Morgens, da ist die Welt nicht in Ordnung. Das Radio ist zu laut und alles ist klebrig. Eingemacht? Ach nein, das ist nur der Angstschweiß, vom Traum. Welcher Traum? Habe ich diese Nacht geträumt? Hat er wieder …? Ja, der dunkle Nachhall seines Zähneknirschens, Erinnerung, sprich, wann, wann? Ich wollte es mir doch merken, fest vorgenommen hatte ich es mir, es war, es war, es war eine schmale Zahl hinten, etwas mit 1 und 3 und … 4:31 stand auf der Uhr, extra hinübergebeugt hatte ich mich doch, bin dabei noch wacher geworden als ohnehin schon durch dieses Geräusch, diese Folter seines Zähneknirschens. Etwas störte beim Liegen, ja ja, das Baby, der Bauch, stimmt, da war noch was. Und sofort die kleine, empörte Rache. Aua, ja, Schatz, immer an diese eine Stelle, komm, feste, tritt zu, mach mich mürbe, dieser eine Punkt, den zahl ich dir heim. Dafür wirst du gekitzelt, kleiner Spatz, bis dir Tränen in die Augen schießen, später, wenn du stark genug bist, mein Kitzeln auszuhalten. Dein Treten jedenfalls machte mich atemlos, irgendwie bin ich aus dem Bett geklettert, die Leiter hinunter, ohne mir den Hals zu brechen, ich seh das ja immer vor mir, dazu die Stimme meiner Mutter, die vor acht Jahren das Hochbett meiner ersten eigenen Wohnung betrübt und müde kommentierte: “Irgendwann wirst du dir dabei noch den Hals brechen.” Den Satz höre ich immer, immer, wenn ich die Leiter hinuntersteige. Beim Hinaufklettern nie, da bin ich wie eine Katze, oder wie ein Träumer, der nur den Weg nach oben kennt und sich in den Himmel träumt, dann aber in der Höhe hockt, gefangen, den Rückweg nicht bedacht habend und heult, ihm mögen doch Flügel wachsen. Zwei Meter sind nichts, aber ertrinken kann man schließlich auch in einer Pfütze.
Alles, jeder Moment, ist gefährlich, auch ist da zuviel Musik in meinem Kopf und die Filme, in denen an spannenden Stellen immer die gleichen Geräusche helfen, irgendein Gefühl zu machen. Gefühle machen, aus Pappmache. Das erste Buch mit diesem Wort hatte einen Druckfehler, diesen Druckfehler, aber ich wußte genau, was gemeint war. Aus Pappe gemacht, das kann nicht halten. Echte Gefühle haben nur ein Geräusch, das des Blutes, welches in den Ohren rauscht, vielleicht noch den Rhythmus schlagenden Herzens, doch meist sind sie so still, daß es kaum zu ertragen ist. Daher die Musik im Film. Ohne Musik ist es zu echt, das hält keiner aus.
Auf der Straße dann, auf dem Weg zur Arbeit, nachdem ich mein Gesicht zusammengekleistert habe, eine riesige Sonnenbrille auf und mich fühlend wie Paris Hilton, dumm und unverstanden, stehe ich an der Kreuzung. Bei jedem Auto an dieser Rechtsabbiegerampel, die grün ist, wenn auf meinem Gehweg grün ist, so daß die Wagen von der Brücke hinuntergeschossen kommen und zu oft gerade so noch vor dem Hinüberschießen über meine grüne Ampel zum Halten kommen, bei jedem Auto sehe ich mehr als das, was man Wirklichkeit nennt, es geht noch weiter. Sie bremsen nicht, vor meinem Auge. Zuviele Filme, ich sagte es bereits. Statt quietschender Reifen, jeden Tag, Krach, Karambolagen, herumfliegende Menschenteile. Die Welt ist gefährlich, mag sein, der Film in meinem Kopf aber ist der Horror. Eben das ist ja Alltag, so ziemlich, und man gewöhnt sich an alles. Gerade hat es die Frau vor mir erwischt, das ist normal, die Zusammenstöße meiner Fantasie müssen beobachtet werden, und sich selbst beobachtet man nicht so gut. Berichte von Menschen, die dem Tode nahe auf sich herunterschauen, kann ich nicht nachvollziehen, so denke ich nicht, das sehe ich nicht. Ich bin unbeteiligt, sehe von außen, zucke zusammen, setze den Weg fort. Nur ein Tagtraum, diesmal in Moll. Nicht alle Träume enden auf Blümchenwiesen.
“Echte Gefühle haben nur ein Geräusch, das des Blutes, welches in den Ohren rauscht, vielleicht noch den Rhythmus schlagenden Herzens, doch meist sind sie so still, daß es kaum zu ertragen ist. Daher die Musik im Film. Ohne Musik ist es zu echt, das hält keiner aus.”
ja. finde ich auch.
und zum träumen, liebe julie, dazu kann ich nichts sagen, weil mri deine gedanken gefallen, wenn auch ein kleines bisschen finster, sollen sie so stehen bleiben.
Kommentar von bastih am 28. März 2008 um 10:24 | Link
Schöner Text, bei dem man feuchte Hände bekommt.
Für mich immer ein Qualitätsmerkmal.
Kommentar von Axel am 28. März 2008 um 10:30 | Link
Ein traumhafter letzter Satz. Den merk ich mir gleich mal, in der Ecke im Gehirn für besonders schöne Zitate.
Kommentar von AnJu am 29. März 2008 um 22:32 | Link