Opus Magnus* II

Beim Durchgucken alter Fotos, die ich längst verschollen glaubte und nun überraschend von meiner Schwester zurückerhielt, habe ich Magnus, der eigentlich gar nicht so, aber sehr ähnlich hieß, wiedergesehen.

Es ist schon erstaunlich: Meine Schwester, die zehn Jahre älter ist als ich, zog Anfang der Neunziger von Zuhause aus und hatte lange immer noch eine Kiste in unserem alten Zimmer. Wie in ebenjene Kiste mein Kästchen mit Fotos von der Einschulung und den Klassenfahrten 1991 und 1995 gelangen konnte, ist mir bis heute unbegreiflich, aber das muß es gewesen sein. (So beginnen Legenden, oder?)

Auf einem dieser Fotos nun habe ich Magnus gesehen und war erstaunt. Erstaunt darüber, wie jung und doch unverkennbar er und wir anderen aussehen und noch viel erstaunter darüber, wie anders wir trotzdem aussahen als in meiner Erinnerung. Daß ich auf Fotos so anders aussah oder besser, nie wahrhaben wollte, wie ich aussah, weil ich es sonst nicht ertragen hätte, ist die eine Sache, aber daß meine Erinnerung mich auch bei den anderen derart betrogen hat, hat mich beinah erschreckt.

Magnus zum Beispiel hat mich vier Jahre lang zutiefst angeekelt, auf dem Bild jedoch sieht er aus wie ein etwas zu dicker, aber dennoch sehr lieber Junge. Vom ersten Augenblick an habe ich gefühlt, daß mir das Schicksal mit diesem Banknachbarn nicht wohlgesonnen war, sofort nach der Feier in der Essenbaracke wurden wir nämlich auf unsere späteren Bänke in der Klasse verteilt und behielten die Plätze teilweise über vier Jahre lang. Neben Magnus mußte ich zum Glück nur ein halbes Jahr lang sitzen, solange bis deutlich wurde, daß ich keineswegs sah, was an der Tafel stand, sondern es mir wegen meiner damals schon kräftigen Kurzsichtigkeit meist richtig zusammengereimt und gemerkt hatte.

Magnus hatte neben seiner speckiggänzenden Haut, die zu hell von den unzähligen Leberflecken abstach, eine ganz und gar widerliche Angewohnheit, die im Nachhinein auch nur von mir bezeugt werden kann. Ich glaube, er tat was er tat mit Absicht nur vor mir, um mich zu quälen:

Er spuckte mittelgroße Flatschen auf den Tisch, auf seine Seite des Tisches, verrieb die Spucke, bis sie eingetrocknet war und einen stumpfen Fleck hinterlassen hatte, in dem manchmal noch kleine Essenbröckchen klebten und sah mich triumphierend an. Ich glaube, auch diese Erfahrungen, haben mein Verhältnis zum Küssen und zu fremder Spucke geprägt … Mein Teil der Bank wurde natürlich infolge dieser schmierigen Ekligkeit zusehends kleiner, bis wir uns die Fläche in einem Verhältnis von eins zu vier teilten, wobei er auch diesen winzigen Rest nicht gänzlich unbesudelt ließ.

Beinah noch übler genommen habe ich ihm, daß er auch später noch Macht über mich hatte, die Macht, mich stundenlang nervös und angeekelt zittern zu lassen. Das kam dadurch, daß er beim Milchdienst, der daraus bestand, die Frühstücksmilch der Klasse in einem Eimer vom Hausmeister abzuholen, wartete, bis ich ihn mit dem Eimer sehen mußte, auf dessen Boden sich eine Anzahl Strohhalme befand und diese genüßlich mit seinen Händen betatschte. Auch dies ist fast als Trauma zu bezeichnen, denn immer, wirklich immer, wenn ich Strohhalme sehe, ersteht Magnus vor meinem geistigen Auge, mit seinen Spuckehänden, und begrapscht mit perverser Gründlichkeit die Enden der Trinkröhrchen.

Nach dem Betrachten der Fotos allerdings bin ich mir gar nicht mehr so sicher, daß er dies wirklich so unausgesetzt getan hat, vielleicht habe ich es auch nur zufällig wenige Male miterlebt und mir dann dieses Bild zusammengereimt, mich also seit mehr als zwanzig Jahren vor einer Phantasie geekelt, die aus Überteibung bestand?

*Tom Selleck klopft in meinem Gehirn an und fragt, ob ich ein fettiges Luxuseis am Stiel möchte. Wer einen kleinen Lateiner findet, darf ihn also behalten.

Dezember 21, 2007 | In Soso | | TrackBack-URL

  1. 05.06.2010 - piano in
  1. dann mal her mit dem magnum! hab noch nicht gefrühstückt, ähem :)

    Kommentar von anne am 22. Dezember 2007 um 09:55 | Link

  2. Hihi, bei mir hieß Magnus Kai und er saß nicht neben mir, hatte aber eine ähnliche Haut und Persönlichkeit, so scheint’s - und er hat sich mal von der Pausenmilch in der Klasse übergeben - iiiih. Was er vorher, dabei und danach angefasst hat, will ich gar nicht erinnern … Ja, die Kindheit ist eine furchtbar sensible Prägephase.
    Und gegen die Kurzsichtigkeit kriegte ich dann ne kleine rote Brille - du nicht?

    Kommentar von Tina am 24. Dezember 2007 um 11:18 | Link

  3. Ich ess bis heute kein Brot, sondern nur Toast, weil mein Sitznachbar in der 5. Klasse seins immer so ekelerregend verspeist hat. Üärh…

    Kommentar von Bene am 31. Dezember 2007 um 04:00 | Link

Rock my Boat!