Immer freundlich bleiben. Dann behält man wenigstens moralisch die Oberhand.
Immer schön lächelnd. Das wirkt deeskalierend.
Inmitten des immer langwieriger werdenden Arbeitsprozesses schwanger zu werden verschafft die Möglichkeit, sich mitten im Gespräch setzen zu können, blaß aus dem Fenster zu schauen und triumphierend sagen zu können: “Für Ihr nächstes Projekt stehe ich nicht zur Verfügung.” (Hintergedanke: Soll er doch sehen, ob er noch einmal einen Doofen findet, der sich eine Zusammenarbeit mit ihm antut. — Wird er übrigens nicht.)
Auf die Antwort bezüglich der o.g. Absage, “Na dann haben Sie doch noch viel mehr Zeit!” (Ja klar, mit einem Neugeborenen hat man gaaanz viel Zeit, alter Mann!) reagiert man am besten nur mit einem verständnislosen Kopfschütteln.
Immer freundlich bleiben. Dann behält man wenigstens moralisch die Oberhand. Was man denkt ist schließlich etwas anderes.
Immer im Hinterkopf behalten: Beim nächsten Mal ist man schlauer. (Oh, ich werde so schlau sein beim nächsten Mal!)
Unsinnige Korrekturvorschläge einfach ignorieren, als da wären: Beschwerden wegen “zu großer Zeilenabstände” (jaja, die Formatvorlage des Verlags, sowas muß man nicht kapieren …), Änderungswünsche wie “ließen” zu “liessen” und wieder zurück, s mit Punkt drunter von einem der Korrekturleser, während der andere der Meinung ist, es müßte ein s mit Häkchen drunter sein, plötzliche Blindheit, d.h. behaupten, in diesem oder jenem Aufsatz wären die Fußnotenziffern aber doch größer usw. usf.
Immer freundlich bleiben. Dann behält man wenigstens moralisch die Oberhand.
Freundliche Randnotizen in durchgesehen Artikeln der Art “Wie dumm sind Sie eigentlich? Das sollte vereinheitlicht werden!!!” gefolgt von “zu große Eingriffe in den Aufsatz” (weil ich nicht nur den einen Aufsatz, sondern, ohoh! alle Aufsätze des Bandes vereinheitliche, das Gedächtnis des armen Herrn aber nur noch diesen einen zu erfassen vermag) fröhlich durchstreichen und mal schnell das Wordpress-Schreibfensterchen öffnen, weil, irgendwann muß das ja mal raus.
Wie lange will ich mir diesen Irrsinn eigentlich noch antun? Immerhin erhalte ich mein Geld für den Band erst, wenn die Arbeiten abgeschlossen sind. Dies kann aber noch ein gutes Weilchen dauern, denn inzwischen fangen die Berliner Autoren an, ihre inzwischen vier Jahre alten Aufsätze umschreiben zu wollen bzw. es werden drei neue Artikel hinzugenommen, die auch wieder formatiert, siebenmal gegengelesen und korrigiert werden müssen. Natürlich ist es meine unverzeihliche Unfähigkeit, die dazu beiträgt, daß der Band nicht fertig wird, und daß der Aufsatz des auftraggebenden Professors erst vor einer Woche endgültig fertiggestellt wurde (fertig geschrieben, wohlgemerkt), ist dabei unerheblich.
Habe ich die goldene Regel eigentlich schon erwähnt: Immer freundlich bleiben. Dann behält man wenigstens moralisch die Oberhand.
Noch eine Korrekturrunde, begleitet von Vorwürfen der Unfähigkeit, und ich scheiße auf 1400 Euro und schmeiße das Ganze hin. Schließlich will ich kein grimmiges Baby kriegen, von all dem Frust, der sich da langsam angestaut hat.
Mal so unter uns (haha): WIe oft willstu eigentlich noch “noch eine Korrekturrunde” sagen? Schmeiß es hin, der wird dann schon angekrochen kommen und dann kriegste die Kohle wieder.
Kommentar von Björn Grau am 18. Dezember 2007 um 01:48 | Link