und den Menschen ein Wohlgefallen

Ich wollte nie Kinder.

Kinderkriegen gehört irgendwie zum Leben dazu.

Beides Aussagen, die ich immer noch voll unterschreiben würde und dies auch könnte, denn das eine ist mehr auf mich und meinen Körper bezogen, das andere ist eine allgemeinere Aussage, so eine Art “Das ist eben so.”

Ich kann immer noch nicht fassen, daß das, was meinen Bauch immer dicker werden läßt, was auf dem Ultraschallbild schon wie ein perfekter kleiner Mensch aussieht mit unfaßbar schönen, zarten kleinen Knochen, einer Wirbelsäule wie eine Perlenschnur, das Däumchen im Mund und einen Arm auf dem Oberschenkel, daß das mal ein richtiges schreiendes, kackendes, lächelndes Baby wird. Ein Mensch. Eine Wundertüte. Ein Wagnis. Es hätte schon ein formloser Klumpen sein müssen, unfähig zu leben um das, was da wird zurückzustoßen. Man hört ja soviel … “Sie können sich entscheiden.” Es lebt jetzt, also nehmen wir es, wie es ist. Es scheint sich prächtig zu entwickeln, umso besser. Ich wollte nie Kinder und begreife nicht, was sich da irgendwann letztes Jahr im März getan hat, daß ich dennoch dachte: Ja. Ganz plötzlich. Ich kann es immer noch nicht fassen, aber nun ist es so.

Was wird? Keine Ahnung, aber plötzlich ist der Mut da, es darauf ankommen zu lassen. Denn: Es gibt eigentlich den perfekten Zeitpunkt nicht, nie, also mußte eine Entscheidung her. Hopp oder Topp. Mit den heutigen Verhütungsmethoden ist die Wahrscheinlichkeit, “einfach so” “irgendwie” schwanger zu werden, äußerst gering. Was beinah lächerlich ist, denn wie soviele Mädchen bin ich mit der Überzeugung aufgewachsen, Schwangerschaften wären wie Krankheiten, die sich nur durch ein Husten übertragen, und so habe ich beinah panisch quasi doppelt und dreifach verhütet und dann doch jeden Monat sehr erleichtert festgestellt, daß es mich nicht erwischt hat. Ich weiß gar nicht, wovor ich so lange solche Angst hatte, denn ehrlich, es war Angst. Auch davor, daß es letztlich mein Körper ist, der das (er)tragen muß, wo sich ein Mann mit etwas Geld schnell mal aus der Verantwortung stehlen kann.

Ich war mir auf einmal sicher, und dann doch wieder nicht, dann doch, und nicht, hin und her und zurück.

Da gab es den Moment, in dem ich weg wollte, in dem ich erkannte, wo ich hingehöre als ich Schutz suchte und nicht fand und begriff, worauf ich verzichten kann und worauf nicht. Danach war alles klar, irgendwie. Schiß habe ich immer noch. Alles andere wäre Größenwahn, sagt meine Mutter.

Ich wollte immer warten, bis ich mich auch allein so stark fühlen würde, wie mir zum Beispiel meine Mutter vorkam, die von beiden Vätern ihrer Kinder getrennt gelebt hat, bis ich begriff: Man wächst mit seinen Aufgaben. Und: Ich bin nicht allein. Und: Alles wird gut. Und wenn es nicht gut wird, mache ich das Beste daraus, so wie ich aus allem bisher das Beste gemacht habe. Oder es zumindest versuchte.

Der Satz “Du bist schwanger” hat mich dennoch getroffen. Denn er hatte recht, der Karpate, er hat es vor mir gewußt. Wochen vor mir war er sicher, daß es soweit war. Nicht, daß er irgendwie über meinen Körper verfügte, über mich bestimmte, aber die letzte Sicherheit, die kam von ihm. Selbst wenn ich seitdem erst recht ein Nerven- und Gefühlsbündel bin, in der ganzen Zeit habe ich nie daran gedacht, daß ich irgendetwas rückgängig machen möchte, daß meine Angst (die habe ich immer noch, nur ist sie jetzt eine andere, eine, die überhaupt nicht um mich kreist) stärker sein könnte als meine Hoffnung und die Gewißheit, daß es schön wird. Ich mache mir keine Illusionen darüber, daß ich alles und jeden und besonders den Karpaten und das Würmchen bei der Geburt zum Teufel wünschen werde, kurz, wenn ich vielleicht halb besinnungslos vor Schmerzen bin. Ich mache mir auch keine rosafarbenen Achwieniedlich!-Fantasien über die erste Zeit mit dem Kind, wenn meinem Körper ständig Kraft abgesaugt wird beim Stillen und ich allerhöchstens zwei, drei Stunden am Stück schlafen kann, weil das Baby brüllt und schreit. Auch danach wird es viele Zeiten geben, in denen alles schwer und scheiße sein kann. Dann ist es eben so.

Jetzt ist ja auch nicht alles einfach. Vorher schon war mein Körper vollauf damit beschäftigt, mich zu versorgen, das kaputte Herz, die Restlunge, und oft hat dafür die Kraft nicht gereicht. Jetzt geht oft gar nichts mehr, alles ist anstrengend und beinah täglich streikt mein Körper, aber das Kleine nimmt sich schon, was es braucht, ich bin unwichtig. Und glücklich dabei. Das nämlich ist das allergrößte Geheimnis an dem Ganzen: Ich bin glücklich, todmüde aber glücklich. Ich bin egal. Und doch wichtig, es ist ja auf mich angewiesen. Dieser Widerspruch ist nur scheinbar, ich fühle mich befreit davon, immer nur auf mich zu schauen, ichichich! Das alles ist ein grandioser Trick der Natur, keine Ahnung, wie sie das macht.

Was weiß ich schon, bevor ich es nicht erlebt habe.

Januar 17, 2008 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. 07.02.2008 - links for 2008-02-06 | Endl.de | Zielpublikum Weblog
  1. Vielleicht ist so ein Kind im Werden ja auch nur sowas wie das später mal tierisch laute, folgenschwere Essen einer kompletten Champagnercremetorte auf einmal: Man krepiert gerade an innerer Blutung, weil es einem die Magenwände zerfressen hat, aber der Zuckerschock ist prima und sagt einem, dass jetzt auch noch Platz für eine Johannesbeer-Baiser-Schnitte wäre.

    Kommentar von Don Alphonso am 17. Januar 2008 um 22:52 | Link

  2. “Ich kann immer noch nicht fassen, … daß das mal ein richtiges schreiendes, kackendes, lächelndes Baby wird. Ein Mensch. Eine Wundertüte. Ein Wagnis.” — Wenn es nach der Mutti kommt, wird es ein heimlicher Südstadtgroßpoet.
    Man, Du wirst eine tolle Mutti. Für mich hast Du mit diesem Satz den einzig selbstlosen und also überzeugenden Grund geliefert, ein Kind in die Welt zu setzen. Es schreit, es kackt, und wenn alles gut geht, lächelt es auch ab und zu. Ein echter Mensch und schön so, ganz allein schon für sich.

    Kommentar von Herman Stein am 17. Januar 2008 um 23:41 | Link

  3. na toll, herman, jetzt heul ich.

    dankesehr!

    Kommentar von Julie Paradise am 17. Januar 2008 um 23:59 | Link

  4. Bei mir drüben meinten sie in den Comments: „Es wird nicht nur das Kind geboren, sondern auch die Eltern“

    Das bringt wohl alles auf den Punkt, denke ich.

    Und zu Fonsis Champagner-Splatter-Comment bei so einem Artikel denk ich mir auch einfach mal meinen Teil.

    Kommentar von rene am 18. Januar 2008 um 01:17 | Link

  5. nur so schreibt eine junge frau,die alles richtig entschieden hat.

    Kommentar von nath am 18. Januar 2008 um 07:10 | Link

  6. Sehr schöner Text! Ich wollte schon immer Kinder, am liebsten jetzt sofort aber eigentlich will ich auch doch lieber noch eine Weile warten. Wie du schon sagtest “Es gibt eigentlich den perfekten Zeitpunkt nicht, nie”

    Kommentar von Frau Haase am 20. Januar 2008 um 18:22 | Link

Rock my Boat!