Eine Weihnachtsgeschichte

Eine meiner beiden Großmütter habe ich seit 24 Jahren nicht mehr gesehen.

Sie war die Großmutter, die nie da war, Charlotte. Die andere Frau, die Mutter meiner Mutter, war meine Omi. Eine richtige Bilderbuchomi, aber viel cooler und verrückter, klüger und weiser, stärker und zärtlicher, als man es sich nur vorstellen kann. (Einen kleinen Teil ihrer Kindheit habe ich hier versucht zu beschreiben, zusammengeklaubt aus den Resten ihrer Erzählungen, die ich in meinem Gedächtnis noch finden konnte.)

Charlotte ist, das kann man ruhig so sagen, wie es sich darstellt, eine kalte, vielleicht eine böse Frau gewesen in ihrem Leben. Als hochrangige Mitarbeiterin der Staatssicherheit hat sie in der DDR vielen Menschen geschadet, hat Leben zerstört und viel Leid zu verantworten.

Mit drei oder vier Jahren sollte ich einmal einen Tag mit ihr und meinem damals schon von meiner Mutter getrennt lebenden Vater verbringen, so hatte sie es bestimmt. Sie hätte mich an jedem beliebigen Tag sehen können, nur an eben diesem kurzfristig angeordneten Tag ging es nicht, da ich mich schon seit Wochen auf ein Kinderfest im Kindergarten gefreut hatte. Darüber wurde sie so böse, daß sie meiner Mutter damit drohte, mich ihr wegnehmen zu lassen. Sie hätte da Kontakte, es würde sie nicht mehr als eine kleine Notiz kosten.

Meine Mutter konterte mit (halb erfundenen, zumindest übertriebenen) Verbindungen zum STERN (sie hatte einmal einem Korrespondenten des STERN in Ost-Berlin ein Buch verkauft, mit ihm geflirtet und war dann mit ihm aus gewesen), die “solche miesen Praktiken” sehr interessieren würde. Danach haben wir lange nichts mehr von Charlotte gehört.

Es muß so um 1998/99 gewesen sein, als ich zur Geburtstagsfeier meines Vaters eingeladen war. Zu Beginn der Feier fragten einige der Gäste nur halb interessiert, eher aus Höflichkeit, nach, wo denn seine Mutter sei, da erzählte er seufzend, daß sie ihn vor die Wahl gestellt hätte, entweder sie oder mich einzuladen. Er hatte sich für mich entschieden, ein Umstand, den ich erst nach und nach zu würdigen lernte, ist doch mein Verhältnis zu meinem Vater nicht das engste. Um nicht falsch verstanden zu werden: Er ist ein guter Kerl, und auch wenn manche seiner Ansichten engstirnig, ja kleinlich, und dumm sein mögen, hat er letztlich doch immer zu mir gehalten, mich halbwegs regelmäßig sehen wollen und nie meinen Geburtstag vergessen. Daß es immer wieder mal Knatsch, böse Bemerkungen oder Unverständnis auf beiden Seiten gegeben hat: Geschenkt, zwischen uns ist jedenfalls nie etwas geschehen, was für einen von uns unverzeihlich gewesen wäre. Je älter wir werden, umso mehr können wir miteinander anfangen, auch weil wir den nötigen Abstand zueinander haben.

Der Abstand zwischen Charlotte und mir aber kann nur als Kluft oder Abgrund bezeichnet werden. Nach dem Affront zur Geburtstagsfeier meines Vaters vor Jahren waren auch meine Erwartungen, daß sich das Verhältnis noch einmal normalisieren könnte, gleich null. Immerhin wußte ich vom gelegentlichen Nachfragen, daß die alte Dame knorrig-gesund war, Unkraut vergeht nicht und Bitterkeit macht schließlich zäh. Ich stellte sie mir immer ein wenig wie die böse Eiskönigin vor, die einsam und verbittert in all ihrem Stolz vor sich hin lebt, jeden abstoßend, der sich ihr nähern will. Ich hatte wohl nicht unrecht.

Inzwischen glaube ich, daß mein Vater sehr viel herzlicher sein könnte, wenn er in anderer Umgebung aufgewachsen wäre, und ich rechne ihm hoch an, daß er sich zuweilen zu wirklichen Gefühlsäußerungen durchringt. Ich weiß, wie schwer ihm das fällt.

Seit ich schwanger bin, hat sich sehr viel verändert. Ich habe geheiratet, mich mit meiner Mutti gründlich über alles ausgesprochen, was sich im Laufe der Zeit so angesammelt hatte, sehe meine große Schwester wieder regelmäßiger und gehe viele Dinge bewußter an. Einer der ersten Gedanken, die ich dabei hatte, war, daß der leidige Streit mit Charlotte doch endlich einmal aus der Welt geschafft werden sollte. Sowohl meine Mutter als auch die Frau meines Vaters hatten die gleiche Idee.

Es ist einfach unnötig, einer Frau von 87 Jahren, mag geschehen sein, was will, nicht wenigstens mitzuteilen, daß sie Uroma wird, wahrscheinlich zum ersten und letzten Mal. Mein Vater selbst hat nur ein Kind, mich, seine Schwester starb bereits vor Jahren, kinderlos. Dabei war sie ganz vernarrt in mich, als ich noch ein Baby war, berichten meine Eltern. So etwas muß sich nicht immer noch weiter fortsetzen, finde ich. Meine Kindheit hat sie ja bereits verpaßt, hat wohl nur alle Jahre mal wieder mit geheucheltem Desinteresse nachgefragt, was denn mit mir sei, ihren Stolz aber nie überwinden können.

Am Heiligabend, beim Kaffeetrinken, hat die sehr temperamentvolle Frau meines Vaters der kalten Charlotte eröffnet, daß ein Urenkel unterwegs sei, daß sie endlich von ihrem hohem Roß heruntersteigen solle und einen Schritt auf uns zumachen müsse, schließlich sei sie diejenige, die mich und auch meinen Vater jahrelang mit ihrer Haltung verletzt hätte. Charlotte hat zuerst ablehnend wie immer reagiert, dann, beim Abschied, gemurmelt, man könne sich ja treffen, “wenn es wieder wärmer ist”, woraufhin Vaters Frau gesagt haben soll, nein, das sei alles schon lange genug im Argen, Januar müsse es sein. Charlotte ist dann halb zerknirscht und halb beleidigt heimgefahren.

Gestern nun, als der Karpate und ich auf Weihnachtsbesuch bei meinem Vater und seiner Frau waren, klingelte das Telefon. Charlotte. Mein Vater sagte, sie hätte geschluchzt und gesagt, sie habe die letzten beiden Nächte nicht schlafen können. Ob man sich Mitte Januar mal zum Kaffee verabreden könne?

Ich habe weder große emotionale Erwartungen an dieses Zusammentreffen, noch fühle ich Haß oder die Notwendigkeit, ihr Vorwürfe zu machen. Ich kenne sie einfach nicht, genausowenig wie sie mich kennt. Ich werde einfach nett und freundlich sein, anbieten, mich mit dem Kind, so alles gut wird, ab und zu bei ihr blicken zu lassen und wer weiß, vielleicht können wir ihr ja auf ihre vielleicht letzten Jahre noch ein wenig Freude bereiten, sie weicher machen und dem Kindchen die Erfahrung einer Uroma schenken. In jedem Falle hat das bisher Erreichte, mein Angebot nämlich, sie zu treffen und ihr Nachgeben, das weiß ich seit gestern, meinem Vater bereits eine große Last von der Seele genommen.

Dezember 27, 2007 | In Soso | | TrackBack-URL

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