Weltverbesserer

Vorhin in der Bushaltestelle saß ich auf einem der vier Plätze. Dick, rund und gemütlich. Ja, man kann sagen, ich war zufrieden und blinzelte daher milde lächelnd in die Nachmittagssonne.

Weniger zufrieden schienen die beiden Weltverbesserer, zwei junge Männschen, die Antifa-Button-bewehrt und ordentlich pseudo-punkig angezogen, auch ungewaschen und selbstverständlich mit rotziger Ihr - Spießer - habt - doch - alle - keine - Ahnung - Attitüde neben mir haltmachten und sich erst über Nazis und dann über die Ungerechtigkeiten der Welt ausließen. Wie die Rohrspatzen schimpften sie. Alles scheiße und ungerecht, und man müßte mal die Revolution und so. Keiner Fliege dürfe man etwas zuleide tun, wenn Leute wie sie an der Macht wären, ja dann, dann sähe das alles ganz anders aus. Dabei aulten sie schräg vor meine Füße und rauchten die ganze Zeit, wenige Minuten später vermehrten sie sich auf wundersame Weise um fünf weitere, ganz ähnlich aussehende Gestalten, die ebenfalls altklug lamentierten und spuckten und rauchten, alle vor mir in dem enger und stickiger werdenden Wartehäuschen, bis ich mich schließlich ächzend erhob, um draußen nach Luft zu schnappen und die restlichen 12 Warteminuten stehend zu verbringen.

Mach kaputt, was Dich kaputt macht! hatte einer von ihnen auf den Rucksack gekritzelt. Naja.

März 31, 2008 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. … und nebenan stand bestimmt “keine macht für niemand…” !? ;o)

    Kommentar von Pat Bateman am 31. März 2008 um 23:49 | Link

  2. Ich habe ein eher ambivalentes Verhältnis zu denen. Einerseits mag ich die ganz gerne, weil sie die Welt ein Stück bunter machen und weil sie ein wenig was von dem übrig lassen, was man selber mal im Kopf hatte. Anderseits gehen sie mir auch ziemlich zügig auf den Sack mit ihrem Sternburg in der Hand und ihrer viel zu großen Klappe. Außerdem müssen sie immer noch den guten alten Rio für sich vereinnahmen, der heute sicher Besseres zu sagen hätte.

    Allerdings sind die Jungens im Einzelgespräch in der Regel sehr angenehme Gesprächspartner.

    Kommentar von Saint am 31. März 2008 um 23:50 | Link

  3. ist nur seltsam, wie jemand so dermaßen große reden schwingen kann und dann gar nichts dabei findet, andere vollzuqualmen, sich unangenehm dicht vor mir aufzubauen und den gesamten boden des wartehäuschens vollzurotzen. so dicht aneinander, daß es schwer war, zwischen den pfützchen zu treten.

    ansonsten waren sie ja auch ganz süß, oder äh, süßlich. ich hatte ja selbst lange zeit bis zu hüftlange hennagefärbte dreadlocks, nur müssen verfilzte haare nicht zwangsläufig stinken. ich weiß das aus siebenjähriger erfahrung, die kann man waschen. den rest des körpers übrigens auch. bei denen haben soviele dämliche klischees zusammengepaßt …

    schade eigentlich.

    Kommentar von Julie Paradise am 31. März 2008 um 23:56 | Link

  4. Ich allerdings kann dazu beitragen, dass man diese Gestalten tatsaechlich auch gerne mal wieder sehen und erleben wuerde, wenn man seit einem halben Jahr in einer Stadt lebt, die manchmal schon fast unangenehm reinlich ist, mit ordentlichen Vorgaerten, gepflegtem Rasen mit Rosenbeten dazwischen und lauter freundlichen und laechelnden Menschen. Hin und wieder wuenscht man sich mal wieder etwas Dreck und Gepoebel und jugendlichen Revoluzergeist. Hier denkt niemand an Revolution - nur an Bikinis, Surfen und gekuehlte Bierdosen. Die revolutionaersten Jugendlichen laufen tagsueber als peinliche Pseudo-Grufties mit schwarzen Miniroeckchen und hohen Lackstiefeln durch die Einkaufsstrasse der Innenstadt.
    Lang lebe das Sterni!

    Kommentar von Buchtuckerjane am 01. April 2008 um 07:36 | Link

Rock my Boat!