Vorhin in der Bushaltestelle saß ich auf einem der vier Plätze. Dick, rund und gemütlich. Ja, man kann sagen, ich war zufrieden und blinzelte daher milde lächelnd in die Nachmittagssonne.
Weniger zufrieden schienen die beiden Weltverbesserer, zwei junge Männschen, die Antifa-Button-bewehrt und ordentlich pseudo-punkig angezogen, auch ungewaschen und selbstverständlich mit rotziger Ihr - Spießer - habt - doch - alle - keine - Ahnung - Attitüde neben mir haltmachten und sich erst über Nazis und dann über die Ungerechtigkeiten der Welt ausließen. Wie die Rohrspatzen schimpften sie. Alles scheiße und ungerecht, und man müßte mal die Revolution und so. Keiner Fliege dürfe man etwas zuleide tun, wenn Leute wie sie an der Macht wären, ja dann, dann sähe das alles ganz anders aus. Dabei aulten sie schräg vor meine Füße und rauchten die ganze Zeit, wenige Minuten später vermehrten sie sich auf wundersame Weise um fünf weitere, ganz ähnlich aussehende Gestalten, die ebenfalls altklug lamentierten und spuckten und rauchten, alle vor mir in dem enger und stickiger werdenden Wartehäuschen, bis ich mich schließlich ächzend erhob, um draußen nach Luft zu schnappen und die restlichen 12 Warteminuten stehend zu verbringen.
Mach kaputt, was Dich kaputt macht! hatte einer von ihnen auf den Rucksack gekritzelt. Naja.
Aufräumen ist prima. Oberprima. Primstens, quasi. Lateiner mögen mir verzeihen, primarer als prima geht ja eigentlich nicht, aber wenn andere „optimal” steigern können, dann bin ich die „Queen of Prima”. In Lima. Erste, Erstere, die Ersteste.
Aufräumen ist also eine prima Sache, wie ich nochmals betonen möchte, aber aufgeräumt bekommen ist sowas von noch viel unfaßbar großartiger, daß es sich kaum mehr beschreiben läßt.
Vielleicht sollte jeder auf dieser Welt einmal schwanger werden, um das Gefühl des Aufgeräumtbekommens kennenlernen zu dürfen. Ich hatte gestern das Vergnügen, und ischhwör, das einzige, was ich ein klitzekleines bißchen vermißte, waren zwei nackte Sklaven mit Palmwedel und heiße Schokolade aus Lindor-Täfelchen. Ich bin wohl doch etwas verwöhnt.
Ich bekam also gestern aufgeräumt, um mich herum wurde aufgeräumt und man räumte auf, weil ich es so wollte. Wann ich was wollte, wohin ich wollte, wie ich wollte. Das soll mir mal einer nachmachen! Die volle Packung, die ultimativste Verwöhnaktion. Na gut, eigentlich habe ich selbst nur irgendwann die Füße unter den Po und die Hände in den Schoß getan, weil ich vom Selberaufräumen in den Tagen vorher Bauchkrämpfe hatte.
Und nun ist es geschafft! Gefühlte 6 Kubikmeter alte Akten, Klamotten, Elektroteile, Nähmaschinenzubehörleichen, Bundeswehrunterbuchsen, vergessene Erinnerungen und geerbte Anzüge sind rausgeflogen, und statt zweier voller Kleiderschränke und Kommoden ist nun Platz für Babyausstattung und zum Atmen. Dabei habe ich am Anfang der Großaktion selbst nicht geglaubt, daß wir auch nur die Kommode leerbekommen! Ich habe nur die fieseste aller Frauentaktiken angewandt: Ich habe den Karpaten solange vollgenölt und angestachelt, bis sowohl sein Ehrgeiz als auch sein Ruhebdürfnis erwachten und er ganze Gebirge von Kram aussortiert hätte, nur um mich ruhigzustellen.
Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, aber ganz ehrlich: Nur ein winzig kleines schlechtes Gewissen. Ganz verschwindend gering. Viel wichtiger nämlich ist eines: Wir (… !) haben aufgeräumt!
Das bedeutet zum Glück für unseren re:publica-Besuch auch, daß er die nächsten Nächte nicht in der Wohnzimmer-Babyhölle verbringen muß und dort nicht mehr Gefahr läuft, von Stramplern und Bodies und kleinen Pullöverchen erschlagen zu werden.
So kurz bevor das Baby kommt, wenige Wochen, bevor sich also alles und irgendwie doch gar nicht soviel für mich ändert, gibt es noch soviele Dinge zu erledigen. Schränke leerräumen und Platz schaffen, Sorgen beiseite schieben und Einzugsermächtigungen ändern, eine neue Patientenverfügung und wieder einen lesbaren Organspenderausweis ausfüllen. Das Krankenhaus besichtigen und den Kardiologen erneut zum Kopfschütteln veranlassen (ungewollt), beten, daß die Berliner VerkehrsGesellschaft nicht wieder streikt und vom letzten selbst erarbeiteten Geld für gefühlte Ewigkeiten wichtige Wünsche erfüllen. Gesund essen und genug davon. Eis zählt nicht. Schlafen, ausruhen, Beine hochlegen. Ins Kino gehen und immer schön langsam. Das ist mit am schwierigsten.
Wenn ich inmitten all dieser Vorbereitungen stehe, gehen meine Gedanken manches Mal sehr eigene und dann auch wieder reichlich banale Wege. Ich fühle mich wie ein kleines müdes Kind, nicht eben verzagt, aber doch irgendwie anfällig, und da paßt das sonstige Herausplatzen, so intim manches hier bereits Veröffentlichte auch wirken mag, gerade nicht.
Jedenfalls bewahre ich nur gute Erinnerungsanstöße auf. Die Erinnerung selbst kann man ja selten löschen, wegdrängen, leugnen, aber ständig auf Briefe, Nachrichten oder Bilder zu stoßen, die einen in schlimmen Erinnerungen nur noch bestärken, muß nicht sein. In meinem Kopf ist es wüst genug. Außen aber herrscht Ordnung. Immerhin.
Morgens, da ist die Welt nicht in Ordnung. Das Radio ist zu laut und alles ist klebrig. Eingemacht? Ach nein, das ist nur der Angstschweiß, vom Traum. Welcher Traum? Habe ich diese Nacht geträumt? Hat er wieder …? Ja, der dunkle Nachhall seines Zähneknirschens, Erinnerung, sprich, wann, wann? Ich wollte es mir doch merken, fest vorgenommen hatte ich es mir, es war, es war, es war eine schmale Zahl hinten, etwas mit 1 und 3 und … 4:31 stand auf der Uhr, extra hinübergebeugt hatte ich mich doch, bin dabei noch wacher geworden als ohnehin schon durch dieses Geräusch, diese Folter seines Zähneknirschens. Etwas störte beim Liegen, ja ja, das Baby, der Bauch, stimmt, da war noch was. Und sofort die kleine, empörte Rache. Aua, ja, Schatz, immer an diese eine Stelle, komm, feste, tritt zu, mach mich mürbe, dieser eine Punkt, den zahl ich dir heim. Dafür wirst du gekitzelt, kleiner Spatz, bis dir Tränen in die Augen schießen, später, wenn du stark genug bist, mein Kitzeln auszuhalten. Dein Treten jedenfalls machte mich atemlos, irgendwie bin ich aus dem Bett geklettert, die Leiter hinunter, ohne mir den Hals zu brechen, ich seh das ja immer vor mir, dazu die Stimme meiner Mutter, die vor acht Jahren das Hochbett meiner ersten eigenen Wohnung betrübt und müde kommentierte: “Irgendwann wirst du dir dabei noch den Hals brechen.” Den Satz höre ich immer, immer, wenn ich die Leiter hinuntersteige. Beim Hinaufklettern nie, da bin ich wie eine Katze, oder wie ein Träumer, der nur den Weg nach oben kennt und sich in den Himmel träumt, dann aber in der Höhe hockt, gefangen, den Rückweg nicht bedacht habend und heult, ihm mögen doch Flügel wachsen. Zwei Meter sind nichts, aber ertrinken kann man schließlich auch in einer Pfütze.
Alles, jeder Moment, ist gefährlich, auch ist da zuviel Musik in meinem Kopf und die Filme, in denen an spannenden Stellen immer die gleichen Geräusche helfen, irgendein Gefühl zu machen. Gefühle machen, aus Pappmache. Das erste Buch mit diesem Wort hatte einen Druckfehler, diesen Druckfehler, aber ich wußte genau, was gemeint war. Aus Pappe gemacht, das kann nicht halten. Echte Gefühle haben nur ein Geräusch, das des Blutes, welches in den Ohren rauscht, vielleicht noch den Rhythmus schlagenden Herzens, doch meist sind sie so still, daß es kaum zu ertragen ist. Daher die Musik im Film. Ohne Musik ist es zu echt, das hält keiner aus.
Auf der Straße dann, auf dem Weg zur Arbeit, nachdem ich mein Gesicht zusammengekleistert habe, eine riesige Sonnenbrille auf und mich fühlend wie Paris Hilton, dumm und unverstanden, stehe ich an der Kreuzung. Bei jedem Auto an dieser Rechtsabbiegerampel, die grün ist, wenn auf meinem Gehweg grün ist, so daß die Wagen von der Brücke hinuntergeschossen kommen und zu oft gerade so noch vor dem Hinüberschießen über meine grüne Ampel zum Halten kommen, bei jedem Auto sehe ich mehr als das, was man Wirklichkeit nennt, es geht noch weiter. Sie bremsen nicht, vor meinem Auge. Zuviele Filme, ich sagte es bereits. Statt quietschender Reifen, jeden Tag, Krach, Karambolagen, herumfliegende Menschenteile. Die Welt ist gefährlich, mag sein, der Film in meinem Kopf aber ist der Horror. Eben das ist ja Alltag, so ziemlich, und man gewöhnt sich an alles. Gerade hat es die Frau vor mir erwischt, das ist normal, die Zusammenstöße meiner Fantasie müssen beobachtet werden, und sich selbst beobachtet man nicht so gut. Berichte von Menschen, die dem Tode nahe auf sich herunterschauen, kann ich nicht nachvollziehen, so denke ich nicht, das sehe ich nicht. Ich bin unbeteiligt, sehe von außen, zucke zusammen, setze den Weg fort. Nur ein Tagtraum, diesmal in Moll. Nicht alle Träume enden auf Blümchenwiesen.
Der Karpate hatte ja bereits am Karfreitag einen kleinen Moment der Erkenntnis durchlebt:
Wenn Du jetzt … also, im achten Monat … dann … dann sind das ja nur noch zwei Monate, acht Wochen, zehn vielleicht, oder so, oder auch einfach …
– Jetzt!?
Grundsätzlich glaube ich ja fest daran, daß er mit allem viel besser klarkommt als ich, manchmal bin ich doch leicht hysterisch veranlagt, während er — Männer sowieso — eher die Ruhe weg hat. Und immerhin spricht er seit Jahren davon, daß ein Baby doch prima in unser Leben passen würde, etwas ganz Großartiges wäre und überhaupt, das gehört eben dazu. Familie.
Ein wenig Hosenflattern ist aber wohl ganz normal, schließlich haben wir das noch nie erlebt. Jetzt plötzlich wirklich nur noch wenige Wochen davon entfernt zu sein, (hoffentlich!) ein kleines Bündel im Arm zu halten, das unseres ist und all unsere Liebe und Kraft und Aufmerksamkeit einfordert, ist eine große Sache.
Gestern allerdings wurde er noch einmal darauf gestoßen, wie plötzlich dieses Wesen nicht mehr in meinem Bauch sondern in unserem Leben sein kann, als ein Kunde vom letzten Donnerstag seinen Laden betrat. Neue Matratzenschoner wären wohl nötig. Auf denen von letzter Woche, eigentlich auf der gesamten neuen Matratze, hätte seine Frau am Freitag eine Frühgeburt ausgestanden. In der 31. Woche. Alles in bester Ordnung, nur die Matratze …
Ambitionierte Genußmittelfotografie scheitert oft an banalen Kleinigkeiten: An der Unachtsamkeit der Post, die gern hochfeine Pralinen in einem Zustand liefert, der an eine Stampede wildgewordener Riesenkarnickel über liebevoll beschleifte Päckchen erinnert und an dem nie, NIE! zu unterschätzenden Appetit von Schwangeren, gepaart mit der Rechnung
15 kleine feine Leckereien, die Gematschten sehen auf Fotos sowieso nicht so chic aus, die eß ich gleich, mit heißer Schokolade.
Bleiben noch 4, wenn ich die nett herrichte … Aber die weiße kann ich noch gleich, wegen der Symmetrie … 3, das lohnt kaum noch ein Foto, wie sieht denn das aus?
…
Lecker!
Und so kommt im Leben eines zum anderen, und so vieles kommt gar nicht, verhindert, sagt man dann. Verschlampert, verbaselt, in Zürich vergessen, nicht nachgemessen und dann alles gefressen.
Die kleinen Fetzchen im Kopf, für Texte zu seltsam, zum Umkommen zu schade, was tut man damit? In kleine Kistchen stopfen und auf Zettelchen klopfen und dann zu faul zum Sortieren sein. Am Ende fliegen sie doch in den Müll, nur manche wird man nie mehr los.
Guten Freunden gibt man ein Küßchen, oder auch zwei.
Anderen macht man hilflose Komplimente, zum Beispiel wenn sie seltsamerweise rheinische Frohnaturen genannt werden, denen ich sagen möchte, daß sie eine so dermaßen großartige Art zu lachen haben, daß ich wünschte, mehr Zeit mit ihnen und ihrer guten Laune verbringen zu dürfen. Ich spreche hier von zwei Frauen, die beide äußerst ansteckend und zutiefst weiblich lachen, kehlig, rauh, dreckig, in genau der richtigen Färbung dunkel, aufreizend, selbstbewußt und so universenweit entfernt von gackeriger Hysterie wie nur irgend möglich.
Eine dieser Lachen war mir neulich ein akustisches Mitbringsel, ein erinnertes Souvenir der letzten Tage, es hallt in mir nach so wie leckere Dinge auch nach Stunden noch wohliges Entzücken im Gaumen auslösen. Und mehr noch: Ein gutes Gefühl.
Gefühle, gute zumal, sind die besten Geschenke. Der Nutzwert verblaßt dann hinter der warmen Erinnerung oder dem heißen Erschrecktsein freudiger Überraschung. Ich weiß jetzt nämlich: Mich liebt die Zuckerfee!