Dieser Zug endet hier. Wir bitten alle Fahrgäste auszusteigen. Die Weiterfahrt erfolgt in vier Minuten von Gleis drei.

Und dann stehe ich da. Wollte von Ost nach West und muß nun einsehen, daß es nicht ohne Zwischenhalt geht. In klirrender Morgenkälte aus dem Halbschlafnebel geschreckt, raffe ich meinen Mantel zusammen, halte mir den riesigen Schal vor die Brust und schaffe es gerade noch, den Waggon zu verlassen, bevor die Türen sich schließen.

„Na, so’n junget Fräulein jehört ja ooch nich uffs Abstellgleis, wa!?” ruft mir ein Schaffner zu und versucht ein Lächeln. Es gerät sehr schmierig, zudringlich, und weil ich müde bin und schlapp, blicke ich ihn nur verständnislos an. Zu schnell aufgestanden, wanke ich kurz, die kalte Luft prallt plötzlich gegen mich und sticht zu.

„Entspannen, kleine Oasen der Ruhe finden, tief durchatmen und versuchen, dem Moment etwas Gutes abzugewinnen.” Ratgebersprech.

Mit Mühe schließe ich den Reißverschluß meines Mantels, morgen muß ich einen anderen anziehen, der hier, mein Lieblingsmantel, ist nicht für Schwangere gedacht. Etwas Gutes, etwas Gutes … Bonbons? Hhm, eher nicht, erst einmal wieder etwas Anständiges im Magen haben. Eis? Schokolade? Gerade hatte ich doch noch einen vernünftigen Gedanken, was war doch gleich noch …? Ach ja, gestern, Frieden. Vielleicht wacklig, aber besser als nichts. Gestern, gestern, und heute? Jetzt? Immerhin bin ich nicht auf dem Abstellgleis gelandet.

Was wäre so schlimm daran? Wenn man einen netten Schaffner erwischt, darf man solange weiterschlafen, bis der Zug wieder im nächsten Bahnhof einfährt, das klingt also eher wie eine Pause, eine Auszeit, die man sich selbst nicht genehmigt hätte, weil es ja ehrenwerter ist, immer nur hinter der Zeit hinterherzuhetzen, als einmal zu sagen: „Ich kann nicht mehr, das muß jetzt warten.” Oder ein Abenteuer! Aufregend ist es, mal gar nicht da zu sein, einfach weg, Licht aus und keiner sieht mich. Irgendwo sein zu können, wo man gar nicht hindürfte, verbotene Zone, und ich bin drin, whoohoow!

ich hätte einfach mal sitzen bleiben sollen, und in Gedanken habe ich wohl genau das getan. Zumindest die Möglichkeit zu überlegen, mir vorzustellen, ich wäre geblieben – schön war’s. Vier Minuten sind vorbei, der Zug fährt ein und der schmierige Schaffner ist weg. Er hat einen kleinen Traum angeschubst, der Mann, dankesehr!

Januar 22, 2008 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. auch wenn der Traum noch etwas fettig schmeckt, weil sich das Schaffnerbild hält, ist es doch ein schöner, um die Zeit zu verträumen.

    Kommentar von Ani*ka am 23. Januar 2008 um 01:16 | Link

Rock my Boat!