Ein neuer Teil von Dreißig Werst spukt seit bald zwei Wochen in meinem Kopf herum, aber ich bekomme ihn nicht geschrieben, bekomme leider auch kaum etwas anderes formuliert, weil eben vorher diese Episode aus dem Leben meiner Großmutter erzählt werden muß.
Ich habe selten Probleme, ein Thema, eine Grundidee irgendwie anzupacken. Ich will etwas sagen, ich will etwas schreiben, da ist kein allzugroßer Unterschied, und wenn ich über etwas nur auf diese oder jene Art reden kann, dann schreibe ich sie auch genau so auf.
Wie aber erzählt man die Geschichte der Schwester der kleinen Erna, die weit über ihr Heimatdorf hinaus berühmt war für ihre dicken, langen, blonden Haare, so berühmt, daß ein Magazin aus Moskau Fotos von ihr gemacht hat, woraufhin sich Verehrer aus ganz Rußland meldeten, die um ihre Hand anhielten?
Doch da sie ihren Verlobten über alles liebte, brach für einen der abgewiesenen Verehrer, er war aus Petrograd auf die Krim gekommen, eine Welt zusammen. Wenn er nicht mit seiner Liebsten, der Frau seines Lebens, die er doch nur von einem Foto aus einer Zeitung kannte aber über alles zu lieben glaubte, nun, wenn er mit dieser Frau nicht würde leben können, so sollte auch kein anderer sie bekommen. Und so schlich er sich, nach einem sehr demütigenden Besuch im Haus der Familie, an einem stillen Sommertag in das Herrenhaus und erdrosselte sie mit ihren eigenen Haaren. Den Zopf, der ihr zu Lebzeiten bis an die Knie gereicht hatte, schnitt er anschließend ab und legte die Enden zu einem Herzen geformt auf den Boden. Danach gab er sich mit einem Revolver die Kugel.
Vom Schuß aufgeschreckt kamen Familie und Bedienstete herbeigelaufen, man fand die beiden, rechts und links neben dem Herz aus Haar auf die Dielen niedergestreckt, auch im Tod nicht vereint, denn in den letzten Qualen des Sterbens hatte er sich wohl weggedreht.
Rock my Boat!