Blogs sind irgendwie …

Gestern nach der Lesung von Cory Doctorow, über die ich mich noch ausführlicher äußern werde, sind Frau Anne und ich in eine Diskussion geschliddert, die wir beide wohl längst zu Ende geführt glaubten.

Zwei der Fragenden aus dem Publikum nämlich sprach ich hinterher an und fragte, wer sie seien, weil ihre Fragen besonders spannende Antworten von Mr. Doctorow erhielten oder weil sie uns einfach bekannt vorkamen (wie im Falle von Regine Heidorn).

Mit dem Musiker Herrn Fabian sind Anne und ich dann mitten in etwas wirren Überlegungen dazu gelandet, ob es gut ist, daß jeder alles einfach so im Netz (der potentiellen Weltöffentlichkeit!) sagen und schreiben kann – wir fanden, im Zweifel ja, solange es niemanden verletzt, ihm dagegen fehlte der redaktionelle Überbau, eine Art Qualitätskontrolle. Letztlich läuft eine solche Argumentation, getragen von seinem Wunsch, einen Qualitätsregler hart an an die Grenze des Maximums schieben zu können, aber doch auf eine Art Zensur hinaus und lehnt sich dicht an die Haltung vieler hiesiger Journalisten an, die immer noch glauben, sie hätten die Wahrheit gepachtet und die Weisheit mit Löffeln gefressen, die auf Blogger und ihre mitunter ja wirklich krude Mischung aller möglicher Themen herabblicken und per se alles aus dieser Ecke als minderwertig und nicht beachtenswert abwatschen.

„Einerseits – ja, aber – andererseits – das ist schon nicht ganz falsch, nur …”

Nicht alles, was hier beinah täglich veröffentlicht wird, erreicht das gleiche Niveau, nicht alles ist richtig und recht wenig davon vielleicht wirklich schlau und wertvoll, aber wer will und darf mir denn sagen, wann und ob ich zu schweigen habe?

Und ist die Entscheidung eines Musikers, etwas herauszulassen nicht genau die gleiche wie die eines jeden Bloggers, jeden Tag?

Ich muß zugeben, doch reichlich befremdet gewesen zu sein von jemandem, der so wenig Vertrauen darin zu haben scheint, daß es grundsätzlich nur etwas Gutes sein kann, wenn Menschen sich so frei und einfach äußern können wie derzeit im Internet, in Blogs. Daß darunter viel Uninteressantes oder gar Schrott sein mag, gut, aber wer nimmt die Bewertung vor? Letztlich finden sich Interessensgruppen, Menschen, die sich meinetwegen für grönländische Wikingerhelme oder Primeln begeistern können, etwas, das für andere aber äußerst irrelevant und langweilig ist. Das kann doch nicht schlecht sein?

Nicht jeder mag die Begeisterung teilen, mit der ich das hier mache, und einige kritische Einwände waren nicht ganz unberechtigt, nur die Diskussion um die Qualitätskontrolle – die sollte doch durch sein, oder?

Februar 29, 2008 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. 05.03.2008 - Wortistik » Blog Archive » Glyphmentar
  2. 10.03.2008 - Oh, what a world. » Blog Archive » Cory Doctorow [...]
  1. ich pflücke gerne primeln und trage dabei meinen norwegischen wikingerhelm. damit bin ich aber ganz alleine…hihihihi

    Kommentar von nilz am 29. Februar 2008 um 14:53 | Link

  2. ey, nilz, nich auf dem nivo, alder!

    Kommentar von Julie Paradise am 29. Februar 2008 um 15:08 | Link

  3. — natürlich kann das nicht schlecht sein. Wenn es denn Konsumenten für das - wie und in welcher Qualität auch immer - Herausgelassene gibt, dann ist erst recht nicht schlecht. Und wenn es keine Konsumenten dafür gibt, dann regelt es sich von selbst.

    Die Frage ist, zu welchen Differenzierungen die Konsumenten in der Lage sind. Ich gehe nach wie vor davon aus, dass die Menschen sehr wohl Schrott vom Wertvollen trennen können. Und ich gehe weiter davon aus, dass die Definitionen von Schrott und Wertvoll beim Einzelnen zu liegen hat.

    Wenn ich Redaktion will, gehe ich zur ARD.

    Kommentar von olli am 29. Februar 2008 um 15:17 | Link

  4. Hatte letztens auch so ein Diskussions-Déja-Vu mit einem Gegenüber, das sich nicht davon abbringen liess, dass Blogs doch diese im Netz veröffentlichten Tagebücher seien. Er würde nur solche kennen und duldete keinen Widerspruch. Mir blieb eigentlich nur noch, ihn darauf hinzuweisen, dass das Netzt wüst und unendlich ist und jedeR dort das finden kann, worüber er /sie sich gerne am meisten aufregt …

    Kommentar von Regine am 29. Februar 2008 um 15:28 | Link

  5. wo ist @thknüwer wenn man ihn mal braucht #qualitätsjounalismus.

    Kommentar von westernworld am 29. Februar 2008 um 15:44 | Link

  6. btw twitter lebt wieder.

    Kommentar von westernworld am 29. Februar 2008 um 15:47 | Link

  7. Also, wenn Sie mich fragen….
    Grundsätzlich jeder so, wie er sich schön findet (mit den genannten Einschränkungen, ja).
    Ein bißchen sollte der schreibwütige Blogger sich allerdings
    auch selbst beschränken, vielleicht mit dem Valentin-Spruch in Sichtweite:
    “Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.”
    Manche führen ihr Blog wie ein Tagebuch, schreiben um des Schreibens willen,
    zum Ballast abwerfen. Das geht, finde ich, genau so in Ordnung, wie das auf ein Leserpublikum ausgerichtete bloggen.
    Wichtig ist, daß sich der Verfasser mit dem Text identifiziert.
    Ob andere dann damit etwas anfangen können, muß man abwarten.

    Diskutieren kann man immer.
    Sogar über nobelpreisgekrönte Werke gehen die Meinungen auseinander.

    Sie, verehrte Julie Paradise, dürfen aber die Lizenz zum Bloggen behalten - ganz uneingeschränkt!

    Beschlossen und verkündet
    zu Bloggersdorf am 35. Mai

    Kommentar von Cara am 29. Februar 2008 um 16:11 | Link

  8. _

    Kommentar von Logopäde am 01. März 2008 um 10:04 | Link

  9. Bei der Gelegenheit nochmal vorbeigelästert:

    Wenn irgendeine beliebige Nullnummer, also _ich_ zum Beispiel, “Feuchtwiesen” geschrieben hätte: kein Verlag , der sich seriös schimpft, wäre darauf angesprungen.
    Jede Wette!
    Und wenn doch, dann wäre die gleichfalls so genannte Presse dermaßen über mich hergefallen, daß ich mich als Autor nie wieder an die Luft wagen könnte.

    So sieht’s doch aus, im Reich der Schatten und der Scheinheiligkeit.
    Nacht Mattes - vive la Schalotte!

    Kommentar von Cara am 01. März 2008 um 10:26 | Link

  10. @ logopäde nein wie schön ein zeichenwortspiel oder ein glyphmentar?
    super idee die klau ich mir, echt jetzt.

    Kommentar von westernworld am 01. März 2008 um 10:47 | Link

  11. Das muß ich jetzt nicht auflösen.
    “Glyphmentar” gefällt mir; das klaue ich Dir.

    Kommentar von Logopäde am 01. März 2008 um 13:56 | Link

Rock my Boat!