Der falsche Schinken und Das Gefühl, nicht mehr so ganz daheim zu sein

Charlotte hat sich den Oberschenkel gebrochen. Deshalb wollte ich sie heute eigentlich besuchen, obwohl die BVG immer noch streikt (Busse, Trams, U-Bahnen) und ich mich schon darauf vorbereitet hatte, das erste Mal seit letztem Herbst wieder sportlich auf dem Fahrrad zu sitzen. Darf man sagen, daß ein derart erzwungenes Fitneßprogramm drei Tage vor Beginn des achten Schwangerschaftsmonats (Bin ich dann jetzt eigentlich “hochschwanger”? Das klingt so nach unbeweglich, unförmig und “weg vom Fenster”, so fühle ich mich aber auch nicht.) doch eher ungelegen kommt? Zumal der Weg von Schöneweide nach Friedrichshagen auch nicht der kürzeste ist. Jedenfalls hat meine neue Großmutter angesichts des ersten stärkeren Schauers und der Windböen heute früh das Unbehagen gepackt und sie hat abgesagt. Da jeden Tag ihr Sohn zu Besuch kommt und außerdem eine Nachbarin und eine Pflegerin nach dem Rechten sehen, muß ich mir auch keine Sorgen machen. Dafür haben wir ein wenig am Telefon geplaudert, und irgendwann kam dabei das Gespräch auch auf die Wurst:

Die neue Pflegerin hat schon wieder den falschen Schinken mitgebracht.

Das klingt weiter nicht dramatisch, aber ich denke, Charlotte und ich, und viele andere auch, sind sich in diesem Punkt, der meist wenig Beachtung erfährt, sehr ähnlich.

Zuhausesein ist auch vom Inhalt des Kühlschranks abhängig, von den Cremesorten, die im Badezimmer stehen, von der Waschmittelmarke und den immer gleichen Firmen, deren Werbung im Briefkasten steckt. Zuhausesein ist genau dieser Alltag der tausend vertrauten Kleinigkeiten, über die man nie wirklich nachdenkt, solange sie nicht fehlen.

Macht man sich einen Einkaufszettel mit, sagen wir, “Schinken, Weißbrot, Milch, Frischkäse, Orangensaft und Joghurt”, dazu aus der Drogerie “Shampoo, Toilettenpapier, Waschmittel”, ist einem selbst klar, welche Produkte man kauft. Schon wenn ich aber den Karpaten, meinen Mann, jemand, der mit mir in einem Haushalt lebt, einkaufen schicke, kann es sein, daß er unsicher ist, welches Shampoo ich meinte. Und überhaupt: “Waschmittel”? — “Für Feines, Dunkles, Buntwäsche, oder meint sie Weichspüler?” mag dann er hilflos vor dem Regal stehend denken.

Geht die Tour nicht gerade in den nächsten Spätkauf, wo es von jedem oben aufgezählten Wunsch nur eine Sorte gibt, sondern in einen Supermarkt, gibt es sofort drei Sorten Kochschinken, sofern dieser überhaupt gemeint ist, Weißbrot ist nicht gleich Weißbrot, und welchen Joghurt ich seit Jahren esse und welche Sorte ich nie probiert habe, auch gar keinen Appetit darauf hätte, kann ein Außenstehender beinah nur zum Falschen greifen. Das Bemerkenswerte an der Sache aber ist eben: Eigentlich ist jeder außer man selbst ein Außenstehender. Man muß schon sehr lange mit oder für jemand anderes einkaufen (so wie wir früher für meine Omi), um von allein zu wissen, welcher Frischkäse der richtige war und welchen sie nicht mochte.

Sind all die vielen kleinen Dinge geordnet, der richtige Joghurt gekauft (”der Erdbeer von Z*tt und noch zweimal Kirsch, aber nicht Diät, der ist so pampig”), ist alles im Lot. Versucht man aber, wie Charlottes Pflegerin das tat, Einwände einfach zu übergehen oder auch beim nächsten Mal einfach irgend mitzubringen, setzt eine Kränkung ein, deren Ausmaß schwer auszusprechen ist. Man kommt sich ja selbst kleinlich vor, und “sie hat ja auch recht, der schmeckt schon auch gut, der Schinken”, aber … Aber man selbst hätte eben anderen genommen, man selbst ist diese bestimmte Würze gewohnt, man selbst ist auch gewohnt, wenn schon nicht alles im Griff zu haben, so doch wenigstens seine verdammte Wurst selbst zu kaufen, nach der und der Creme zu duften, nicht ständig irritierende Fremdheitsgefühle zu erleben, einfach: Die Wahl zu haben und beruhigt doch zum Vertrauten zu greifen, weil man es kennt, weil man es mag, weil man entscheiden können will, ohne ständig wirklich entscheiden zu müssen. Alles wie immer.

Alles wie immer. Und daheim sein. In all den Kleinigkeiten. Und wenn es nur um den Schinken geht.

März 12, 2008 | In Soso | | TrackBack-URL

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