Wenn gar nichts mehr geht, wenn ich so nervös bin, daß meine zerbissenen Lippen in bereits in blutige Fetzen zerfallen, wenn das krampfhafte Fummeln und Drehen am Ehering bereits einen roten Striemen am Ringfinger hinterlassen hat, dann ist der Daumennagel dran. Ich knabbere nicht etwa, sondern reibe den Fingernagel betont sanft (”Shhh. Shhhhh!”) an der Mulde zwischen Oberlippe und Nase. Und seit gestern habe ich dabei dieses wunderbar seidige Gefühl, welches sonst nur um den Preis von Chemiegeruch durch Nagellack erreicht werden kann.
Meine Schwester hat mir zu Ostern eine Polierfeile geschenkt, die die Nagelfläche in drei Stufen so glatt poliert, daß alle Rillen weg sind und die Nägelchen wie kleine Perlen glänzen. Danach fühlen sie sich so wunderbar sanft an der Lippenkante an, daß ich froh bin, nicht unter Menschen zu sein, die mich dabei beobachten könnten, wie ich, beinah verzückt und nun ganz beruhigt, mit dem Fingernagel meine Lippen streichle.
So ungefähr lautet die Erklärung für die Ruhe der letzten Tage hier. Wenn man bei dem Wetter nicht krank wird, hat man wohl verdammt gute Abwehrkräfte. Weil ich die leider nicht hatte, schlafe ich einfach mal ein paar Tage durch. Dann gibt es hier auch wieder etwas anderes als Fotos. Ganz großes Pfadfinderehrenwort!
Ich mag ja Wörter (Worte dagegen sind immer gleich so aufgeblasen) und bestimmte Wörter sind so schön doppel- und dreideutig, daß mir die Bedeutung, die hinter der vierten Biegung liegt, in den banalsten Momenten bewußt wird.
Eben beim Duschen war es das Wort Abschaum, welches mir nicht aus dem Kopf gehen wollte. Abschaum als abfließender Schaum, klar.
Wortohrwürmer sind übrigens noch schlimmer als Lieder, deren Melodeien man nicht aus dem Kopf bekommt, denn das Vermögen, plötzliches Lossingen zu unterdrücken, ist doch stärker, als die Konzentrationsanstrengung, ständig irgendwelche Wörter beiseite zu schieben, um einen halbwegs geraden Satz herausbringen zu können.
Sie ist es nämlich, die nach dem Duschen dafür sorgt, daß der Abschaum in so hübschen Strudeln (auf der Nordhalbkugel nach rechts abgelenkt!) abfließt. Seit ich dieses faszinierende Wort kenne, denke ich es beinah zu jeder Gelegenheit, die einen Ausguß in ein glucksendes Löchlein mit Spiralstrudeln verwandelt. Das glückselige Glucksen im Rohr stammt vom Schrubbermännchen, aber wer das ist, erzähle ich ein ander Mal.
(A propos ander Mal: Wo sagt man eigentlich eineinhalb und wo anderthalb?)
Es ist immer wieder ein seltsames Gefühl, zu wissen, daß sich zwei Menschen, wären sie nicht durch dämliche Begleitumstände in ihre Leben und Beziehungen verstrickt, über ihre Interessen, ihre Gemeinsamkeiten und ihre ganze Art wirklich viel zu sagen hätten.
Urlaub, Semesterferien, schwanger und der BVG-Streik, das alles zusammen ergibt eine Mischung, die beinah apathisch zu nennen ist. Sonst sind Mischungen ja immer explosiv, Katastrophen furchtbar und Unglücke tragisch, weil uns die Adjektive ausgehen beziehungsweise die Lust, nach ihnen wie nach dem letzten Osterei zu suchen, auf welches es sowieso nicht mehr ankommt, man hat ja genug und Nougat mag eh keiner.
Jedenfalls, ich leide unter Eisenmangel, sagt der Arzt. Fein, jetzt habe ich endlich eine Ausrede! “Fühlen Sie sich müde, abgespannt, lustlos?” — “Ja, schon immer.”
Nein, so etwas darf man natürlich nicht sagen, ebenso wenig wie man zugeben darf, wie ich gern zugeben würde, am liebsten nie wieder arbeiten zu wollen. Der Herr Grau hat das in anderer Hinsicht schon einmal angesprochen und dabei geschrieben:
Meine geschätzte Kollegin im jetzigen Job ist gerne früh im Büro.
Die Kollegin bin ich, und ich komme nur so früh, damit ich schneller wieder weg kann. Am liebsten würde ich gar nicht erst losfahren. Jetzt, wo ich aus den genannten Gründen auch wirklich daheim bleiben kann, fällt es mir schon schwer, überhaupt aufzustehen. Wären da nicht die Deareste Martha und die schönsten Filme, ab und an auch mal ein Arzttermin oder eine Sportverabredung, ich würde die Tage im Bett verbringen. Sogar auch ohne Computer, die Sucht ist keine mehr. Eine 1,5l-Flasche Wasser und mein Zeichenzeug genügen zum Glücklichsein, essen wird überschätzt und nur die Verdauung und mein Hygieneempfinden machen mir diese Möglichkeit zunichte, denn aus einem Hochbett rollt es sich nicht mal eben zur Toilette. Widerwillig begebe ich mich also nach unten (ich empfinde es immer als den Abstieg aus Wolke 7, es kann da unten nur ungemütlicher sein als im Bettchen), ziehe mich morgens an und schminke mich alibimäßig. Was dann immer noch zugekleistert aussehen mag, ist schon Minimalprogramm, Pfadfinderehrenwort.
Ob das alles am Eisenmangel liegt?
Bei dem Wort Eisenmangel muß ich immer an Zweierlei denken: Eine alte rostige Eisenstange, dunkelbraun und innen hohl, nicht zu lang, eher so, wie ein gut handhabbarer Knüppel, und dieses Bild macht mich immer munter, beschwingt-aggressiv und irgendwie fröhlich, wohl als Resultat aus der Empfindung, mit einer solchen Eisenstange könnte man mal ordentlich auf alles eindreschen, was gerade nervt, die Nachbarn beispielsweise. So etwas verschafft Befriedigung.
Zweitens gab es da diese Metallpresse in Opis Keller, an die ich mich erinnere, eine kleine, und eine andere, die ich einmal in einem Museum sah, es war wohl eine Silberpresse oder, korrekter, eine Walze. Und Wäschemangel, dieses Wort hängt sich gleich mit dran an die Assoziation, und hier gestehe ich: Lange war dabei der Gedanke an fehlende Wäsche stärker als der an das eigentlich gemeinte Gerät.
Aber beim Namen Astrid denke ich ja auch sofort an Astern und Schnittblumensträuße aus Omis Garten, und mir wird ganz blumig zumute. Das müssen die Hormone sein.
In einer besseren Welt würde es nur regnen, wenn es einem paßt. Also nachts, wenn man nicht unterwegs ist, wenn man nicht auf dem Fahrrad sitzt, wenn man sich nach einem warmen Sommergewitter und Romantik sehnt oder wenn man zu faul ist, den Garten zu sprengen.
In einer besseren Welt würde es keiner schaffen, mir die (Vor-)Freude auf etwas zu vermiesen, nur weil er es doof findet. Alle würden jedem alles Gute ehrlich gönnen. Und wünschen.
In einer besseren Welt wäre die Dicke Mutti nicht nur bei Möhrchen so wahnsinnig gierig, weil es ziemlich viel Spaß macht, einen Lemming derart halsbrecherische Manöver ausführen zu lassen:
In einer besseren Welt wäre meine beste Freundin nicht in Scheiß-Australien. (# kleiner emotionaler Ausrutscher)
In einer besseren Welt könnte man solange MahJong oder Bubble Trouble spielen, wie man will, ohne schlechtes Gewissen.
In einer besseren Welt könnte ich unbesorgt Posts wie diesen schreiben, weil dann wirklich nichts Drängenderes anstände, als Bildchen und Filmchen und Spielchen.