Meine Großmutter Charlotte hatte mich wegen eines Familienstreits über zwanzig Jahre lang nicht gesehen. Auch nicht sehen wollen. Nun, da ich schwanger und verheiratet und erwachsen bin, wollte ich das einmal geklärt haben und bemühte mich und ein Treffen mit ihr.
Zusammen mit meinem Vater, seiner Frau und dem Karpaten ereignete sich dann ein merkwürdig ereignisloses Kaffeekränzchen, an dessen Ende alle zu der Überzeugung gelangen mußten, daß die lange Zeit der drückenden Stille zwischen den beiden Ende der Familie, ihr und mir, mit meinem Vater als Leidtragenden dazwischen, völlig unnötig gewesen sein muß.
Hauptgesprächsthema dabei, vor inzwischen zwei Monaten, war weder mein Leben, noch das künftige Enkelchen in meinem Bauch, sondern ganz banale Dinge, ihr Ischias zum Beispiel, wann sie das nächste Mal mit Papi einkaufen fahren würde, ob uns der Kuchen schmeckt (sehr gut).
Und wie nun weiter?
Wir tauschten Telefonnummern aus und seitdem geschah — nichts. Die Tage vergingen, der eine und der nächste, schnell sind so eine Woche und dann ein Monat und dann zwei vorbei und ich sagte mir immer: Sie traut sich bestimmt nicht anzurufen, so wie Omi früher immer gezögert hat, zum Telefon zu greifen, weil sie “die jungen Leute” ja nicht stören will, und auch ich habe ihr doch nichts zu erzählen, und wann soll man sich denn treffen, und überhaupt, jetzt paßt es gerade nicht.
Und einmal, ganz kurz, der fiese Gedanke von mir: Nach zwanzig Jahren kommt es auf den einen Tag nun auch nicht mehr an. Morgen aber, ganz bestimmt!
Eben habe ich mir den Zettel mit ihrer Nummer geschnappt und den Notizen, die ich mir gemacht hatte. Denn: Was redet man mit einer alten Dame, von der man nicht einmal den Nachnamen wußte (sie hat ihren Mädchennamen wieder angenommen), von der man, im Gegensatz zu den Großeltern des Karpaten, auch nicht weiß, ob sie Mittagschlaf hält oder früh zu Bett geht, was bespricht man mit einer Großmutter, die man nicht kennt? Holprig war’s.
Wir haben uns für die nächste Woche zum Kaffee verabredet, diesmal allein, vielleicht können wir uns dann besser unterhalten, abseits von “möchtest du noch Zucker?” und “ach, bleib sitzen, Kind, ich hol schon”. Vielleicht.
Ich hatte mal ein Interview mit jemandem, der über 50 Flüge als amerikanischer Bomberpilot im zweiten Weltkrieg gemacht hat, fast ausschliesslich zivile Ziele. Und mit einem, der 1943 eine deutsche Polizeistation in Polen überfallen und dann die gefangene Bestzung von hinten erschossen hat. Das waren sehr freundliche, sehr unaufgeregte alte Herrschaften. Wie auch die jüdische Stasi-Offizierin, die ich mal in einer Botschaft kennenlernte, und die ganz dicke im Geschäft mit Leben gegen Devisen war.
In allen Fällen war es leichter, über den Kuchen zu reden als über das, was im Konflikt, in ihrem Lebenskonflikt war. Kuchen ist ein tolles Thema. So relativ betrachtet.
Kommentar von Don Alphonso am 08. März 2008 um 20:08 | Link
Hmja, wenn man das so betrachtet … möchte ich mit Charlotte auch lieber über den Kuchen reden. Und den Kaffee. Mit Würfelzucker. Das sind dann ja schon drei Themen, so reicht es auch für den Nachmittag.
Man wird sehen.
(Da meldet sich ein kleines Stimmchen in mir und sagt: “Ich will meine Omi wiederhaben.”)
Kommentar von Julie Paradise am 08. März 2008 um 20:16 | Link
Erinnert mich an meinen Vater und seinem zwanghaften Interesse daran, ob ich 1. genug Geld habe zum Leben, 2. wie es in meinem Studium so läuft und 3. ob ich genug Geld habe zum …, ach so, ja, das hatte ich schon.
Die Geschichten, die ich ihm dann ungefragt erzähle, beendet er dafür gerne mit einem allessagenden “Soso” und einer Frage zu seinen Computerproblemen.
Und mit ihm hatte ich doch deutlich mehr Kontakt in den letzten 20 Jahren :)
Leider ist es auch oft so, dass Verwandtschaft nicht automatisch dazu führt, dass man sich gegenseitig spannend findet.
Kommentar von Manniac am 09. März 2008 um 08:18 | Link
Ach, ich fände es schon spannend, mehr über sie zu erfahren und darüber, wer wie wann mit wem. Meine Omi hatte immer sehr spannende Geschichten auf Lager, da lohnte es sich schon, sich ein Kiste Kekse und eine Tasse Tee zu schnappen und einfach nur zuzuhören. Alte Leute reden ja auch gern, und wenn sie erst einmal in Fahrt sind … ;-)
Kommentar von Julie Paradise am 09. März 2008 um 12:56 | Link
Ich habe eine ähnliche Vergangenheit. Ich habe meine Oma väterlicherseits auch etwas mehr als 20 Jahre nicht gesehen. Leider gibt es kein Bindeglied (=mein Vater) zwischen uns, da er zu mir seit der Scheidung meiner Eltern vor 25 Jahren keinen Kontakt mehr haben möchte und zu seiner Ma auch ein mehr schlechtes als rechtes Verhältnis pflegt. Schwierig insgesamt.
Leider mußte ich feststellen, dass alle Treffen so hoplrig verliefen wie das erste. Wirklich warm geworden sind wir bis heute nicht. Und als ich vor 3 Jahren dann auch noch aus der Heimat wegzog, riss der Kontakt wieder ab.
Seitdem schwanke ich zwischen “vielleicht gut so” (diese holprig-verklemmten Treffen , ich weiß nicht, ob ich das weiterhin möchte) und “schade schade schade” (schließlich ist sie meine Oma - egal, was da zwischen meinen Eltern vorgefallen ist)…
keine schöne Situation. Ich wünsche dir, dass es bei dir demnächst weniger holprig und ein schönes Kaffeekränzchen wird.
Kommentar von Melanie am 10. März 2008 um 12:07 | Link