, wie unsere Elterngeneration, die von den letzten 10-20 Jahren überrollt wurden und nicht mehr als “Mach doch was draus” übrig haben (nicht böse gemeint Mutti ;) ). Ich denke manche Menschen haben tatsächlich auch was gelernt und ich denke, dass Du da dazu gehörst.

    (Das war jetzt ziemlich viel Text für fast keine Aussage… )

    Kommentar von robert am 16. April 2008 um 23:28 | Link

  3. [edit: Dieser Kommentar ist seeeehr weit weg vom Thema. Aber der Hannes darf das.] Hey,

    aufgrund der Gefahr dessen, das der Rechner hier im Motel alles ausspaeht was ich eingebe, hab ich meinen E-mail account NICHT gestartet. Aber zum Glueck gibts ja noch andere Wege.
    Bisher ist alles relativ glatt gelaufen. ausser das heute das Motel voll war und ich eben noch ma 30 Minuten Umweg fahren musste. Englisch reicht bisher noch. Bin jetzt grad in Virgina, Waynsboro heisst das kaff. Morgen in die Berge und uebermorgen weiter gen sueden.
    … Autofahren zerrt ganz schoen. So nun aber genug, der Portier schaut schon ein wenig seltsam drein. … Eigens Auto aber keinen Laptop …
    Meld mich wieder aus Atlanta … hannes

    (und weil ich nur 15 Minuten ans Internet darf, hab ich den gleichen Text auch auf anderen Blogs gepostet. … Falls also jemand nach meinem Wohlbefinden fragt, am Samstag gibts mehr.)

    Was macht dein Bauch …

    Kommentar von Hannes am 17. April 2008 um 02:14 | Link

  4. danke für diesen text.. dieser druck ist unbeschreiblich, es gibt für viele genau nur einen weg.. und falls man von dieser norm nur ein wenig abweicht, wird man schräg angeguckt.. kleines beispiel: meine ausbildung zum mediengestalter habe ich in einem modeunternehmen gemacht.. jeder lästert über jeden, ich hab mich nie eingemischt , ich sah auch nicht aus wie die anderen hab weiter meine “tiefe” hose getragen und ich bin mir sicher es wurde sehr viel über mich gesagt.. interessiert hat mich sowas nie wirklich.. ich hab mit der arbeit überzeugt und da war mir dann der rest auch egal..

    wir kommen auf die welt und sind frei von allen, dann werden wir geprägt, durch die eltern, durch die mitschüler, durch freunde, durch die erste liebe usw. es kommt drauf an ob die prägung positiv oder negativ ausfällt.. ein behindertes kind ist für viele einfach nicht mehrheitsfähig und deswegen wird es noch ungeboren auf ein abstellgleis gestellt.. in japan treibt es viele in den selbstmord weil sie den ungeheuren druck der elten & der schule nicht auszuhalten scheinen..

    es gibt ein schönes lied (sprechgesang..) vielleicht gefällt es dir ja: youtube.com/watch?v=ChJFS...

    grüße aus leipzig..

    Kommentar von Martin am 17. April 2008 um 10:06 | Link

  5. Das klingt alles so nach “Druck” und “wer stehen bleibt ist chancenlos”. Man kann unsere Gesellschaft aber auch anders sehen, irgendwie positiver. Ich finde Sie ist ne offene und tolerante, kreative und bunte Leistungsgesellschaft. Und sich in so einer Gesellschaft seine besagte Nische zu suchen, ist doch auch ne Chance, oder?

    Is ja nicht alles so schwarz…

    Kommentar von nilsn am 17. April 2008 um 10:26 | Link

  6. Nee, Nilsn, ist nicht alles schwarz, auch ich sehe sonst eher halbvolle als enttäuschend leere Gläser, aber manchmal summieren sich blöde Bemerkungen, Druck, eigene Phasen, in denen man besonders empfindlich ist und auch ein wenig Wut, und dann muß sowas wie der obige Post einfach mal raus.

    Die vielfältigen Möglichkeiten sind da, man kann und muß sie nutzen, sicherlich, aber ich nutze sie ja auch, indem ich mich zum Beispiel mit etwas entspanne. Die Herabwertung von Zeit, die mit Dingen gefüllt wird, welche „einfach nur Spaß machen”, die ist es, die ich kritisiert habe. Zwischendurch gibt es ja mehr als genug Phasen, in denen ich lerne und arbeite und ehrgeizig bin. Gegen die Vereinnahmung der letzten lustvoll vertüdelten Zeit aber wehre ich mich, und ich wehre mich bewußt dagegen, seit ich mit Beginn der Schule in diverse AGs gegängelt werden sollte. Glücklicherweise hat mich meine Mutter immer unterstützt. Dafür bin ich ihr heute noch dankbar.

    @ Robert: Dein Kommentar ist klasse, dankesehr!

    Kommentar von Julie Paradise am 17. April 2008 um 11:03 | Link

  7. @Julie: Die Motivation kann ich gut nachvollziehen, geht mir ja auch ab und an so. Da ich aber ein Freund des Gleichgewichts bin, wollte ich noch etwas Gewicht auf die optimistische Seite legen. Ich bezog mich auch nicht nur auf dein sehr schönes Posting, sondern auch auf die Kommentare.

    Das einen Eltern bedingungslos unterstützen ist wahrscheinlich das wichtigste, schönste und beste was einem passieren kann. Kann man nur jedem wünschen…

    Kommentar von nilsn am 17. April 2008 um 11:18 | Link

Rock my Boat!